Wir saßen wieder zusammen bei Kaffee und Kuchen. Immanuel hatte eine Königsberger Marzipantorte gebacken. Er wußte, daß ich diese am liebsten mochte. Er war ein begnadeter Konditor, und er freute sich, wenn man seine Torten lobte.
Ich sagte scherzhaft: „Diese Torte ist die Torte an sich!“
Aber Immanuel runzelte nur die Stirn. Ich war sicher die 132. Person, die diesen Scherz machte. Mein Humor war nicht besonders originell. Das hatten wir miteinander gemein.
Ich wartete darauf, daß er wieder seinen Lieblingswitz erzählen würde, den von Karl dem Zweiten und Graf Rochester.
[Karl der Zweite trifft Graf Rochester, der an einem Tisch sitzt und schreibt. Er fragt ihn, was er da schreibe, und der Graf antwortet: „Ich verfasse soeben die Grabinschrift Eurer Majestät.“ Der König, neugierig wie er nun mal ist, will sofort wissen, was denn der Graf da so über ihn schreibt, und Rochester liest laut vor: „Hier liegt König Karl der Zweite, welcher in seinem Leben viel Kluges gesagt und nie etwas Kluges getan hat.“]
Aber heute unterließ Immanuel das. Er wirkte nachdenklich, sogar ein wenig betrübt. Er goß den Kaffee ein, und ich lobte dessen Geschmack.
Dann saßen wir einander am Tisch gegenüber und schwiegen. Die Torte war köstlich, aber Immanuel rührte sein Stück nicht an. Ich begann mir Sorgen zu machen und fragte ihn, was ihn denn bedrückte.
Er seufzte nur, hob seine schmalen Schultern und sah mich an.
Ich wußte nun, was ihn beschäftigte. Es waren wieder die alten Fragen: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich glauben? Was ist der Mensch?
Ich sagte: „Immanuel, du mußt dich entspannen. Du brauchst Abwechslung. Du mußt mal raus aus Königsberg.“
„Ja, vielleicht“, erwiderte er zaghaft. „Aber wo soll ich denn dann hin?“
Ich ächzte müde, und wußte, daß „Wo soll ich hin?“ die fünfte seiner Fragen sein würde. Ich befürchtete, er könne ein Lehrbuch der Geographie verfassen, um diese Frage zu beantworten, deshalb sagte ich rasch: „Eine Fahrt ans Meer. Was hältst du von Danzig?“
Er sah mich fragend an.
Ich versuchte es erneut. „Karlsbad.“ Karlsbad war eine schöne Stadt. Ich hatte dort schon einige sehr erholsame Kuren verbracht. Dort ging man hin, wenn man müde war und etwas auf sich hielt. Für Immanuel war es der falsche Ort, aber ich nannte ihn dennoch und hoffte, ihn so an Karl den Zweiten und Graf Rochester zu erinnern.
Doch Immanuel griff das zugeworfene Seil nicht auf und schüttelte nur den Kopf.
„Nietzsche liebte die Berge“, sagte ich.
„Wer ist Nietzsche?“, fragte Immanuel.
„Ein Freund. Du kennst ihn nicht“, antwortete ich. Mir war noch rechtzeitig eingefallen, daß Nietzsche erst in 60 Jahren geboren werden sollte.
Immanuel stand von seinem Tisch auf und ging hinüber zu seinem Sekretär. Er zog ein Manuskript unter einem Stapel von Papieren hervor und reichte es mir. „Das habe ich geschrieben“; sprach er.
Ich laß den Titel: „Was ist Aufklärung?“
„Wie findest du es?“, fragte er und blickte mich mit erwartungsvoll strahlenden Augen an.
Ich sagte: „Das ist gut. Brillant. Wie alle deine Schriften. Wo nimmst du nur diese Ideen her?“
„Eine Idee ist ein Vernunftbegriff“, sagte Immanuel und lächelte geheimnisvoll.
„Und was ist nun Aufklärung?“, wollte ich wissen.
„Na was schon?“, meinte Immanuel, und setzte, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, hinzu: „Der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“
Ja, was denn sonst? Ich war zufrieden, und sicher waren das auch Graf Rochester und Karl der Zweite, obwohl ich niemals erfahren habe, wie der König diese doch nicht gerade schmeichelhafte Grabinschrift aufgenommen hat.
Als ich ging, versprach ich Immanuel, mich unbedingt meines eigenen Verstandes zu bedienen, und er schenkte mir zum Abschied noch ein Glas Senf. "Den gebe ich immer dazu", sagte er und lachte. Sein Humor war nicht originell.
Ein schöner Nachmittag war es gewesen, einer dieser Nachmittage, an die man sich noch lange erinnert, nicht, weil etwas bedeutendes geschehen ist, sondern einfach nur deshalb, weil die Zeit wie ein langsamer, sanfter Strom an uns vorüber geglitten ist.
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Freitag, 22. April 2011
Dienstag, 6. Oktober 2009
DER INQUISITOR
„Jeder Mensch ist ein Ketzer“, sagte der Inquisitor. „Meine Aufgabe ist es, sie zu überführen, und ich überführe jeden.“
Der Gelehrte, der mit ihm war, schüttelte den Kopf. „Wie kannst du so etwas sagen?“
„Ich sage es, weil es wahr ist“, beharrte der Inquisitor und lächelte den Gelehrten herausfordernd an. „Man gebe mir drei Zeilen des aufrechtesten Menschen der Welt, und ich finde darin etwas, das ihn an den Galgen bringt.“
„Also gut“, meinte der Gelehrte. Er nahm ein Blatt Pergament und eine Feder zur Hand und schrieb die Worte nieder: „Eins und Eins ergibt Zwei.“ Dann reichte er das Blatt dem Inquisitor.
Der Inquisitor las die Zeile durch und runzelte nachdenklich die Stirn. Er hob den Blick, und ein boshaftes Funkeln leuchtete in seinen Augen. Langsam sprach er: „So. Du leugnest die Dreieinigkeit Gottes? Ich fürchte, ich muß dich verhaften.“
Der Gelehrte, der mit ihm war, schüttelte den Kopf. „Wie kannst du so etwas sagen?“
„Ich sage es, weil es wahr ist“, beharrte der Inquisitor und lächelte den Gelehrten herausfordernd an. „Man gebe mir drei Zeilen des aufrechtesten Menschen der Welt, und ich finde darin etwas, das ihn an den Galgen bringt.“
„Also gut“, meinte der Gelehrte. Er nahm ein Blatt Pergament und eine Feder zur Hand und schrieb die Worte nieder: „Eins und Eins ergibt Zwei.“ Dann reichte er das Blatt dem Inquisitor.
Der Inquisitor las die Zeile durch und runzelte nachdenklich die Stirn. Er hob den Blick, und ein boshaftes Funkeln leuchtete in seinen Augen. Langsam sprach er: „So. Du leugnest die Dreieinigkeit Gottes? Ich fürchte, ich muß dich verhaften.“
Montag, 31. August 2009
Abschied vom alten Haus
Zum letzten Mal gehe ich durch das leere Haus. Die Möbel sind schon längst beiseite geschafft. Dick liegt der Staub auf dem Boden, und Spinnweben verdunkeln die Fenster.
Der alte Mann sitzt auf dem letzten verbliebenen Lehnstuhl. Er wendet den Blick ab, als ich zu ihm trete. Hier habe er gelebt, hier werde er sterben, sagt er; und ich verstehe. Schweigend lege ich meine Hand auf seine Schulter, dann verlasse ich das Zimmer.
