In der Literatur sind Familienfeste oft der Hintergrund für die großen Dramen. Unglück deutet sich an, Streit bricht aus, Menschen entzweien sich oder finden zu einander. Frieden und Krieg, Haß und Liebe.
Doch die Wirklichkeit ist manchmal sehr viel trister.
Da geschieht auf den Familienfesten - gar nichts. Und vielleicht ist das am besten so.
Mancher kennt das vielleicht. Man sitzt dabei und gehört doch nicht dazu. Man ist kein Teil der Gemeinschaft. Nur der Höflichkeit halber eingeladen. Man wird geduldet, und verläßt man den Raum, dann stecken die anderen die Köpfe zusammen.
Das aber ist kein Drama. Es ist auch kein Unglück.
Es ist eben manchmal einfach so.
Es ist auf der anderen Seite auch ein Stück Freiheit, das sich zu bewahren und zu schätzen lohnt.
Schließlich bringt es uns in der Regel auch nicht weiter, wenn wir unser Leben nach den Vorstellungen der anderen führen.
So lernt man doch auf den Familienfeiern: Man erfährt, wem man vertrauen kann und wem nicht.
Und das Wissen kann uns stark machen, selbst wenn wir erkennen, daß wir am Ende nur uns selbst vertrauen können.
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Samstag, 14. März 2009
Montag, 9. März 2009
Eine Warnung
Ich möchte an dieser Stelle eine Warnung aussprechen.
Keine Angst, es geht nicht um die Wirtschaft, das Klima oder den Weltuntergang. Es geht um unsere Mitmenschen.
Im Leben widerfährt es uns immer wieder, daß wir verraten und verlassen werden. Versprechen werden gebrochen, in der Not läßt man uns im Stich. Menschen verschwinden klammheimlich ohne ein Wort der Entschuldigung. Sie lassen uns in offene Messer rennen und verletzen uns - manchmal aus Versehen, manchmal mit kalter Berechnung - immer wieder das Herz aus dem Leib.
Ja, das wirft uns zu Boden. Das treibt uns in die Verzweiflung.
Doch davon dürfen wir uns nicht verwirren lassen.
Es wußte doch schon Hölderlin: "WO ABER GEFAHR IST, WÄCHST DAS RETTENDE AUCH."
Es sind nicht alle Menschen so. Immer wieder treffen wir auf Menschen, die uns helfen, die für uns da sind, die uns unter die Arme greifen und uns beistehen. Sie hören uns zu und sind einfach da, wenn wir sie brauchen.
Auf sie können wir uns verlassen.
Wenn wir uns das Herz verhärten lassen, weil wir nur an die Menschen denken, die uns Schmerz und Unrecht zugefügt haben, gehen wir vielleicht an den guten, freundlichen Menschen vorüber und scheren sie mit den anderen über einen Kamm.
Das wird uns auf Dauer einsam werden lassen.
Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser.
Dazu kommt noch etwas: Wie wichtig ist das, was uns andere Menschen antun? Und wie wichtig das, was wir anderen Menschen an Schmerz und Glück zufügen?
So, ein paar Gedanken.
Und laßt euch nicht die Herzen verhärten. Das ist es nicht wert.
Keine Angst, es geht nicht um die Wirtschaft, das Klima oder den Weltuntergang. Es geht um unsere Mitmenschen.
Im Leben widerfährt es uns immer wieder, daß wir verraten und verlassen werden. Versprechen werden gebrochen, in der Not läßt man uns im Stich. Menschen verschwinden klammheimlich ohne ein Wort der Entschuldigung. Sie lassen uns in offene Messer rennen und verletzen uns - manchmal aus Versehen, manchmal mit kalter Berechnung - immer wieder das Herz aus dem Leib.
Ja, das wirft uns zu Boden. Das treibt uns in die Verzweiflung.
Doch davon dürfen wir uns nicht verwirren lassen.
Es wußte doch schon Hölderlin: "WO ABER GEFAHR IST, WÄCHST DAS RETTENDE AUCH."
Es sind nicht alle Menschen so. Immer wieder treffen wir auf Menschen, die uns helfen, die für uns da sind, die uns unter die Arme greifen und uns beistehen. Sie hören uns zu und sind einfach da, wenn wir sie brauchen.
Auf sie können wir uns verlassen.
Wenn wir uns das Herz verhärten lassen, weil wir nur an die Menschen denken, die uns Schmerz und Unrecht zugefügt haben, gehen wir vielleicht an den guten, freundlichen Menschen vorüber und scheren sie mit den anderen über einen Kamm.
Das wird uns auf Dauer einsam werden lassen.
Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser.
Dazu kommt noch etwas: Wie wichtig ist das, was uns andere Menschen antun? Und wie wichtig das, was wir anderen Menschen an Schmerz und Glück zufügen?
So, ein paar Gedanken.
Und laßt euch nicht die Herzen verhärten. Das ist es nicht wert.
Montag, 2. März 2009
Sonntag, 1. März 2009
APOLDA -Der Blick nach Oben

Die Großstadt ist ein Traum, wenn man in Apolda lebt. Ich schreibe das ohne jegliches Urteil. Sie ist keine strahlende Erscheinung und auch kein Alpdruck. Sie ist ein Fernes, ein Unvorstellbares.
