Ich möchte eine Geschichte erzählen, die ich sehr liebe. Es ist keine Geschichte aus meinem eigenen Leben, sondern aus dem Leben meines Großvaters Bruno Silber, und sie hat mich durch mein ganzes Leben begleitet.
Dies ist die Geschichte, die davon berichtet, warum mein Großvater Katholik war.
Mein Großvater stammte aus Sömmerda. Er wurde 1922 geboren, und in der damaligen Zeit war diese thüringer Kleinstadt weitestgehend evangelisch. Allerdings gab es eine kleine Katholische Gemeinde.
Die Familie meines Großvaters gehörte der evangelischen Kirche an, aber sein Vater, der als Polier arbeitete, hatte eine Frau aus dem Breisgau geheiratet. Er hatte sie kennengelernt, als er, wie es damals noch bei Handwerkern üblich war, auf der Walz, der Wanderung, gewesen war.
Mutter Eva, wie die Frau später, in ihrem hohen Alter respektvoll genannt wurde, war katholisch, aber das junge Paar entschied sich, seine Kinder evangelisch taufen zu lassen. Schließlich war man in einer evangelisch dominierten Gegend. Allerdings gab Mutter Eva ihren Glauben nicht auf. Sie schloß sich der kleinen katholischen Gemeinde von Sömmerda an und besuchte dort regelmäßig die Messe.
Das erste Kind, es war ein Mädchen, kam zur Welt und empfing, wie seine Eltern es beschlossen hatten, das Sakrament der Taufe aus der Hand des evangelischen Pastors.
Aber das waren andere Zeiten, die Kindersterblichkeit war groß. Das Mädchen infizierte sich mit der Diphterie, und es gab keine Hoffnung, daß es überleben würde.
Dann kam die Nacht, in der das Ende des kleinen Kindes absehbar war. Den jungen Eltern war es unerträglich, ihre Tochter ohne geistlichen Beistand sterben zu lassen, und so machte sich der Vater meines Großvaters auf den Weg, um den Pastor herbeizuholen, damit er sein Kind segnen sollte.
Doch der Pastor hatte keine Zeit. Er hatte eine andere Verabredung zu erfüllen und lehnte es ab, die Sterbende zu besuchen.
Unverrichteter Dinge kehrte der Vater meines Großvaters nach zurück zu seiner Frau. Die beiden beratschlagten, was zu tun sei, und kamen überein, den katholischen Pfarrer zu bitten, ihrer Tochter in den letzten Stunden beizustehen.
Der Vater meines Großvaters machte sich auf den Weg, und der katholische Pfarrer war sofort bereit, mit ihm zu gehen. Er spendete dem Kind die Sterbesakramente und blieb bei der Familie, bis der Tod das Mädchen ereilt hatte.
Da faßte der Vater meines Großvaters einen Entschluß. Er sagte zu seiner Frau: "Wenn die evangelische Kirche unsere sterbenden Kinder nicht haben will, dann braucht sie auch unsere lebenden Kinder nicht."
So geschah es, daß ihre weiteren fünf Kinder, unter ihnen mein Großvater, katholisch getauft wurden, und deshalb war mein Großvater Katholik.
Als Kind war ihm, denke ich, sein Glaube sehr wichtig. Er besuchte eine katholische Volksschule, war Mitgleid der Katholischen Jugend (bis diese verboten wurde), und war sogar Messdiener, wovon er viele Geschichten zu erzählen wußte. Und er kannte seine Bibel besser als so mancher.
Aber dann kam der 2. Weltkrieg. Mein Großvater wurde eingezogen und mußte als Funker an die Ostfront. Dort sah er seine besten Freunde fallen und wurde selbst, kaum 22 Jahre alt, schwer verwundet - diese Kriegsverletzung hatte ihn für das Leben gezeichnet.
Und nach all dem Schrecken wandte er sich ab von Gott, weil er nicht begreifen konnte, wie dieser, der doch allmächtig sei, so etwas zulassen konnte. "Ohne seinen Willen fällt kein Vogel vom Himmel", so hat er es immer gesagt. "Wie konnte er es dann zulassen, daß so viele junge Männer so elend verrecken mußten?"
Ich denke mir aber im Stillen, so sehr hadert nur jemand mit Gott, dessen Glauben wirklich stark, tief und allumfassend war.