Ein Rascheln ist aus den anderen Räumen zu vernehmen. Ratten und anderes ekles Getier – alle haben sich prächtig eingenistet, und ich bin froh, daß ich hier nicht bleiben muß, aber ich bedauere sie, weil sie keine andere Wohnstätte haben, indessen ich an den Pforten der Welt mit weit ausgestreckten Armen zum Himmel aufblicken kann.
Ich gehe hinaus und schließe zum letzten Mal hinter mir die Tür zu. Der Schlüssel wiegt schwer in meiner Hand, doch ich stecke ihn zurück in meine Tasche. Mag er noch eine Weile bei mir bleiben. Er wird mir Erinnerung sein, bis die Bilder verblaßt sind.
Über die Stadt ist die Dämmerung gezogen. Ein Schwarm aus Graugänsen fliegt dem Norden entgegen, und ich schlage die andere Richtung ein.
Bald liegt die Straße hinter mir. Einmal noch, ehe ich um die Ecke biege, wende ich mich um. Tot ist das Haus seit Jahren. Die Zeit wird es begraben, und alles wird gut sein.
Ein Lied kommt mir in den Sinn und ich singe es leise vor mich hin, während meine Schritte über den Asphalt hallen. Schon habe ich den Ort vergessen, an dem das Haus stand. Es war doch nur eine leblose Ruine. Bald werde ich auch die Straße vergessen haben, und dann wird auch kein zukünftig zufälliger Weg mich hier vorüberführen.
Ich sehe die Lichter in den anderen Häusern brennen. Dort leben Menschen.
Ich gehe weiter, bis es Nacht wird und ich die Stadt hinter mir zurückgelassen habe. Tausend Sterne und tausend fremde Städte liegen vor mir.
Ich gehe. Ich singe, und ich danke dem Herrn, der alles so treulich gefügt hat.
Der alte Mann sitzt auf dem letzten verbliebenen Lehnstuhl. Er wendet den Blick ab, als ich zu ihm trete. Hier habe er gelebt, hier werde er sterben, sagt er; und ich verstehe. Schweigend lege ich meine Hand auf seine Schulter, dann verlasse ich das Zimmer.
Ein Rascheln ist aus den anderen Räumen zu vernehmen. Ratten und anderes ekles Getier – alle haben sich prächtig eingenistet, und ich bin froh, daß ich hier nicht bleiben muß, aber ich bedauere sie, weil sie keine andere Wohnstätte haben, indessen ich an den Pforten der Welt mit weit ausgestreckten Armen zum Himmel aufblicken kann.
Ich gehe hinaus und schließe zum letzten Mal hinter mir die Tür zu. Der Schlüssel wiegt schwer in meiner Hand, doch ich stecke ihn zurück in meine Tasche. Mag er noch eine Weile bei mir bleiben. Er wird mir Erinnerung sein, bis die Bilder verblaßt sind.
Über die Stadt ist die Dämmerung gezogen. Ein Schwarm aus Graugänsen fliegt dem Norden entgegen, und ich schlage die andere Richtung ein.
Bald liegt die Straße hinter mir. Einmal noch, ehe ich um die Ecke biege, wende ich mich um. Tot ist das Haus seit Jahren. Die Zeit wird es begraben, und alles wird gut sein.
Ein Lied kommt mir in den Sinn und ich singe es leise vor mich hin, während meine Schritte über den Asphalt hallen. Schon habe ich den Ort vergessen, an dem das Haus stand. Es war doch nur eine leblose Ruine. Bald werde ich auch die Straße vergessen haben, und dann wird auch kein zukünftig zufälliger Weg mich hier vorüberführen.
Ich sehe die Lichter in den anderen Häusern brennen. Dort leben Menschen.
Ich gehe weiter, bis es Nacht wird und ich die Stadt hinter mir zurückgelassen habe. Tausend Sterne und tausend fremde Städte liegen vor mir.
Ich gehe. Ich singe, und ich danke dem Herrn, der alles so treulich gefügt hat.
Donnerstag, 30. Juli 2009
Harigasts Leichenbrand
Harigast der Starke war in der Schlacht gefallen, und seine Söhne richteten ein großes Fest aus, um seiner zu gedenken.
Vor den Augen vieler ruhmreicher Krieger wurde Harigasts Leib dem Feuer übergeben, und als das geschah, wehklagte keiner lauter und schmerzerfüllter als Wendil der Mächtige. Er zerriß seine Kleider, raufte seine Haare und rieb sein Fleisch mit spitzen Steinen.
Da traten Harigasts Söhne zu ihm und fragten ihn: "Warum klagst du so und bist so voller Trauer? Unser Vater war doch dein eingeschworener Feind."
"Ja, das war er", erwiderte Wendil. "Doch kein anderer lehrte mich, so trefflich zu kämpfen wie er."
Vor den Augen vieler ruhmreicher Krieger wurde Harigasts Leib dem Feuer übergeben, und als das geschah, wehklagte keiner lauter und schmerzerfüllter als Wendil der Mächtige. Er zerriß seine Kleider, raufte seine Haare und rieb sein Fleisch mit spitzen Steinen.
Da traten Harigasts Söhne zu ihm und fragten ihn: "Warum klagst du so und bist so voller Trauer? Unser Vater war doch dein eingeschworener Feind."
"Ja, das war er", erwiderte Wendil. "Doch kein anderer lehrte mich, so trefflich zu kämpfen wie er."
Sonntag, 21. Juni 2009
DIE FISCHE
- Für Alphonse -
Wir waren in den Wald gegangen, nur der Kardinal und ich. Es war ein herrlicher Morgen. Wie die Finger Gottes fiel das Licht der frischen Sonne durch das Geäst der Bäume. Die Luft war erfüllt von den Stimmen der Vögel, vom Duft des Jasmin. Die raschen Hammerschläge eines Spechtes echoten durch den Tann.
An einem Bach machten wir halt.
Der Kardinal spähte hinein in die Wellen und rief: „Glücklich sind diese Fische.“
Wie er darauf käme, fragte ich ihn.
Doch er beachtete meine Frage nicht, lächelte mich an und sagte: „Mir träumte in der Nacht, ich sei Gott. Nun weiß ich nicht mehr: Bin ich ein Kardinal, dem träumte, er sei Gott; oder bin ich Gott, dem träumte, er sei ein Kardinal?“
Dann lief er davon, und seine Gestalt verlor sich zwischen den Bäumen.
Ich setzte mich auf einem Stein am Bachesrand und blickte in die Wellen, und ich erkannte, der Kardinal hatte Recht: Die Fische waren glücklich.
Wir waren in den Wald gegangen, nur der Kardinal und ich. Es war ein herrlicher Morgen. Wie die Finger Gottes fiel das Licht der frischen Sonne durch das Geäst der Bäume. Die Luft war erfüllt von den Stimmen der Vögel, vom Duft des Jasmin. Die raschen Hammerschläge eines Spechtes echoten durch den Tann.
An einem Bach machten wir halt.
Der Kardinal spähte hinein in die Wellen und rief: „Glücklich sind diese Fische.“
Wie er darauf käme, fragte ich ihn.
Doch er beachtete meine Frage nicht, lächelte mich an und sagte: „Mir träumte in der Nacht, ich sei Gott. Nun weiß ich nicht mehr: Bin ich ein Kardinal, dem träumte, er sei Gott; oder bin ich Gott, dem träumte, er sei ein Kardinal?“
Dann lief er davon, und seine Gestalt verlor sich zwischen den Bäumen.
Ich setzte mich auf einem Stein am Bachesrand und blickte in die Wellen, und ich erkannte, der Kardinal hatte Recht: Die Fische waren glücklich.
Montag, 8. Juni 2009
DER SCHRECKEN, DIE NACHT UND DER TOD
Es waren einmal der Schrecken, die Nacht und der Tod, die zogen aus, um das Fürchten zu lehren.