Apolda ist eine Stadt, die sich schon am Nachmittag zur Ruhe legt. Am Sonnabend ist sie schon vor dem Mittagsläuten eingeschlafen. Sie träumt nicht mehr. Ihr Schlummer ist ohne Erscheinung. Ein tiefes, schweres Ruhen, ein leeres Rauschen, und man kann sie verhalten atmen hören, wenn man durch die Gassen geht. Dann spürt man, wie ruhelos sie ist, trotz alledem.
Die Straßen sind eng, haben keinen Horizont, und sie sind voller Schatten. Wenn es regnet, steigt kalter, metallener Dunst auf, der sich als bitterer Geschmack auf Zunge und Gaumen legt. Man muß sehr weit nach oben steigen, um Licht zu erblicken, um über die Stadt hinaus zu sehen. Dort gibt es Felder, ausgedehnte Wiesen, Waldstücke, anmutige Berge. Im Inneren vergißt man das schnell.
Vieles vergißt man in Apolda. Zwischen bewohnten Häusern stehen leere Fabrikhallen. Überreste einer vergangenen Zeit und einer vergangenen Größe. In der Tat war Apolda einstmals eine wohlhabende Stadt. Das Strickerhandwerk hatte sie reich gemacht, und von weither kamen die Menschen, um hier zu leben und zu arbeiten. Und sie fand Erwähnung in den Werken Goethes und Thomas Manns. Auch heute kommen die Menschen noch. Doch sie bleiben stets nur auf Durchreise.
Neben dem Busbahnhof befindet sich das Altersheim. Beide sind Orte, an denen man darauf wartet, nach Hause zu fahren. Überhaupt ist Apolda eine Stadt, die man verläßt. Niemand bleibt hier, dem andere Wege offen stehen. Andere Orte rufen nach denen, die gehen, Orte, die vielleicht nicht schöner oder lebendiger sind, aber größer, lauter und weniger verfallen.
Alles strebt zum Licht, aber hier will die Sonne nicht scheinen. Selbst die Sommer sind nur schwül und heiß. Dann fällt das Atmen schwer zwischen den Häusern. Zu viel Stein hemmt das frische Leben.
Ich weiß nicht, ob Apolda ein guter Ort zum Leben ist, aber zum Sterben ist er so gut, wie jeder andere auch; und die Zeit des Todes kann hier auf angenehmste Weise verbracht werden. Einer der schönsten Orte der Stadt, neben dem Alten Schloß und dem Parkdeckdach des Supermarktes, ist der Friedhof. Er ist schattig und kühl. Hier ragen die Bäume hoch auf in den Himmel, und alles ist von einem dichten Gebüsch umgeben und durchdrungen. Ein verwunschener Garten, wie ihn Kinder sich erträumen, die noch an Märchen glauben. Man schleicht an alten Grabmälern vorbei, die prunkvollen Mausoleen gleichen und vergißt gleichsam, daß draußen die graue Stadt noch immer nicht verschwunden ist. Auf dem Friedhof ist es anders. Die Zeit schweigt, aber die Vögel singen. Eichhörnchen tummeln sich in den Wipfeln der Blutbuchen. Schmetterlinge umwirbeln die Efeuranken. Auf einigen Gräbern brennen Kerzen. Lichter der anderen Welt, der man hier näher zu kommen meint. Ein Schritt weiter, und man ist hinüber gegangen.
Mein Lieblingsort in Apolda aber ist das Oberste Parkdeck eines großen Supermarktes. Dieser befindet sich mitten in der Stadt, am tiefsten Punkt des Tales, über das die Stadt ausgebreitet liegt gleich dem Unterholz eines Gebirgswaldes. (Menschen wie Bäume. Sie scheinen einander zu fliehen, und doch sind sie verbunden, gleichsam gegen ihren Willen. Vielleicht, weil beide – die Bäume und die Menschen – beseelten sind, und ihre Seelen, auch wenn ihre Leiber nach außen streben, zieht es immer wieder zusammen, weil EINE Seele alles Leben umfaßt.) Das Parkdeckdach des Supermarktes ist ein besonderer Ort, beinahe magisch. Man ist erhoben, ja erhaben. Aber man überragt die Stadt nicht. Man schwebt auf einer Höhe mit den Kirchtürmen und den Hügeln, die Apolda umschließen. Man enthebt sich dennoch der chthonischen Kleinstadt, man entflieht in ein Anderes, eine Wolkenstadt. Die Ahnung eines neuen, eines Himmlischen Apolda, das am Jüngsten Tag wie ein Traum über uns kommen mag, erfüllt den, der den Blick vergeblich in die Ferne richtet. Nur der Himmel öffnet sich dem Schauenden. Entrückung, die ein Nebel ist. Man ist nicht fremd. Man fühlt sich als Teil – der Wolken, der Hügel, des Himmels. Man wird selbst ein Nebel und meint, vom nächsten Wind davongetragen zu werden. Und während man in stummer Betrachtung des Augenblicks verweilt, fließt der nicht versiegende Strom derer, die im Supermarkt nur nach Waren suchen und anderes vergessen haben. In Augenblicken wie diesen fühlt man sich beinahe zu Hause, dann ist Heimat mehr als ein Wort, doch alles zerfällt zu Tau auf dem grauen Asphalt der Straßen.