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Sonntag, 7. Februar 2010
Samstag, 6. Februar 2010
Mein Weg zu Gott - unfinished
Mein Glauben spielt in meinem Leben eine große Rolle. So war es von Kindheit an. Dabei war mir der Glaube nie irgend eine politische Bekundung, sondern mehr eine Vergewisserung meiner selbst. Es war und ist mein Refugium, mein Fluchtpunkt, mein Ort der Kraft, mein Geheimer Garten. Wo immer ich auch war in meinem Leben, und was immer ich erlebt habe, ich konnte mich immer an Gott wenden und Trost finden.
Hier habe ich viel meinem Vater Georg Lohmann zu verdanken, der mich an die Lektüre der Bibel herangeführt hat. Es begann damit, daß er meiner Schwester und mir die Geschichten aus dem Neuen und Alten Testtament vor dem Einschlafen vorgelesen hat.
Am liebsten mochte ich die Gleichnisse, in denen Christus zu seinen Jüngern sprach. Ich spürte die Weisheit dieser Worte, und es war, als spräche Christus geradewegs zu mir.
Ich möchte aber festhalten, daß es nicht das Ziel meines Vaters war, mich vom christlichen Glauben zu überzeugen. Meine Familie ist an sich nicht so christlich eingestellt. Er wollte mich in erster Linie mit dem Christentum als einer Grundlage unserer abendländischen Kultur vertraut machen. Und das ist ein großer Schatz, den ich sehr hege und pflege.
(Anmerkung: Man stelle sich einen Menschen vor, für den das Christentum mit all seinen Legenden, Geschichten, Bildern und Bräuchen ein Buch mit Sieben Sigeln sei. Erst einmal würde diese Person diese Metapher gar nicht verstehen. Zweitens stünde diese Person vollkommen ratlos vor den Kunstwerken von Dürer, Leonardo oder Gründwald und wüßte nichts mit Rilkes "Marienleben" oder "Stundenbuch" anzufangen.)
Zum Glauben kam ich dann von allein. Ganz selbstverständlich ging ich zur Christenlehre, und ich fing auch sehr früh an, in die Kirche zu gehen. Ich ging allein. Meine Eltern waren aus der Kirche ausgetreten, mein Großvater hatte, nach eigener Aussage, nicht viel mit der Kirche am Hut, und meine Großmütter gingen auch nicht zum Gottesdienst.
Aber ich liebte es.
In unserem Dorf fand der Gottesdienst in einem zweiwöchentlichen Intervall statt. Für mich war es einfach großartig. Ich weiß nicht, was es war. War es die Liturgie? Waren es die Lieder? War es die Predigt? War es die Teilhabe an einer heiligen Handlung? Wenn ich die Kirche verließ, war mir jedesmal, als würde ich schweben, als wandelte ich im reinsten Licht. Mein Herz und meine Seele waren froh und leicht.
Anders war es nur an den Karfreitagen. Da war ich traurig und weinte still über das Leid und den Tod Christi, der auch für meine Sünden gestorben war.
Vielleicht sollte ich erwähnen, daß es zu jener Zeit - lange vor der Wende - nicht gerade un problematisch war, sich so offen zur Kirche zu bekennen. In meiner Schule war es schon ein Stigma, ein Christenlehrekind zu sein.
Aber mir machte das nichts aus. Es half mir vielmehr, meinen Glauben zu stärken.
"Selig seid ihr, wenn ihr um meines Namens willen verfolgt werdet." Dies waren die Worte Jesu Christi. Sie gaben mir eine unglaubliche Kraft, und ich weiß genau, damals hätte ich um nichts in der Welt meinem Glauben entsagt. Gerade durch diese von mir empfundene Verfolgung als Christin konnte ich mich meines Glaubens vergewissern, denn dadurch wurde ich selig, und ich wußte, daß der Segen Gottes auf mir lag.
Später faßte ich sogar den Plan, Theologie zu studieren und Pastorin zu werden. Ich habe diesen nicht verwirklicht. Und zum Teil war das gut so für mich. Denn das war nicht der Weg, der für mich vorgesehen war.
Meine Familie war, wie bereits erwähnt, nicht besonders religiös. Eigentlich war sie überhaupt nicht nervös. Einige grundlegenden Empfindungen schlugen sich nieder in einer Vorliebe für Kirchenmusik und die Architektur sakraler Bauten, wobei die Musik das Feld meines Vaters war, und mein Großvater hegte eine große Leidenschaft für alte Kirchen. Wir unternahmen auch viele Ausflüge zu alten Kirchen, zu den großen Domen, zu Kirchen- und Klosterruinen, und ich lernte den Unterschied zwischen Romanik und Gotik, noch ehe ich in der Lage dazu war, Rad zu fahren.