Lange wanderten sie durch leblose Gegenden, bis sie zu einem Dorf kamen, das friedlich auf einer Hügelkuppe lag. Dort waren Menschen auf einem großen Platz unter einer Linde zusammen gekommen und feierten ein großes Fest.
„Mein sollen sie sein!“, rief der Schrecken und fuhr den Menschen in die Glieder. Sofort hielten die Tänzer inne, und die Musik verstummte. Voller Angst sahen die Menschen einander an.
Da sprang ein Knabe auf und rief: „Was ist euch, Freunde? Wovor schreckt ihr zurück? Heute ist doch ein Festtag. Er wäre verloren, würden wir uns fürchten!“
Da begannen die Musikanten von Neuen, zum Tanz aufzuspielen, und auch die Tänzer drehten sich wieder im Reigen.
Der Schrecken saß ihnen noch immer in den Gliedern, doch sie tanzten dennoch weiter. Sie tanzten über ihre Furcht hinweg.
So mußte der Schrecken entfliehen.
Da rief die Nacht: „Mein sollen sie sein!“ Sie warf ihre Schatten aus und deckte das Dorf damit zu.
Zuerst schrieen die Menschen voller Entsetzen auf, doch dann erhob sich eine Frau in ihrer Mitte, die ein kleines Kind auf den Armen trug. Sie rief: „Wenn es finster wird, müssen wir uns ein Feuer entzünden, das die Schatten vertreibt!“
So taten es die Menschen. Sie trugen Holz zusammen und setzten es in Brand. Es wurde wieder licht. Die Menschen tanzten um das Feuer herum, und die Nacht mute fliehen.
Da rief der Tod: „Schrecken und Nacht, ihr seid Vorübergehende. Leicht seid ihr zu überwinden. Wollen wir nun sehen, wie die Menschen mit Endgültigkeit umgehen! Mein werden sie sein!“ Und er warf sich selbst über das Dorf und raffte ein Dutzend Menschen dahin. Männer, Frauen, Kinder und Greise – der Tod fragte nicht, wes Alters und Standes sie waren.
Da hob ein großes Wegklagen an unter den Lebenden. Die Toten waren ihre Eltern, Kinder, Geschwister, Freunde und Geliebte, und sie beweinten sie bitterlich. Unstillbar waren ihre Schmerzen.
Da erhob sich unter ihnen ein Greis, alt und gebrechlich, mit schlohweißem Haar und zitternden Händen. Er rief: „Es ist recht, die Toten zu beweinen! Doch begrabt sie, damit sie Ruhe finden! Und vergesst nicht: Sie werden weiter leben in eurer Erinnerung und in der Liebe, die ihr für sie empfindet!“
Da waren die Menschen getröstet. Sie gruben Gräber für die Toten, legten sie darein und stellten Steine darüber, die ihre Namen trugen.
Dann setzen sie sich zusammen und erzählten Geschichten von denen, die nicht mehr waren. Sie weinten um sie, doch sie lachten aus und feierten das Leben.
Da kamen der Schrecken, die Nacht und der Tod wieder zusammen.
„Hier gibt es nichts für uns“, sagten der Schrecken und die Nacht. „Wir werden weiter ziehen.“ Und sie gingen davon.
Der Tod aber sprach: „Ich werden bei ihnen bleiben. Sie haben uns alle bezwungen. Vielleicht kann ich von ihnen lernen.“
Lange wanderten sie durch leblose Gegenden, bis sie zu einem Dorf kamen, das friedlich auf einer Hügelkuppe lag. Dort waren Menschen auf einem großen Platz unter einer Linde zusammen gekommen und feierten ein großes Fest.
„Mein sollen sie sein!“, rief der Schrecken und fuhr den Menschen in die Glieder. Sofort hielten die Tänzer inne, und die Musik verstummte. Voller Angst sahen die Menschen einander an.
Da sprang ein Knabe auf und rief: „Was ist euch, Freunde? Wovor schreckt ihr zurück? Heute ist doch ein Festtag. Er wäre verloren, würden wir uns fürchten!“
Da begannen die Musikanten von Neuen, zum Tanz aufzuspielen, und auch die Tänzer drehten sich wieder im Reigen.
Der Schrecken saß ihnen noch immer in den Gliedern, doch sie tanzten dennoch weiter. Sie tanzten über ihre Furcht hinweg.
So mußte der Schrecken entfliehen.
Da rief die Nacht: „Mein sollen sie sein!“ Sie warf ihre Schatten aus und deckte das Dorf damit zu.
Zuerst schrieen die Menschen voller Entsetzen auf, doch dann erhob sich eine Frau in ihrer Mitte, die ein kleines Kind auf den Armen trug. Sie rief: „Wenn es finster wird, müssen wir uns ein Feuer entzünden, das die Schatten vertreibt!“
So taten es die Menschen. Sie trugen Holz zusammen und setzten es in Brand. Es wurde wieder licht. Die Menschen tanzten um das Feuer herum, und die Nacht mute fliehen.
Da rief der Tod: „Schrecken und Nacht, ihr seid Vorübergehende. Leicht seid ihr zu überwinden. Wollen wir nun sehen, wie die Menschen mit Endgültigkeit umgehen! Mein werden sie sein!“ Und er warf sich selbst über das Dorf und raffte ein Dutzend Menschen dahin. Männer, Frauen, Kinder und Greise – der Tod fragte nicht, wes Alters und Standes sie waren.
Da hob ein großes Wegklagen an unter den Lebenden. Die Toten waren ihre Eltern, Kinder, Geschwister, Freunde und Geliebte, und sie beweinten sie bitterlich. Unstillbar waren ihre Schmerzen.
Da erhob sich unter ihnen ein Greis, alt und gebrechlich, mit schlohweißem Haar und zitternden Händen. Er rief: „Es ist recht, die Toten zu beweinen! Doch begrabt sie, damit sie Ruhe finden! Und vergesst nicht: Sie werden weiter leben in eurer Erinnerung und in der Liebe, die ihr für sie empfindet!“
Da waren die Menschen getröstet. Sie gruben Gräber für die Toten, legten sie darein und stellten Steine darüber, die ihre Namen trugen.
Dann setzen sie sich zusammen und erzählten Geschichten von denen, die nicht mehr waren. Sie weinten um sie, doch sie lachten aus und feierten das Leben.
Da kamen der Schrecken, die Nacht und der Tod wieder zusammen.
„Hier gibt es nichts für uns“, sagten der Schrecken und die Nacht. „Wir werden weiter ziehen.“ Und sie gingen davon.
Der Tod aber sprach: „Ich werden bei ihnen bleiben. Sie haben uns alle bezwungen. Vielleicht kann ich von ihnen lernen.“
Sonntag, 5. April 2009
DER KLEINE SPATZ
Es lebte einmal ein kleiner Spatz. Der war ein munterer, heiterer Geselle. Den ganzen Tag lang flog er auf und nieder, flatterte über Felder und Wiesen und Wälder und genoß seine Tage. Dabei zwitscherte er, daß es nur so eine Freude war. Und wenn er am Boden nach Körnern pickte, hüpfte er auf seinen Beinchen über die Erde.
Eines Tages aber, da saß er still auf einem Baum und beobachtete einen Schwarm Raben, die über ein Feld glitten – ihre langen Flügel weit ausgebreitet. Der kleine Spatz sah ihnen eine Weile zu, dann schüttelte er den Kopf. Das ging doch nicht an, wie diese Raben flogen! So breitete man doch nicht seine Flügel aus. Er hatte das noch nie getan. Nun, seine Flügelchen waren so klein, daß er nicht weit gekommen wäre, wenn er sie ausgebreitet hätte, doch daran dachte er nicht, weil es ihn zu allem Überfluss gar sehr verärgert, wie die Raben mit langen Beinen über den Acker stolzierten.