So endet der Tag; und mit flammendem Abendrot wirft sich die Dämmerung über die Stadt. Noch ehe die Sonne untergegangen ist, fallen die Schatten über die Gassen, und hinter den Fenstern entzünden sich Lichter. Aber der Vollmond leuchtet hell. Silberne Strahlen stürzen auf uns nieder, die Sterne leuchten auf, und die Nacht ist wie Seide, ein Hochamt der Stille, ein Gebet um Frieden und Schönheit, und ein Schrei, der grell hinaus fällt vom Grau in das Nicht-Sein der Unendlichkeit.
Vielleicht ist Heimat eine Entscheidung, die jeder für sich allein fällen muß. Und dann muß man bestimmen, ob Heimat ein Ort ist, den man verläßt, an dem man bleibt, oder zu dem man eines Tages zurück kehren will.
Wer in Apolda bleibt, hat nicht immer diese Entscheidung getroffen. Viele bleiben, weil hier der einzige Ort ist, an dem sie sein können. Doch das gilt auch für viele von denen, die gehen.
Mag sein, daß man in den Großstädten der Welt freier atmen kann, doch Einsamkeit ist sich immer gleich, an allen Orten der Welt, ebenso Liebe, Freundschaft und Glück. Es ist nicht wichtig, wo man gerade ist. Gottes Wind weht überall, und auch über Apolda geht er hinweg, Tag für Tag. Gott hat uns nicht verlassen in Apolda, auch die Hoffnung ist uns geblieben, und das ist hier ein großes Wort.
Freitag, 20. Februar 2009
Frühblüher
Die Nächte in Mittelthüringen sind kalt. Die Straßen sind glatt, immer wieder fällt Schnee.
Gut, Schnee ist selten geworden.
Aber ich für meinen Teil habe genug Winter für die nächsten zwölf Monate gehabt. Ich bin reif für den Frühling.
Ich will wieder warme Tage haben. Die Luft soll nach Blüten duften. Das Leben soll wieder sprießen. So ein blühender Baum ist doch der größte Trost, den man sich wünschen kann.
Wenn der Winter so anhält, spüre ich einen Nachhall des Verlangens, daß unsere Vorfahren dazu trieb, den Frühling herbei zu sehnen, herbei zu wünschen.
Doch das erste Zeichen für die Endlichkeit des Winters habe ich heute im Garten gefunden - erste wachsende Schneeglöckchensprossen.
Gut, Schnee ist selten geworden.
Aber ich für meinen Teil habe genug Winter für die nächsten zwölf Monate gehabt. Ich bin reif für den Frühling.
Ich will wieder warme Tage haben. Die Luft soll nach Blüten duften. Das Leben soll wieder sprießen. So ein blühender Baum ist doch der größte Trost, den man sich wünschen kann.
Wenn der Winter so anhält, spüre ich einen Nachhall des Verlangens, daß unsere Vorfahren dazu trieb, den Frühling herbei zu sehnen, herbei zu wünschen.
Doch das erste Zeichen für die Endlichkeit des Winters habe ich heute im Garten gefunden - erste wachsende Schneeglöckchensprossen.
Freitag, 13. Februar 2009
Freitag der Dreizehnte
Haben Sie heute schon Pech gehabt?
Wenn nicht, dann achten Sie mal darauf. Es ist so leicht, sich an einem Stück Papier zu schneiden. Noch leichter ist es, auf der Treppe zu stolpern oder den Kaffee über die neue Bluse zu schütten.
Die Sonne scheint, aber das wird nicht lange anhalten.
Sie haben einen dringenden Anruf zu machen, aber der Akku des Mobiltelefons gibt den Geist auf. Gerade im rechten Augenblick.
So ein Unheil aber auch.
Und alles nur, weil Freitag der Dreizehnte ist?
Das Unheil, das uns wiederfährt, hält sich aber leider nicht an Daten.
Nur wir sind es, die es vielleicht an bestimmten Tagen die kleinen Mißgeschickte, die uns widerfahren, anders interpretieren.
Also, denken Sie dran, wenn Sie sich heute am Papier schneiden, den Kaffee verschütten oder auf der Treppe stolpern. Das Unglück verfolgt Sie nicht.
Gehen Sie mit einem Lächeln darüber hinweg. Und genießen Sie den Tag.
Wenn nicht, dann achten Sie mal darauf. Es ist so leicht, sich an einem Stück Papier zu schneiden. Noch leichter ist es, auf der Treppe zu stolpern oder den Kaffee über die neue Bluse zu schütten.
Die Sonne scheint, aber das wird nicht lange anhalten.
Sie haben einen dringenden Anruf zu machen, aber der Akku des Mobiltelefons gibt den Geist auf. Gerade im rechten Augenblick.
So ein Unheil aber auch.