Andererseits hatte meine Familie, zumindest väterlicherseits, feste protestantische Wurzeln. Die Vorfahren meines Vaters waren nahezu alle Lehrer oder Pastoren. Die Familie meiner Mutter war ebenfalls protestatisch - mit Ausnahme meines Großvaters, der katholisch war. (Dazu gibt es eine Geschichte, die ich an anderer Stelle erzählen werde.)
Soviel zu den Hintergründen.
Meine Schwester allerdings ist nicht christlich gesinnt, obwohl sie - als Künstlerin ist das unvermeidlich - ein sehr spiritueller Mensch ist.
Als ich dann zu studieren begann, trat mein Glaube in den Hintergrund. Er blieb immer da, aber er verlor die Dominanz, die ihm zuvor inne gewesen war.
Zugleich begannen für mich schwere Jahre, in denen ich einen großen Teil meiner Familie verlor. Es geschah in dieser Zeit, daß ich eine Freundin besuchte, die für ein Semester in Canterbury studierte. Natürlich besucht man, wenn man in Canterbury ist, auch die große Kathedrale. An einem Samtagabend war ich angekommen, und meine Schulfreundin hatte sich gleich zum Auftakt für mich ausgedacht, mit mir am Sonntag zum Gottesdienst zu gehen. Das Erlebnis war überwältigend . Es war nicht nur dieser prachtvolle Kirchenbau, der mich in seinen Bann zog, es war nicht nur die Predigt, die vom Erzbischof von Canterbury höchstselbst gehalten wurde, es war auch nicht nur die Schönheit des Gottesdienstes - es waren die Tiefe und das Alter dieses Ortes. Ja, der Geist, der in Canterbury herrschte, ging auf mich über, und ich besuchte in der Zeit, die ich in dieser schönen Stadt verbrachte, regelmäßig die Kathedrale - nicht nur zu den Gottesdiensten.
Die Kathedrale von Canterbury ist ein sehr kraftvoller Platz. Seit vielen Jahrtausenden haben Menschen dort zu ihren Göttern gebetet, und auch ich fühlte dort die Nähe Gottes so stark, wie ich sie nie zuvor empfunden hatte.
So wurde mir klar, daß ich den Glauben in mein Leben zurückkehren lassen mußte.
Als ich wieder zu Hause in Thüringen war, begann ich, jeden Sonntag zur Kirche zu gehen, doch ich will ehrlich sein. Ich habe es kein Jahr lang ausgehalten.
Es hatte sich viel verändert seit den Tagen meiner Kindheit.
Für den Weg zur Kirche hin und zurück brauchte ich eine halbe Stunde, und genauso lang dauerte auch der Gottesdienst. Wenn es denn ein Gottesdienst war. Es herrschte in der Gemeinde der unsägliche Brauch, Familiengottesdienste abzuhalten, deren Ziel es offensichtlich war, Kinder zu bespaßen, die nicht still sitzen konnten.
Jedenfalls fand ich da nicht, was ich suchte: innere Einkehr, Stille, Zwiesprache mit Gott, Meditation.
Also blieb ich zu Hause und lebte meinen Glauben für mich allein.
In dieser Zeit überredete mich eine Freundin dazu, einen Meditationskurs an der Volkshochschule von Jena zu besuchen. Dabei machte sie mich mit ihrer Meditationslehrerin bekannt, und für mich begann eine Zeit der intensiven buddhistischen Praxis und Theorie. Dadurch ist mir viel Gutes wiederfahren. Ich wurde meiner Prüfungsangst Herrin, und ich begann zu lernen, mit Trauer und Verlust umzugehen. (Das lerne ich übringens noch immer.)
Ich erfuhr auch die Weisheit, daß man manchmal einige Schritte zurück machen muß, um seinen Weg zu erkenne.
Denn nun wurde mir eines bewußt: Wenn ich wirklich einen spirituelle Heimat finden wollte, dann war das nur möglich innerhalb der christlich-abendländischen Kultur.
Aber die Zeiten waren nicht leicht für mich und forderten ihren Tribut. Ich brauchte einen Urlaub, und ich hatte die Idee, diesen Urlaub in einem Kloster zu verbringen. Ich suchte eine ganze Weile, bis ich das Kloster Sankt Marien zu Helfta (bei Eisleben) fand.
So kam es also: Ich, die eingefleischte Protestantin, reisete geradewegs in das Herz des kalten Lutherlandes in ein katholisches Zisterziensierinnenkloster, und als ich nach Hause zurück kehrte, war ich fest entschlossen, zum katholischen Glauben überzutreten.