„Die meinen wohl, die seien was Besseres als ich“, knurrte der Spatz finster und beschloß, etwas dagegen zu unternehmen.
Er flatterte auf. Die Raben hatten seine Neugier geweckt, und wie er so über das Feld flog, fiel ihm auf, daß da noch andere Vögel waren – Meisen, Amseln, Tauben, Eichelhäher und Spechte. Und jeder dieser Vögel hatte seine eigene Art zu fliegen.
Der Spatz war empört. Wie konnten sie es wagen? Sie machten das doch alle völlig falsch!
Er war ein Meister des Fliegens. Er hatte dieses Handwerk von der Pieke auf gelernt – von jenem Tag an, da ihn seine Mutter aus versehen aus dem Nest gestoßen und seine Geschwister herzlich darüber gelacht hatten. Er aber wußte es besser als sie alle. Er wußte, wie man fliegt. Er durfte es nicht dulden, daß die anderen es falsch machten. Aus seiner großen, unfassbaren Güte heraus faßte er sich ein Herz und einen Plan. Er wollte den Vögeln beibringen, wie man richtig fliegt.
Der kleine Spatz verlor keine Zeit. Noch am gleichen Tag ließ er verbreiten, er habe allen Vögeln etwas sehr wichtiges mitzuteilen, und sie sollten doch alle bei Sonnenaufgang zusammenkommen an der großen Linde in der Mitte des Waldes.
Am nächsten Morgen war es dann soweit. Die Vögel – große und kleine – hatten sich bei der alten Linde versammelt. Es fehlten zwar noch einige, doch da der Spatz kaum etwas von den anderen Vögeln wußte, fiel ihm das nicht auf. Doch um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß man hier ergänzen: Mit Spatzen allerdings kannte er sich sehr gut aus.
Die versammelten Vögel nun zwitscherten und trällerten durcheinander. Viele trafen alte Bekannte wieder, und es gab viel zu reden.
Der kleine Spatz, der keine Freunde hatte, setzte sich auf den höchsten Ast und schrie lauthals um Ruhe.
Doch weil er ein gar zu kleiner Spatz war, und sein Stimmchen allzu leise klang, dauerte es eine ganze Weile, bis er sich die nötige Aufmerksamkeit verschafft hatte. Endlich waren alle Vögel still geworden. Sie hatten sich auf den Zweigen der Linde niedergelassen und blickten den kleinen Spatzen erwartungsvoll an. Nur der Kolibri flatterte noch immer fröhlich hin und her.
Der kleine Spatz blähte gewichtig seine Brust und blickte umher. Er genoß es, daß alle ihn ansahen.
„Nun mach schon, Junge“, rief ein ungeduldiger Zeisig. „Zieh hier keine Show ab, sondern sag uns, warum du uns zusammengerufen hast.“
Der kleine Spatz war ein wenig beleidigt von den unverschämten Worten des Zeisigs. Doch er räusperte sich und begann: „Nun, liebe Freunde, ich habe euch zusammengerufen, um euch zu helfen. Mir ist aufgefallen, daß ihr alle ein sehr schwerwiegendes Problem habt, und ich möchte euch nun beistehen, um es zu lösen.“
„Und was für ein Problem soll das denn sein?“, fragte der Zeisig aufmüpfig. Er war ein gestandener Vogel, der sich nur ungern von einem Spatzen etwas sagen ließ.
„Ihr könnt alle nicht fliegen“, sagte der Spatz und bekräftigte seine Aussage mit einem ernsten Kopfnicken.
Nun lachten die Vögel alle laut auf. Sie konnten vor Lachen gar nicht mehr aufhören, und eine vorwitzige Drossel rief: „Junge, du redest einen Stuß, wie es die Welt noch nicht gehört hat.“
Der kleine Spatz verschränkte mürrisch die Flügel vor der Brust. Zornig schwieg er, bis das Lachen verstummt war. Da war es zwar schon gegen Mittag, aber er ließ sich trotzdem nicht von seiner Mission abbringen.
Trotzig sagte er: „Nun, ihr meint vielleicht, daß ihr fliegen könnt, weil es euch gelingt, vom Boden abzuheben. Aber Fliegen kann man euer lächerliches Geflatter nicht nennen.“
„Und du willst uns also zeigen, wie man es richtig macht?“, rief ein alter Rabe.
„Ja, das will ich!“, rief der Spatz entschlossen.
„Na dann“, meinte der Rabe, „dann laß mal sehen, was du so zu bieten hast.“
Das ließ der kleine Spatz sich nicht zweimal sagen. Er flatterte von seinem Zweig auf und flog auf und nieder. „Schaut her!“, rief er dabei. „So macht man das. Genau so! Schaut her, wie ich fliege!“
Da lachten die anderen Vögel abermals, und der alte Rabe rief: „Das nennst du fliegen? Du gaukelst herum wie Spatz.“
Der kleine Spatz machte ein betrübtes Gesicht. Er war zu tiefst getroffen. „Aber ich bin ein Spatz“, klagte er.
Und die Vögel lachten laut.
Da nahm der kleine Spatz all seine Wut zusammen und rief: „Ihr... Ihr wißt doch gar nichts vom Fliegen! Das Handwerk des Fliegens ist euch fremd. Fliegen muß man lernen, und dann muß man üben. Und man muß klein anfangen!“
„Klein anfangen ist gut“, lachte der freche Zeisig. „Klein bist du schon mal. Und was kommt danach?“
Wieder lachten die Vögel.
Doch der kleine Spatz zwang sich, hart zu bleiben. „Ihr macht euch wohl über mich lustig?“
Die Vögel lachten nur.
„Das ist eine Unverschämtheit“, zeterte der Spatz. „Schaut euch doch mal! Der da zum Beispiel!“ Er zeigte mit seinem Schnabel auf den Kolibri. „Der schwirrt da nur so rum. Vor und zurück. Vor und zurück. Ohne Unterlaß. Nennt ihr das vielleicht Fliegen! Hey, du Winzling! Hör endlich auf, hier so herumzuflattern und setzt dich hin!“
Der Kolibri schwirrte hoch auf. „Aber kann nicht aufhören zu flattern!“, rief er erstaunt. „Und ich kann mich auch nicht hinsetzen. Meine Füße sind zu klein. Ich kann die dicken Äste der Linde nicht umfassen. Wenn ich aufhöre zu flattern, fall ich auf den Boden, und dann fressen mich die wilden Tiere!“
„Papperlapapp“, rief der Spatz. „Was ist denn das für ein Unsinn. Sieh, ich kann auch auf den Ästen sitzen, und meine Füße sind fast so klein wie deine.“
„Deine Füße sind ganz anders als die meinen“, erwiderte der Kolibri. „Und das gilt auch für meine Flügel.“
Der Spatz starrte den Kolibri verdutzt an. Er wußte nicht, was er darauf sagen sollte. Schließlich hatte er die Lösung. Stolz platzte es aus ihm heraus: „Dann stimmt eben etwas mit deinen Füßen nicht. Und deine Flügel sind auch nicht in Ordnung. Wenn du richtige Flügel hättest, so wie ich, hättest du auch keine Probleme. Und überhaupt... Schau dir mal dein Gefieder an! Wie kann man nur so herum laufen!“
„Mit meinen Federn und Flügen und Füßen ist alles in Ordnung“, widersprach der Kolibri.
„Ja, red dir das nur ein, du Farbenklecks, du! Du Schwirrflatterer! Du kleinfüßiger Piepmatz!“
„Jetzt reicht es aber!“, fuhr der alte Rabe, der allmählich die Geduld verlor, den kleinen Spatzen an.