Und alles nur, weil Freitag der Dreizehnte ist?
Das Unheil, das uns wiederfährt, hält sich aber leider nicht an Daten.
Nur wir sind es, die es vielleicht an bestimmten Tagen die kleinen Mißgeschickte, die uns widerfahren, anders interpretieren.
Also, denken Sie dran, wenn Sie sich heute am Papier schneiden, den Kaffee verschütten oder auf der Treppe stolpern. Das Unglück verfolgt Sie nicht.
Gehen Sie mit einem Lächeln darüber hinweg. Und genießen Sie den Tag.
Mittwoch, 11. Februar 2009
Die Krähen
Früher gab es mehr Krähen. Ich erinnere mich an Tage, in denen Krähenschwärme in nahezu endloser Zahl über den Himmel zogen und ihn verdunkelten. Als Kind fürchtete ich mich vor ihnen. Ich hatte Geschichten gehört von Krähen, die Menschen, vor allem kleine Kinder, bei lebendigem Leibe zerstückelt hatten.
Heute weiß ich, daß diese Geschichten unsinnig waren. Krähen tun keinem Menschen etwas zu leide, auch wenn uns Hitchcock etwas anderes erzählt. Aber "Die Vögel" sind doch nur ein Film. Das ist keine Wirklichkeit.
Wenn Krähen uns Geschichten erzählen würden, berichteten sie von Männern mit langen Stöcken, aus deren Enden Feuer empor schießt. Kugeln, die viele ihrer Artgenossen das Leben kosten und die ihre Zahl auf unserem Planten so reduziert haben, daß nun nur noch ein kümmerlicher Schwarm von kaum fünfzig Vögeln über unserem Feld seine Runden zieht.
Der Unterschied zwischen den Geschichten der Vögel über die Menschen und den Geschichten der Menschen über diese Vögel wäre der: Die Geschichten der Krähen wären wahr.
Vielleicht erzählen sie so einander vom Tod ihrer Gefährten, wenn sie auf den Bäumen sind und krächzen.
Krähen sind klug. Wissenschaftler haben herausgefunden, daß Krähen, wie Raben und Elstern und andere Rabenvögel, über Ich-Bewußtsein verfügen. Sie haben also ein Empfinden dafür, wer sie sind. Sie wissen um sich selbst, um ihr Leben, ihre Endlichkeit und ihren Tod.
Mehrfach grausam also ist der Tod, der ihnen angetan wird.
Aber die Menschen sehen in den Krähen ihre Feinde. Sie meinen, ein Recht zu haben, sie zu töten. Sie hängen noch den alten Ammenmärchen nach, sehen vielleicht in Krähen die Vorboten des Unheils. Der Bauer sieht seine Saat bedroht und erschießt die Krähen.
So viele Vögel, die sterben müssen, weil sie dem Menschen im Wege sind.
Und der Mensch meint, er sei wichtiger als diese Vögel. Deshalb darf er sie nach Belieben töten.
Als Kind hatte ich Angst vor den Krähenschwärmen. Heute bin ich kein Kind mehr und sehne mich nach ihnen zurück: Nach diesen wundervollen, rätselhaften, sagenumwobenen Vögeln. Und ich wünschte, sie würden noch einmal, so wie früher, den Himmel über den Städten mit ihrem Gefieder verfinstern.
Heute weiß ich, daß diese Geschichten unsinnig waren. Krähen tun keinem Menschen etwas zu leide, auch wenn uns Hitchcock etwas anderes erzählt. Aber "Die Vögel" sind doch nur ein Film. Das ist keine Wirklichkeit.
Wenn Krähen uns Geschichten erzählen würden, berichteten sie von Männern mit langen Stöcken, aus deren Enden Feuer empor schießt. Kugeln, die viele ihrer Artgenossen das Leben kosten und die ihre Zahl auf unserem Planten so reduziert haben, daß nun nur noch ein kümmerlicher Schwarm von kaum fünfzig Vögeln über unserem Feld seine Runden zieht.
Der Unterschied zwischen den Geschichten der Vögel über die Menschen und den Geschichten der Menschen über diese Vögel wäre der: Die Geschichten der Krähen wären wahr.
Vielleicht erzählen sie so einander vom Tod ihrer Gefährten, wenn sie auf den Bäumen sind und krächzen.
Krähen sind klug. Wissenschaftler haben herausgefunden, daß Krähen, wie Raben und Elstern und andere Rabenvögel, über Ich-Bewußtsein verfügen. Sie haben also ein Empfinden dafür, wer sie sind. Sie wissen um sich selbst, um ihr Leben, ihre Endlichkeit und ihren Tod.
Mehrfach grausam also ist der Tod, der ihnen angetan wird.
Aber die Menschen sehen in den Krähen ihre Feinde. Sie meinen, ein Recht zu haben, sie zu töten. Sie hängen noch den alten Ammenmärchen nach, sehen vielleicht in Krähen die Vorboten des Unheils. Der Bauer sieht seine Saat bedroht und erschießt die Krähen.
So viele Vögel, die sterben müssen, weil sie dem Menschen im Wege sind.
Und der Mensch meint, er sei wichtiger als diese Vögel. Deshalb darf er sie nach Belieben töten.
Als Kind hatte ich Angst vor den Krähenschwärmen. Heute bin ich kein Kind mehr und sehne mich nach ihnen zurück: Nach diesen wundervollen, rätselhaften, sagenumwobenen Vögeln. Und ich wünschte, sie würden noch einmal, so wie früher, den Himmel über den Städten mit ihrem Gefieder verfinstern.
Montag, 9. Februar 2009
Herbizidgelb – Winter noch mal

Die Krähen sind unruhig geworden auf dem kleinen Feld vor unsrem Haus. Aufgeregt fliegen sie hin und her und schreien unablässig. Schwarze Flecken sind sie auf dem herbizidgelben Stoppelacker.
Herbizidgelb.
Der Bauer hat diese Pflanzengift gesprüht, das alle zweikeimblättrigen Gewächse vernichtet. Angeblich ist das Zeug harmlos und kann weder dem Erdreich, noch dem Grundwasser etwas anhaben. Und der Bauer spart sich das Pflügen.
Herbizidgelb.
Malerisch nimmt es sich von weitem aus – dieser rostige Gelbton mit einem Stich ins Ockerfarbene. Eine willkommene Abwechslung im winterlichen Einheitsgrau.
Doch die Ästhetik der Erscheinung zerbricht an der Wirklichkeit.
Der Lauf der Welt.
In einigen Jahren wird man herausfinden, daß das Herbizid doch harmvoll ist und großen Schaden an der Vegetation und der Fauna angerichtet und nicht zuletzt auch den Menschen geschadet hat.
Dann, nehme ich an, werden die Verantwortlichen sofort reagieren und dafür sorgen, daß das Mittel verboten wird – 20 Jahre später.
Sonntag, 8. Februar 2009
Warum ich keine Slammerin bin
Poetry Slam ist in. Veranstaltungen, die unter diesem Etikett laufen, ziehen Publikum in Schaden an. Auf diesen Events tragen Menschen zwischen zwölf und zweiundachtzig ihre Texte vor, die lyrischer, satirischer oder komödiantischer Natur sind und einen Zeitrahmen von fünf Minuten füllen müssen. Am Ende darf dann noch das hochgelobte Publikum abstimmen, wer der Beste war, und so kann einer als Gewinner nach Hause gehen. Die anderen haben verloren, dürfen sich aber darüber freuen, dabei gewesen zu sein.
Die Fan-Gemeinde des Poetry Slam ist riesengroß, und ebenso von scheinbarer Heterogenität wie die der Slammer selbst. Scheinbar ist diese Vielfalt deshalb, weil man doch eine gewisse Uniformität in Publikum und Vortragenden nicht leugnen kann. Ist dies also wirklich „Vielfalt, was da geboten wird?
Aus dem Titel, den ich diesem Text vorangestellt habe, geht schon hervor, daß diese Sache „Not my Cup of Tea“ ist
Nein, ich bin keine Slammerin, und ich werde auch nie eine werden. Gott weiß, ich habe es versucht. Ich bin gescheitert. Aber was uns nicht umbringt, macht uns stärker, wußte schon Nietzsche. So bin ich gescheitert an der Unvereinbarkeit meiner eigenen Ideale mit den Idealen des Poetry Slam. Und das ist eine Erkenntnis, die mir Kraft gibt.
Ja, mag man jetzt tönen, sie mag keinen Poetry Slam, weil sie nicht zeitgemäß und aufgeschlossen ist. Zu konservativ ist sie. Verhalten am Althergebrachten, an den klassischen Formen der Dichtung, die sich längst überholt haben.
Den Vorwurf nehme ich gern an. Ich widerspreche ihm auch nicht – bis zu dem Teil, der die klassischen poetischen Formen als überholt betrachtet.
Sollte es nicht in unserer Zeit möglich sein, wirkliche Vielfalt auf im Bewahren des Bewährten gelten zu lassen.
Die Kathedrale von Chartre reißt man ja auch nicht ab, nur weil die Gotik heutzutage passè ist. Und die Pyramiden von Gizeh läßt man auch stehen.
Aber ich schweife ab.
Ich bin der Überzeugung, daß jeder seines Glückes Schmied ist – in der Hinsicht, daß jeder schon weiß, was ihn glücklich macht, was ihm gefällt und erfreut und aus eben diesen Gründen danach strebt. Das soll jeder auch tun. Wer von einem Poetry Slam glücklich wird, ob als Rezipient oder als Vortragender, der dieses Glück genießen und froh darüber sein, etwas zu haben, das ihm Freude bereitet.
Aber was für ein Bild gäbe das Verbot ab, dieses Phänomen kritisch zu betrachten oder gar zu hinterfragen?
Bei einem Poetry Slam wird das, was man sehr weitläufig als Lyrik bezeichnen kann, zum Ereignis. Manche Slammer haben eine richtige Fan-Gemeine, die jeden Auftritt ihres Idols bejubelt. Man grölt, man lacht, man klatscht. Man will unterhalten werden.
Und am Ende wird der Beste zum Sieger gekürt.