„Was denn?“ Der Spatz reckte selbstgefällig sein Köpfchen. „Ich sage doch nur die Wahrheit. Und du, alter Rabenzausel, willst die bloß nicht hören. Du widersprichst mir doch nur, weil du nicht ertragen kannst, daß ich im Recht bin und du im Unrecht bist!“
„Also, das ist ja wohl die Höhe!“, kreischte der Rabe.
Aber der Spatz lachte nur boshaft.
Da ging ein Zittern durch die Luft, wie es nur von dem Schlag gewaltiger Schwingen hervorgebracht wurde. Der Adler war angekommen. Er hatte den ganzen Tag damit verbracht, über den Bergen zu kreisen, wo die Luft so klar und still war, und nun, da langsam der Abend über den Wald fiel, war er hinab zu den anderen Vögeln geglitten. Er setzte sich auf einen starken Zweig in der Krone der Linde und sah sich erstaunt um. „Zu mir drang das Gerücht“, sagte er mit tiefer Stimme, „daß ein Spatz eine Vogelversammlung einberufen habe.“
„So ist es! So ist es!“, zeterte der Spatz. „Und du kommst viel zu spät! Du solltest dich schämen!“
Der Adler sah sich um. Er entdeckte den Spatz erst, als er ihn beinahe mit seinem Schweif vom Baum gestoßen hätte. „Ach, da bist du“, rief er belustigt und mit gespieltem Erstaunen. „Mir war so, als hätte ich eine Stimme gehört.“
Wieder lachten die Vögel.
Der Adler aber blieb ernst. „Kann mir denn einer mal sagen, was hier los ist?“
Der Spatz wollte anfangen zu reden, doch der Eichelhäher fiel ihm ins Wort und begann: „Nun, der Spatz hat uns zusammengerufen. Er meint, wir könnten alle nicht richtig fliegen, und er wollte es uns beibringen.“
„Ist das so?“ Ernst blickte der Adler den Spatzen an.
Der Adler jagte dem kleinen Spatzen eine gehörige Angst ein, und er mußte all seinen Mut zusammennehmen, um ihm zu erwidern: „Ja, so ist es.“
„Dann“, fragte der Adler weiter, „bist du wohl ein Meister im Fliegen?“
„Ja, das bin ich.“ Der kleine Spatz gewann nun Selbstvertrauen.
„Dann laß mal sehen, was du so drauf hast“, sagte der Adler und lehnte sich neugierig zurück.
Die anderen Vögel versuchten mühsam, ihr Lachen zu unterdrücken.
Wie er es schon einmal getan hatte, sprang der Spatz auf und flatterte ein wenig umher.
Der Adler lachte laut auf. „Das nennst du Fliegen?“, rief er. „Du willst ein Meister sein? Schau her!“ Und der Adler breitete seine Schwingen aus. „Ich zeige dir, wie man fliegt.“ Und er erhob sich von seinem Ast und glitt elegant im Kreise über den anderen Vögeln. Reglos flog er dahin. Die Schatten, die seine Schwingen auf das Dach des Waldes warfen, glitten dunkel über das Laubwerk. Dann ließ er sich majestätisch auf der Linde nieder. „So fliegt man“, sagte er. „Wenn du ein Meister bist, Herr Spatz, dann mach es nach.“
Der Spatz schaute sich ratlos um. Mit seinen Flügelchen konnte er doch nicht so wie ein Adler durch die Lüfte gleiten.
„Nun, wir warten“, sagte der Adler.
Der Spatz seufzte. Er hatte keine andere Wahl. Er streckte seine Flügel so weit aus, wie er es vermochte, und dann sprang er von seinem Zweig auf – und fiel wie ein Stein zu Boden.
Die anderen Vögel lachten laut auf.
Der alte Rabe und der Eichelhäher flogen hinab zu dem Spatzen und halfen ihm, sich aus einer Dornenhecke, in die er gefallen war, zu befreien. Er hatte ein paar Kratzer davon getragen und ein paar Federn gelassen, war sonst aber unversehrt.
Sie halfen dem Spatz dabei, wieder seinen Platz in der Linde einzunehmen, und sie mußten ihn stützen, denn der arme kleine Spatz hatte sein Selbstvertrauen verloren. Er blickte betrübt zu Boden und wünschte, sich einfach nur in Luft aufzulösen.
Der Adler indes sah sich um und sagte: „Laßt euch das eine Lehre sein. Ein Spatz kann nicht fliegen wie ein Adler. Ein Rabe singt nicht wie eine Nachtigall. Und ein Falke schwirrt nicht wie ein Kolibri umher. Jeder von uns fliegt auf seine eigene Weise. So war es immer, und so soll es bleiben! Wir alle sind Meister. Und wenn wieder mal ein Spatz kommt, und hier das Kommando an sich reißen will, dann lacht nur über ihn und fliegt davon. Mehr hat er nicht verdient. Ich hoffe allerdings“, und wieder sah er den kleinen Spatzen ernst an, „daß jeder von uns etwas dabei gelernt hat.“
„Ja“, sagte der kleine Spatz kleinlaut und flog davon und kümmerte sich fortan nur noch um seine eigenen Angelegenheiten.
Eines Tages aber, da saß er still auf einem Baum und beobachtete einen Schwarm Raben, die über ein Feld glitten – ihre langen Flügel weit ausgebreitet. Der kleine Spatz sah ihnen eine Weile zu, dann schüttelte er den Kopf. Das ging doch nicht an, wie diese Raben flogen! So breitete man doch nicht seine Flügel aus. Er hatte das noch nie getan. Nun, seine Flügelchen waren so klein, daß er nicht weit gekommen wäre, wenn er sie ausgebreitet hätte, doch daran dachte er nicht, weil es ihn zu allem Überfluss gar sehr verärgert, wie die Raben mit langen Beinen über den Acker stolzierten.
„Die meinen wohl, die seien was Besseres als ich“, knurrte der Spatz finster und beschloß, etwas dagegen zu unternehmen.
Er flatterte auf. Die Raben hatten seine Neugier geweckt, und wie er so über das Feld flog, fiel ihm auf, daß da noch andere Vögel waren – Meisen, Amseln, Tauben, Eichelhäher und Spechte. Und jeder dieser Vögel hatte seine eigene Art zu fliegen.
Der Spatz war empört. Wie konnten sie es wagen? Sie machten das doch alle völlig falsch!
Er war ein Meister des Fliegens. Er hatte dieses Handwerk von der Pieke auf gelernt – von jenem Tag an, da ihn seine Mutter aus versehen aus dem Nest gestoßen und seine Geschwister herzlich darüber gelacht hatten. Er aber wußte es besser als sie alle. Er wußte, wie man fliegt. Er durfte es nicht dulden, daß die anderen es falsch machten. Aus seiner großen, unfassbaren Güte heraus faßte er sich ein Herz und einen Plan. Er wollte den Vögeln beibringen, wie man richtig fliegt.
Der kleine Spatz verlor keine Zeit. Noch am gleichen Tag ließ er verbreiten, er habe allen Vögeln etwas sehr wichtiges mitzuteilen, und sie sollten doch alle bei Sonnenaufgang zusammenkommen an der großen Linde in der Mitte des Waldes.
Am nächsten Morgen war es dann soweit. Die Vögel – große und kleine – hatten sich bei der alten Linde versammelt. Es fehlten zwar noch einige, doch da der Spatz kaum etwas von den anderen Vögeln wußte, fiel ihm das nicht auf. Doch um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß man hier ergänzen: Mit Spatzen allerdings kannte er sich sehr gut aus.
Die versammelten Vögel nun zwitscherten und trällerten durcheinander. Viele trafen alte Bekannte wieder, und es gab viel zu reden.
Der kleine Spatz, der keine Freunde hatte, setzte sich auf den höchsten Ast und schrie lauthals um Ruhe.
Doch weil er ein gar zu kleiner Spatz war, und sein Stimmchen allzu leise klang, dauerte es eine ganze Weile, bis er sich die nötige Aufmerksamkeit verschafft hatte. Endlich waren alle Vögel still geworden. Sie hatten sich auf den Zweigen der Linde niedergelassen und blickten den kleinen Spatzen erwartungsvoll an. Nur der Kolibri flatterte noch immer fröhlich hin und her.
Der kleine Spatz blähte gewichtig seine Brust und blickte umher. Er genoß es, daß alle ihn ansahen.
„Nun mach schon, Junge“, rief ein ungeduldiger Zeisig. „Zieh hier keine Show ab, sondern sag uns, warum du uns zusammengerufen hast.“
Der kleine Spatz war ein wenig beleidigt von den unverschämten Worten des Zeisigs. Doch er räusperte sich und begann: „Nun, liebe Freunde, ich habe euch zusammengerufen, um euch zu helfen. Mir ist aufgefallen, daß ihr alle ein sehr schwerwiegendes Problem habt, und ich möchte euch nun beistehen, um es zu lösen.“
„Und was für ein Problem soll das denn sein?“, fragte der Zeisig aufmüpfig. Er war ein gestandener Vogel, der sich nur ungern von einem Spatzen etwas sagen ließ.
„Ihr könnt alle nicht fliegen“, sagte der Spatz und bekräftigte seine Aussage mit einem ernsten Kopfnicken.
Nun lachten die Vögel alle laut auf. Sie konnten vor Lachen gar nicht mehr aufhören, und eine vorwitzige Drossel rief: „Junge, du redest einen Stuß, wie es die Welt noch nicht gehört hat.“
Der kleine Spatz verschränkte mürrisch die Flügel vor der Brust. Zornig schwieg er, bis das Lachen verstummt war. Da war es zwar schon gegen Mittag, aber er ließ sich trotzdem nicht von seiner Mission abbringen.
Trotzig sagte er: „Nun, ihr meint vielleicht, daß ihr fliegen könnt, weil es euch gelingt, vom Boden abzuheben. Aber Fliegen kann man euer lächerliches Geflatter nicht nennen.“
„Und du willst uns also zeigen, wie man es richtig macht?“, rief ein alter Rabe.
„Ja, das will ich!“, rief der Spatz entschlossen.
„Na dann“, meinte der Rabe, „dann laß mal sehen, was du so zu bieten hast.“
Das ließ der kleine Spatz sich nicht zweimal sagen. Er flatterte von seinem Zweig auf und flog auf und nieder. „Schaut her!“, rief er dabei. „So macht man das. Genau so! Schaut her, wie ich fliege!“
Da lachten die anderen Vögel abermals, und der alte Rabe rief: „Das nennst du fliegen? Du gaukelst herum wie Spatz.“
Der kleine Spatz machte ein betrübtes Gesicht. Er war zu tiefst getroffen. „Aber ich bin ein Spatz“, klagte er.
Und die Vögel lachten laut.
Da nahm der kleine Spatz all seine Wut zusammen und rief: „Ihr... Ihr wißt doch gar nichts vom Fliegen! Das Handwerk des Fliegens ist euch fremd. Fliegen muß man lernen, und dann muß man üben. Und man muß klein anfangen!“
„Klein anfangen ist gut“, lachte der freche Zeisig. „Klein bist du schon mal. Und was kommt danach?“
Wieder lachten die Vögel.
Doch der kleine Spatz zwang sich, hart zu bleiben. „Ihr macht euch wohl über mich lustig?“
Die Vögel lachten nur.
„Das ist eine Unverschämtheit“, zeterte der Spatz. „Schaut euch doch mal! Der da zum Beispiel!“ Er zeigte mit seinem Schnabel auf den Kolibri. „Der schwirrt da nur so rum. Vor und zurück. Vor und zurück. Ohne Unterlaß. Nennt ihr das vielleicht Fliegen! Hey, du Winzling! Hör endlich auf, hier so herumzuflattern und setzt dich hin!“
Der Kolibri schwirrte hoch auf. „Aber kann nicht aufhören zu flattern!“, rief er erstaunt. „Und ich kann mich auch nicht hinsetzen. Meine Füße sind zu klein. Ich kann die dicken Äste der Linde nicht umfassen. Wenn ich aufhöre zu flattern, fall ich auf den Boden, und dann fressen mich die wilden Tiere!“
„Papperlapapp“, rief der Spatz. „Was ist denn das für ein Unsinn. Sieh, ich kann auch auf den Ästen sitzen, und meine Füße sind fast so klein wie deine.“
„Deine Füße sind ganz anders als die meinen“, erwiderte der Kolibri. „Und das gilt auch für meine Flügel.“
Der Spatz starrte den Kolibri verdutzt an. Er wußte nicht, was er darauf sagen sollte. Schließlich hatte er die Lösung. Stolz platzte es aus ihm heraus: „Dann stimmt eben etwas mit deinen Füßen nicht. Und deine Flügel sind auch nicht in Ordnung. Wenn du richtige Flügel hättest, so wie ich, hättest du auch keine Probleme. Und überhaupt... Schau dir mal dein Gefieder an! Wie kann man nur so herum laufen!“
„Mit meinen Federn und Flügen und Füßen ist alles in Ordnung“, widersprach der Kolibri.
„Ja, red dir das nur ein, du Farbenklecks, du! Du Schwirrflatterer! Du kleinfüßiger Piepmatz!“
„Jetzt reicht es aber!“, fuhr der alte Rabe, der allmählich die Geduld verlor, den kleinen Spatzen an.
„Was denn?“ Der Spatz reckte selbstgefällig sein Köpfchen. „Ich sage doch nur die Wahrheit. Und du, alter Rabenzausel, willst die bloß nicht hören. Du widersprichst mir doch nur, weil du nicht ertragen kannst, daß ich im Recht bin und du im Unrecht bist!“
„Also, das ist ja wohl die Höhe!“, kreischte der Rabe.
Aber der Spatz lachte nur boshaft.
Da ging ein Zittern durch die Luft, wie es nur von dem Schlag gewaltiger Schwingen hervorgebracht wurde. Der Adler war angekommen. Er hatte den ganzen Tag damit verbracht, über den Bergen zu kreisen, wo die Luft so klar und still war, und nun, da langsam der Abend über den Wald fiel, war er hinab zu den anderen Vögeln geglitten. Er setzte sich auf einen starken Zweig in der Krone der Linde und sah sich erstaunt um. „Zu mir drang das Gerücht“, sagte er mit tiefer Stimme, „daß ein Spatz eine Vogelversammlung einberufen habe.“
„So ist es! So ist es!“, zeterte der Spatz. „Und du kommst viel zu spät! Du solltest dich schämen!“
Der Adler sah sich um. Er entdeckte den Spatz erst, als er ihn beinahe mit seinem Schweif vom Baum gestoßen hätte. „Ach, da bist du“, rief er belustigt und mit gespieltem Erstaunen. „Mir war so, als hätte ich eine Stimme gehört.“
Wieder lachten die Vögel.
Der Adler aber blieb ernst. „Kann mir denn einer mal sagen, was hier los ist?“
Der Spatz wollte anfangen zu reden, doch der Eichelhäher fiel ihm ins Wort und begann: „Nun, der Spatz hat uns zusammengerufen. Er meint, wir könnten alle nicht richtig fliegen, und er wollte es uns beibringen.“
„Ist das so?“ Ernst blickte der Adler den Spatzen an.