Meiner Ansicht nach liegt schon im Namen der Sache der Hase im Argen, und damit meine ich nicht, daß der Ausdruck ein Anglizismus ist. Aber zusammengesetzte Substantive sind wie Brüche in der Mathematik: Es gibt einen Zähler und einen Nenner, und der Nenner sagt, wo es lang geht.
Ein Schaukelstuhl ist in erster Linie ein Stuhl. Eine Standuhr ist in erster Linie eine Uhr. Ein Himmelbett ist in erster Linie ein Bett. Und ein Poetry Slam ist in erster Linie – ein Slam, also ein Schlagabtausch oder Wettkampf.
Die Poesie wird zwar an erster Stelle genannt, doch sie gibt lediglich die Art und Weise des Schlagabtausches vor. Und so finden sich dann auch die zusammen, die in erster Linie gewinnen wollen; und die dargebotenen Texte – inklusive Vortrag – ordnen sich der Maxime unter, besser zu sein als die anderen. Und besser ist das, was der Mehrheit des Publikums gefallen. Letztlich ist es also ein Buhlen um die Gunst des Publikums.
Halten wir fest: Bei einem Poetry Slam geht es nicht um Poesie. Es geht um den Wettstreit und um den Schlagabtausch.
In zweiter Hinsicht geht es darum, diesen Wettstreit so unterhaltsam wie möglich zu betreiben. Unterhaltung ist nichts verwerfliches. Noch weniger verwerflich ist unterhaltsam dargebotene Kunst. Die Frage ist nur, ob die Unterhaltsamkeit Zweck oder Mittel ist.
Unterhaltung hat in der Kunst vor allem dann einen hohen Stellenwert, wenn sie gewissermaßen als Bei-Produkt des künstlerischen Erlebens entsteht.
Kunstwerke, die aber a priori auf Unterhaltsamkeit abzielen, die also dem Diktat und dem Zwang zur Unterhaltsamkeit unterworden sind, können nicht anders als mittelwertig sein, denn Extrema – zum Guten wie zum Schlechten – haben keinen Unterhaltungswert.
Für mich persönlich ist Unterhaltsamkeit keine Kategorie, die für Lyrik relevant wäre. Von einem Gedicht will ich nicht unterhalten werden. Was ich mir von einem Gedicht ersehne, ist dieser Augenblick der Wahrhaftigkeit, der uns überfällt, wie ein Ungewitter, und der uns, wenn er vorübergezogen ist, weiser und stiller zurücklässt.
Für mich ist ein Gedicht ein Moment des Innehaltens, der innerlichen Einkehr, der Versenkung. Es ist geronnene Zeit in Schmerz oder Glück, ein Lächeln der Ewigkeit. Stille Betrachtung, Nachdenklichkeit, Meditation, Erkenntnis und ein Abglanz der Erleuchtung.
Freilich ist dies das Besondere. Nicht jedes Gedicht, und stammte es auch aus den Federn der Großen, erfüllt diese Ansprüche, doch selbst „die Geringsten unter ihnen“ tragen zumindest das Versprechen in sich auf einen Abklang des großen Liedes: „Du bist größer, als du meinst, und die Welt ist mehr, als du dir denken kannst.“
Beim Slam wird das Gedicht oder, besser gesagt, der Text reduziert auf das Ereignis, den Vortrag, die fünf Minuten Unterhaltung, und um die Zeitvorgabe zu erfüllen, müssen Texte oftmals in die Länge gezogen werden. Die geheimnisvolle Verdichtung, die Rätsel aufgibt, und die ein Wesensmerkmal der Lyrik ist, geht so verloren. Die Performance wird zur Hauptsache, der Text bleibt Bei-Produkt.
Auch die Verfasser der Texte werden zu Performern, Darstellern und Unterhaltern.
Der Dichter, der aus seinem Text heraus lebt und schreibt und arbeitet, hat hier nur dann die Chance zu bestehen, wenn er es schafft, sich den Regeln und Notwendigkeiten des Slam unterzuordnen.
Mit einem Sonett darf man freilich nicht ankommen, denn mit vierzehn Zeilen füllt man keine fünf Minuten.
Ich nun, um den Kreis zu schließen, bin keine Slammerin und werde es auch nicht werden, denn ordnete ich mich den Gesetzmäßigkeiten des Poetry Slam unter, ich müßte das aufgeben, was Poesie mir bedeutet.
Auch für mich gehören Lesungen und Lesekonzerte zum Alltag. Ohne das geht es nun einmal nicht, doch liegt mir immer daran, das Wort – nicht die Performance – in den Vordergrund zu stellen.
Das Wort, das ist auch das geschriebene Wort. Ein Text muß auch dann bestehen, wenn er auf das nackte geschriebene Wort zurückgeführt ist.
Man soll mich nicht falsch verstehen. Viele Texte, die auf Slams dargeboten werden, sind von großer Qualität. Sie wären es auch dann, wenn sie nicht mit Geschick und Übung vorgetragen werden würden, doch dann – und das ist vielleicht das Bedauerliche, würde keiner davon Notiz nehmen.