Der Adler jagte dem kleinen Spatzen eine gehörige Angst ein, und er mußte all seinen Mut zusammennehmen, um ihm zu erwidern: „Ja, so ist es.“
„Dann“, fragte der Adler weiter, „bist du wohl ein Meister im Fliegen?“
„Ja, das bin ich.“ Der kleine Spatz gewann nun Selbstvertrauen.
„Dann laß mal sehen, was du so drauf hast“, sagte der Adler und lehnte sich neugierig zurück.
Die anderen Vögel versuchten mühsam, ihr Lachen zu unterdrücken.
Wie er es schon einmal getan hatte, sprang der Spatz auf und flatterte ein wenig umher.
Der Adler lachte laut auf. „Das nennst du Fliegen?“, rief er. „Du willst ein Meister sein? Schau her!“ Und der Adler breitete seine Schwingen aus. „Ich zeige dir, wie man fliegt.“ Und er erhob sich von seinem Ast und glitt elegant im Kreise über den anderen Vögeln. Reglos flog er dahin. Die Schatten, die seine Schwingen auf das Dach des Waldes warfen, glitten dunkel über das Laubwerk. Dann ließ er sich majestätisch auf der Linde nieder. „So fliegt man“, sagte er. „Wenn du ein Meister bist, Herr Spatz, dann mach es nach.“
Der Spatz schaute sich ratlos um. Mit seinen Flügelchen konnte er doch nicht so wie ein Adler durch die Lüfte gleiten.
„Nun, wir warten“, sagte der Adler.
Der Spatz seufzte. Er hatte keine andere Wahl. Er streckte seine Flügel so weit aus, wie er es vermochte, und dann sprang er von seinem Zweig auf – und fiel wie ein Stein zu Boden.
Die anderen Vögel lachten laut auf.
Der alte Rabe und der Eichelhäher flogen hinab zu dem Spatzen und halfen ihm, sich aus einer Dornenhecke, in die er gefallen war, zu befreien. Er hatte ein paar Kratzer davon getragen und ein paar Federn gelassen, war sonst aber unversehrt.
Sie halfen dem Spatz dabei, wieder seinen Platz in der Linde einzunehmen, und sie mußten ihn stützen, denn der arme kleine Spatz hatte sein Selbstvertrauen verloren. Er blickte betrübt zu Boden und wünschte, sich einfach nur in Luft aufzulösen.
Der Adler indes sah sich um und sagte: „Laßt euch das eine Lehre sein. Ein Spatz kann nicht fliegen wie ein Adler. Ein Rabe singt nicht wie eine Nachtigall. Und ein Falke schwirrt nicht wie ein Kolibri umher. Jeder von uns fliegt auf seine eigene Weise. So war es immer, und so soll es bleiben! Wir alle sind Meister. Und wenn wieder mal ein Spatz kommt, und hier das Kommando an sich reißen will, dann lacht nur über ihn und fliegt davon. Mehr hat er nicht verdient. Ich hoffe allerdings“, und wieder sah er den kleinen Spatzen ernst an, „daß jeder von uns etwas dabei gelernt hat.“
„Ja“, sagte der kleine Spatz kleinlaut und flog davon und kümmerte sich fortan nur noch um seine eigenen Angelegenheiten.
Sonntag, 1. März 2009
APOLDA -Der Blick nach Oben

Die Großstadt ist ein Traum, wenn man in Apolda lebt. Ich schreibe das ohne jegliches Urteil. Sie ist keine strahlende Erscheinung und auch kein Alpdruck. Sie ist ein Fernes, ein Unvorstellbares.
Apolda ist eine Stadt, die sich schon am Nachmittag zur Ruhe legt. Am Sonnabend ist sie schon vor dem Mittagsläuten eingeschlafen. Sie träumt nicht mehr. Ihr Schlummer ist ohne Erscheinung. Ein tiefes, schweres Ruhen, ein leeres Rauschen, und man kann sie verhalten atmen hören, wenn man durch die Gassen geht. Dann spürt man, wie ruhelos sie ist, trotz alledem.
Die Straßen sind eng, haben keinen Horizont, und sie sind voller Schatten. Wenn es regnet, steigt kalter, metallener Dunst auf, der sich als bitterer Geschmack auf Zunge und Gaumen legt. Man muß sehr weit nach oben steigen, um Licht zu erblicken, um über die Stadt hinaus zu sehen. Dort gibt es Felder, ausgedehnte Wiesen, Waldstücke, anmutige Berge. Im Inneren vergißt man das schnell.
Vieles vergißt man in Apolda. Zwischen bewohnten Häusern stehen leere Fabrikhallen. Überreste einer vergangenen Zeit und einer vergangenen Größe. In der Tat war Apolda einstmals eine wohlhabende Stadt. Das Strickerhandwerk hatte sie reich gemacht, und von weither kamen die Menschen, um hier zu leben und zu arbeiten. Und sie fand Erwähnung in den Werken Goethes und Thomas Manns. Auch heute kommen die Menschen noch. Doch sie bleiben stets nur auf Durchreise.
Neben dem Busbahnhof befindet sich das Altersheim. Beide sind Orte, an denen man darauf wartet, nach Hause zu fahren. Überhaupt ist Apolda eine Stadt, die man verläßt. Niemand bleibt hier, dem andere Wege offen stehen. Andere Orte rufen nach denen, die gehen, Orte, die vielleicht nicht schöner oder lebendiger sind, aber größer, lauter und weniger verfallen.
Alles strebt zum Licht, aber hier will die Sonne nicht scheinen. Selbst die Sommer sind nur schwül und heiß. Dann fällt das Atmen schwer zwischen den Häusern. Zu viel Stein hemmt das frische Leben.
Ich weiß nicht, ob Apolda ein guter Ort zum Leben ist, aber zum Sterben ist er so gut, wie jeder andere auch; und die Zeit des Todes kann hier auf angenehmste Weise verbracht werden. Einer der schönsten Orte der Stadt, neben dem Alten Schloß und dem Parkdeckdach des Supermarktes, ist der Friedhof. Er ist schattig und kühl. Hier ragen die Bäume hoch auf in den Himmel, und alles ist von einem dichten Gebüsch umgeben und durchdrungen. Ein verwunschener Garten, wie ihn Kinder sich erträumen, die noch an Märchen glauben. Man schleicht an alten Grabmälern vorbei, die prunkvollen Mausoleen gleichen und vergißt gleichsam, daß draußen die graue Stadt noch immer nicht verschwunden ist. Auf dem Friedhof ist es anders. Die Zeit schweigt, aber die Vögel singen. Eichhörnchen tummeln sich in den Wipfeln der Blutbuchen. Schmetterlinge umwirbeln die Efeuranken. Auf einigen Gräbern brennen Kerzen. Lichter der anderen Welt, der man hier näher zu kommen meint. Ein Schritt weiter, und man ist hinüber gegangen.
Mein Lieblingsort in Apolda aber ist das Oberste Parkdeck eines großen Supermarktes. Dieser befindet sich mitten in der Stadt, am tiefsten Punkt des Tales, über das die Stadt ausgebreitet liegt gleich dem Unterholz eines Gebirgswaldes. (Menschen wie Bäume. Sie scheinen einander zu fliehen, und doch sind sie verbunden, gleichsam gegen ihren Willen. Vielleicht, weil beide – die Bäume und die Menschen – beseelten sind, und ihre Seelen, auch wenn ihre Leiber nach außen streben, zieht es immer wieder zusammen, weil EINE Seele alles Leben umfaßt.) Das Parkdeckdach des Supermarktes ist ein besonderer Ort, beinahe magisch. Man ist erhoben, ja erhaben. Aber man überragt die Stadt nicht. Man schwebt auf einer Höhe mit den Kirchtürmen und den Hügeln, die Apolda umschließen. Man enthebt sich dennoch der chthonischen Kleinstadt, man entflieht in ein Anderes, eine Wolkenstadt. Die Ahnung eines neuen, eines Himmlischen Apolda, das am Jüngsten Tag wie ein Traum über uns kommen mag, erfüllt den, der den Blick vergeblich in die Ferne richtet. Nur der Himmel öffnet sich dem Schauenden. Entrückung, die ein Nebel ist. Man ist nicht fremd. Man fühlt sich als Teil – der Wolken, der Hügel, des Himmels. Man wird selbst ein Nebel und meint, vom nächsten Wind davongetragen zu werden. Und während man in stummer Betrachtung des Augenblicks verweilt, fließt der nicht versiegende Strom derer, die im Supermarkt nur nach Waren suchen und anderes vergessen haben. In Augenblicken wie diesen fühlt man sich beinahe zu Hause, dann ist Heimat mehr als ein Wort, doch alles zerfällt zu Tau auf dem grauen Asphalt der Straßen.
So endet der Tag; und mit flammendem Abendrot wirft sich die Dämmerung über die Stadt. Noch ehe die Sonne untergegangen ist, fallen die Schatten über die Gassen, und hinter den Fenstern entzünden sich Lichter. Aber der Vollmond leuchtet hell. Silberne Strahlen stürzen auf uns nieder, die Sterne leuchten auf, und die Nacht ist wie Seide, ein Hochamt der Stille, ein Gebet um Frieden und Schönheit, und ein Schrei, der grell hinaus fällt vom Grau in das Nicht-Sein der Unendlichkeit.
Vielleicht ist Heimat eine Entscheidung, die jeder für sich allein fällen muß. Und dann muß man bestimmen, ob Heimat ein Ort ist, den man verläßt, an dem man bleibt, oder zu dem man eines Tages zurück kehren will.
Wer in Apolda bleibt, hat nicht immer diese Entscheidung getroffen. Viele bleiben, weil hier der einzige Ort ist, an dem sie sein können. Doch das gilt auch für viele von denen, die gehen.
Mag sein, daß man in den Großstädten der Welt freier atmen kann, doch Einsamkeit ist sich immer gleich, an allen Orten der Welt, ebenso Liebe, Freundschaft und Glück. Es ist nicht wichtig, wo man gerade ist. Gottes Wind weht überall, und auch über Apolda geht er hinweg, Tag für Tag. Gott hat uns nicht verlassen in Apolda, auch die Hoffnung ist uns geblieben, und das ist hier ein großes Wort.
Mittwoch, 4. Februar 2009
Der knorrige Baum (Parabel frei nach Dschuang Dsi)
„Meister“, sagte der Schüler zu Meister Tschuang, „was kann ich tun, um der Welt und den Menschen zu nützen?“
Meister Tschuang zögerte mit der Antwort, dann lächelte er den Jungen wohlwollend an und gab ihm ein Zeichen, daß er ihm folgen sollte.
Sie gingen auf geradem Weg aus dem Dorf hinaus, vorbei an Reisfeldern und Wiesen, bis sie zu einem kleinen Waldstück kamen. Es war ein recht verwittertes Gehölz. Krumm gewachsene, knorrige Bäume standen hier eng bei einander, in deren Schatten viele Kräuter und Blumen wucherten., und in den dichtbelaubten Kronen verbargen sich Vögel, deren Gesang hinab zu den beiden Wanderern glitt.
Hier blieb Meister Tschuang stehen. Er betrachtete lange das knorrige Gehölz, und sein Schüler tat es ihm gleich.
Dann sagte der Alte: „Junge, sage mit, was du siehst!“
„Nun“, antwortete der Schüler, „ich sehe verwachsene, krumme Bäume.“
„Und was noch?“, fragte Meister Tschuang lächelnd weiter.
„Ich sehe, daß die Bäume sehr alt sind.“
„Das ist richtig.“ Meister Tschuang nickte zustimmend. „Und was meinst du, warum sie so alt geworden sind, Junge?“
Der Schüler grübelte eine Weile, dann sagte er unsicher: „Weil man sie nicht abgeschlagen hat.“
„So ist es.“ Meister Tschuang legte seine Hand auf die Schulter des Knaben. „Und kannst du mir auch sagen, warum man sie nicht abgeschlagen hat?“
Der Schüler antwortete langsam: „Nun, sie sind so knorrig und verwachsen. Sie sind zu nichts nütze. Wieso hätte man sie abschlagen sollen?“
Meister Tschuang lächelte breit und sagte: „Und wieder hast du recht, mein Junge. Die Bäume, die gerade und aufrecht in den Himmel wachsen, läßt man nicht zu hohen Jahren kommen, weil man aus ihren Stämmen Bretter machen kann, um Särge zu zimmern. So sind die Menschen. Was ihnen nützt, das verbrauchen sie auch. Diese Bäume aber, die du hier vor dir siehst, sind alt geworden, und Vögel nisten in ihren Kronen. Merke dir das, mein Junge. Was unnütz ist, wird auch nicht verbraucht. Der faule Apfel wird weggeworfen, deshalb können aus seinen Kernen neue Bäume sprießen. Willst du den Menschen nützen, damit du verbraucht wirst?“
Meister Tschuang zögerte mit der Antwort, dann lächelte er den Jungen wohlwollend an und gab ihm ein Zeichen, daß er ihm folgen sollte.
Sie gingen auf geradem Weg aus dem Dorf hinaus, vorbei an Reisfeldern und Wiesen, bis sie zu einem kleinen Waldstück kamen. Es war ein recht verwittertes Gehölz. Krumm gewachsene, knorrige Bäume standen hier eng bei einander, in deren Schatten viele Kräuter und Blumen wucherten., und in den dichtbelaubten Kronen verbargen sich Vögel, deren Gesang hinab zu den beiden Wanderern glitt.
Hier blieb Meister Tschuang stehen. Er betrachtete lange das knorrige Gehölz, und sein Schüler tat es ihm gleich.
Dann sagte der Alte: „Junge, sage mit, was du siehst!“
„Nun“, antwortete der Schüler, „ich sehe verwachsene, krumme Bäume.“
„Und was noch?“, fragte Meister Tschuang lächelnd weiter.
„Ich sehe, daß die Bäume sehr alt sind.“
„Das ist richtig.“ Meister Tschuang nickte zustimmend. „Und was meinst du, warum sie so alt geworden sind, Junge?“
Der Schüler grübelte eine Weile, dann sagte er unsicher: „Weil man sie nicht abgeschlagen hat.“
„So ist es.“ Meister Tschuang legte seine Hand auf die Schulter des Knaben. „Und kannst du mir auch sagen, warum man sie nicht abgeschlagen hat?“
Der Schüler antwortete langsam: „Nun, sie sind so knorrig und verwachsen. Sie sind zu nichts nütze. Wieso hätte man sie abschlagen sollen?“
Meister Tschuang lächelte breit und sagte: „Und wieder hast du recht, mein Junge. Die Bäume, die gerade und aufrecht in den Himmel wachsen, läßt man nicht zu hohen Jahren kommen, weil man aus ihren Stämmen Bretter machen kann, um Särge zu zimmern. So sind die Menschen. Was ihnen nützt, das verbrauchen sie auch. Diese Bäume aber, die du hier vor dir siehst, sind alt geworden, und Vögel nisten in ihren Kronen. Merke dir das, mein Junge. Was unnütz ist, wird auch nicht verbraucht. Der faule Apfel wird weggeworfen, deshalb können aus seinen Kernen neue Bäume sprießen. Willst du den Menschen nützen, damit du verbraucht wirst?“
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