Auch wenn viele Menschen zu diesen Veranstaltungen kommen, nur wenige von ihnen nehmen sich wirklich die Zeit und die Muse, um ein Gedicht auch zu lesen und intensiv zu erfahren.
Schnell-lebig ist unsere Zeit geworden. Und der Poetry Slam fügt sich gut ein in dieses Lebensgefühl. Die urbanen Intelligenzler haben ihren Zeitvertreib, und die Vortragenden haben ihren Spaß. Doch ein Wettstreit bleibt ein Wettstreit, und der Sieger steht am Ende immer anders da als der Verlierer. Aber auch der Wettstreit ist eben auch unserer Gesellschaft angemessen, und um so besser, wenn er alle Bereiche des Lebens durchdringt.
Aber sollte es Aufgabe des Künstlers sein, sich in die Gesellschaft einzufügen, vor allem dann, wenn diese wie die unsrige an allen Enden zerbricht?
Nein, ich bin keine Slammerin.
Ich werde auch keine.
Ich bewahre mir einfach die Hoffnung, daß in unserer zerbrechenden Welt immer noch ein Gedicht zurückblieben kann, an dem man sich festhalten darf, und es nur Hilde Domins berühmte „Rose als Stütze“.
Die Fan-Gemeinde des Poetry Slam ist riesengroß, und ebenso von scheinbarer Heterogenität wie die der Slammer selbst. Scheinbar ist diese Vielfalt deshalb, weil man doch eine gewisse Uniformität in Publikum und Vortragenden nicht leugnen kann. Ist dies also wirklich „Vielfalt, was da geboten wird?
Aus dem Titel, den ich diesem Text vorangestellt habe, geht schon hervor, daß diese Sache „Not my Cup of Tea“ ist
Nein, ich bin keine Slammerin, und ich werde auch nie eine werden. Gott weiß, ich habe es versucht. Ich bin gescheitert. Aber was uns nicht umbringt, macht uns stärker, wußte schon Nietzsche. So bin ich gescheitert an der Unvereinbarkeit meiner eigenen Ideale mit den Idealen des Poetry Slam. Und das ist eine Erkenntnis, die mir Kraft gibt.
Ja, mag man jetzt tönen, sie mag keinen Poetry Slam, weil sie nicht zeitgemäß und aufgeschlossen ist. Zu konservativ ist sie. Verhalten am Althergebrachten, an den klassischen Formen der Dichtung, die sich längst überholt haben.
Den Vorwurf nehme ich gern an. Ich widerspreche ihm auch nicht – bis zu dem Teil, der die klassischen poetischen Formen als überholt betrachtet.
Sollte es nicht in unserer Zeit möglich sein, wirkliche Vielfalt auf im Bewahren des Bewährten gelten zu lassen.
Die Kathedrale von Chartre reißt man ja auch nicht ab, nur weil die Gotik heutzutage passè ist. Und die Pyramiden von Gizeh läßt man auch stehen.
Aber ich schweife ab.
Ich bin der Überzeugung, daß jeder seines Glückes Schmied ist – in der Hinsicht, daß jeder schon weiß, was ihn glücklich macht, was ihm gefällt und erfreut und aus eben diesen Gründen danach strebt. Das soll jeder auch tun. Wer von einem Poetry Slam glücklich wird, ob als Rezipient oder als Vortragender, der dieses Glück genießen und froh darüber sein, etwas zu haben, das ihm Freude bereitet.
Aber was für ein Bild gäbe das Verbot ab, dieses Phänomen kritisch zu betrachten oder gar zu hinterfragen?
Bei einem Poetry Slam wird das, was man sehr weitläufig als Lyrik bezeichnen kann, zum Ereignis. Manche Slammer haben eine richtige Fan-Gemeine, die jeden Auftritt ihres Idols bejubelt. Man grölt, man lacht, man klatscht. Man will unterhalten werden.
Und am Ende wird der Beste zum Sieger gekürt.
Meiner Ansicht nach liegt schon im Namen der Sache der Hase im Argen, und damit meine ich nicht, daß der Ausdruck ein Anglizismus ist. Aber zusammengesetzte Substantive sind wie Brüche in der Mathematik: Es gibt einen Zähler und einen Nenner, und der Nenner sagt, wo es lang geht.
Ein Schaukelstuhl ist in erster Linie ein Stuhl. Eine Standuhr ist in erster Linie eine Uhr. Ein Himmelbett ist in erster Linie ein Bett. Und ein Poetry Slam ist in erster Linie – ein Slam, also ein Schlagabtausch oder Wettkampf.
Die Poesie wird zwar an erster Stelle genannt, doch sie gibt lediglich die Art und Weise des Schlagabtausches vor. Und so finden sich dann auch die zusammen, die in erster Linie gewinnen wollen; und die dargebotenen Texte – inklusive Vortrag – ordnen sich der Maxime unter, besser zu sein als die anderen. Und besser ist das, was der Mehrheit des Publikums gefallen. Letztlich ist es also ein Buhlen um die Gunst des Publikums.
Halten wir fest: Bei einem Poetry Slam geht es nicht um Poesie. Es geht um den Wettstreit und um den Schlagabtausch.
In zweiter Hinsicht geht es darum, diesen Wettstreit so unterhaltsam wie möglich zu betreiben. Unterhaltung ist nichts verwerfliches. Noch weniger verwerflich ist unterhaltsam dargebotene Kunst. Die Frage ist nur, ob die Unterhaltsamkeit Zweck oder Mittel ist.
Unterhaltung hat in der Kunst vor allem dann einen hohen Stellenwert, wenn sie gewissermaßen als Bei-Produkt des künstlerischen Erlebens entsteht.
Kunstwerke, die aber a priori auf Unterhaltsamkeit abzielen, die also dem Diktat und dem Zwang zur Unterhaltsamkeit unterworden sind, können nicht anders als mittelwertig sein, denn Extrema – zum Guten wie zum Schlechten – haben keinen Unterhaltungswert.
Für mich persönlich ist Unterhaltsamkeit keine Kategorie, die für Lyrik relevant wäre. Von einem Gedicht will ich nicht unterhalten werden. Was ich mir von einem Gedicht ersehne, ist dieser Augenblick der Wahrhaftigkeit, der uns überfällt, wie ein Ungewitter, und der uns, wenn er vorübergezogen ist, weiser und stiller zurücklässt.
Für mich ist ein Gedicht ein Moment des Innehaltens, der innerlichen Einkehr, der Versenkung. Es ist geronnene Zeit in Schmerz oder Glück, ein Lächeln der Ewigkeit. Stille Betrachtung, Nachdenklichkeit, Meditation, Erkenntnis und ein Abglanz der Erleuchtung.
Freilich ist dies das Besondere. Nicht jedes Gedicht, und stammte es auch aus den Federn der Großen, erfüllt diese Ansprüche, doch selbst „die Geringsten unter ihnen“ tragen zumindest das Versprechen in sich auf einen Abklang des großen Liedes: „Du bist größer, als du meinst, und die Welt ist mehr, als du dir denken kannst.“
Beim Slam wird das Gedicht oder, besser gesagt, der Text reduziert auf das Ereignis, den Vortrag, die fünf Minuten Unterhaltung, und um die Zeitvorgabe zu erfüllen, müssen Texte oftmals in die Länge gezogen werden. Die geheimnisvolle Verdichtung, die Rätsel aufgibt, und die ein Wesensmerkmal der Lyrik ist, geht so verloren. Die Performance wird zur Hauptsache, der Text bleibt Bei-Produkt.
Auch die Verfasser der Texte werden zu Performern, Darstellern und Unterhaltern.
Der Dichter, der aus seinem Text heraus lebt und schreibt und arbeitet, hat hier nur dann die Chance zu bestehen, wenn er es schafft, sich den Regeln und Notwendigkeiten des Slam unterzuordnen.
Mit einem Sonett darf man freilich nicht ankommen, denn mit vierzehn Zeilen füllt man keine fünf Minuten.
Ich nun, um den Kreis zu schließen, bin keine Slammerin und werde es auch nicht werden, denn ordnete ich mich den Gesetzmäßigkeiten des Poetry Slam unter, ich müßte das aufgeben, was Poesie mir bedeutet.
Auch für mich gehören Lesungen und Lesekonzerte zum Alltag. Ohne das geht es nun einmal nicht, doch liegt mir immer daran, das Wort – nicht die Performance – in den Vordergrund zu stellen.
Das Wort, das ist auch das geschriebene Wort. Ein Text muß auch dann bestehen, wenn er auf das nackte geschriebene Wort zurückgeführt ist.
Man soll mich nicht falsch verstehen. Viele Texte, die auf Slams dargeboten werden, sind von großer Qualität. Sie wären es auch dann, wenn sie nicht mit Geschick und Übung vorgetragen werden würden, doch dann – und das ist vielleicht das Bedauerliche, würde keiner davon Notiz nehmen.
Auch wenn viele Menschen zu diesen Veranstaltungen kommen, nur wenige von ihnen nehmen sich wirklich die Zeit und die Muse, um ein Gedicht auch zu lesen und intensiv zu erfahren.
Schnell-lebig ist unsere Zeit geworden. Und der Poetry Slam fügt sich gut ein in dieses Lebensgefühl. Die urbanen Intelligenzler haben ihren Zeitvertreib, und die Vortragenden haben ihren Spaß. Doch ein Wettstreit bleibt ein Wettstreit, und der Sieger steht am Ende immer anders da als der Verlierer. Aber auch der Wettstreit ist eben auch unserer Gesellschaft angemessen, und um so besser, wenn er alle Bereiche des Lebens durchdringt.
Aber sollte es Aufgabe des Künstlers sein, sich in die Gesellschaft einzufügen, vor allem dann, wenn diese wie die unsrige an allen Enden zerbricht?
Nein, ich bin keine Slammerin.
Ich werde auch keine.
Ich bewahre mir einfach die Hoffnung, daß in unserer zerbrechenden Welt immer noch ein Gedicht zurückblieben kann, an dem man sich festhalten darf, und es nur Hilde Domins berühmte „Rose als Stütze“.
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