Ich hatte eine wundervolle Zeit in Helfta. Ich ließ meinen Tagesablauf von den Gottesdiensten und Stundengebeten der Ordensschwestern bestimmen, und die sprituelle Leere, unter der ich so gelitten hatte, füllte sich mit der Mystik und der Gottesliebe, welche an diesem Ort so sehr lebendig waren.
(Auch darüber werde ich zu einem anderen Zeitpunkt mehr berichten.)
Wieder zurück in meiner Heimatstadt, nahm ich sofort Kontakt auf mit dem Pfarrer der Katholischen Gemeinde, dem mittlerweile verstorbenem Pfarrer Rudolf, und schon eine Woche später begann mein Unterricht.
So ist das. Wenn man zum Katholischen Glauben übertreten will, muß man ein Jahr lang regelmäßig zum Konvertitenunterricht gehen, und für mich war das eine sehr wertvolle und kostbare Erfahrung. Ich habe viel gelernt in dieser Zeit und mit dem Pfarrer viele interessante und spirituelle Gespräche gehabt.
Aber ebenso wichtig waren für mich die Begnungen mit den anderen Gemeindemitgliedern. Ich lernte viele interessante Menschen kennen, und ich konnte viel von ihnen lernen. Vieles hat sich dadurch in mir verändert, viele Ansichten haben sich relativiert.
Allmählich begann ich Dinge zu verstehen, die mir vorher unverständlich waren.
So begriff ich, warum das protestantische Abendmahl und die katholische Feier der Eucharistie nicht miteinander vermischt werden dürfen, und warum in der Nachfolge Christi katholische Priester eine andere Stellung haben als evangelische.
Wie gesagt: Durch meinen Großvater war mir der Katholizismus nicht fremd, und ich habe ohnehin nie verstanden, warum die Evangelische Kirche die Heilige Jungfrau Maria, die schließlich die Mutter Gottes ist, nicht ihrer Stellung gemäß würdigt.
Das Jahr ging vorrüber. Ich legte meine Erstbeichte ab, und an einem Tag - es war der 1. Advent - erlebte ich meinen Kirchenübertritt, meine Erstkommunion und meine Firmung. Es war ein schöner Tag. Schön war auch, daß mich meine Freunde und meine Familie dabei begleiteten.
Ja, jetzt bin ich angekommen.
Ich bin Katholikin in einer Zeit, in der das ein sehr kontroverses Bekenntnis ist.
Aber es erfüllt mich mit Freude, einer streitbaren Kirche anzugehören, die wie ein Fels ist im Strom der Zeit.
Und wenn man mich in Bedrängnis bringen will, dann erwacht in mir das Gefühl meiner Kindheit. Das gehört dann eben dazu.
Ich bin angekommen, und ich bin noch immer auf dem Weg.
Glaube ist auch eine nicht enden wollende Suche nach dem Glauben.
Und das ist doch irgendwie ein guter Schlußsatz.
Hier habe ich viel meinem Vater Georg Lohmann zu verdanken, der mich an die Lektüre der Bibel herangeführt hat. Es begann damit, daß er meiner Schwester und mir die Geschichten aus dem Neuen und Alten Testtament vor dem Einschlafen vorgelesen hat.
Am liebsten mochte ich die Gleichnisse, in denen Christus zu seinen Jüngern sprach. Ich spürte die Weisheit dieser Worte, und es war, als spräche Christus geradewegs zu mir.
Ich möchte aber festhalten, daß es nicht das Ziel meines Vaters war, mich vom christlichen Glauben zu überzeugen. Meine Familie ist an sich nicht so christlich eingestellt. Er wollte mich in erster Linie mit dem Christentum als einer Grundlage unserer abendländischen Kultur vertraut machen. Und das ist ein großer Schatz, den ich sehr hege und pflege.
(Anmerkung: Man stelle sich einen Menschen vor, für den das Christentum mit all seinen Legenden, Geschichten, Bildern und Bräuchen ein Buch mit Sieben Sigeln sei. Erst einmal würde diese Person diese Metapher gar nicht verstehen. Zweitens stünde diese Person vollkommen ratlos vor den Kunstwerken von Dürer, Leonardo oder Gründwald und wüßte nichts mit Rilkes "Marienleben" oder "Stundenbuch" anzufangen.)
Zum Glauben kam ich dann von allein. Ganz selbstverständlich ging ich zur Christenlehre, und ich fing auch sehr früh an, in die Kirche zu gehen. Ich ging allein. Meine Eltern waren aus der Kirche ausgetreten, mein Großvater hatte, nach eigener Aussage, nicht viel mit der Kirche am Hut, und meine Großmütter gingen auch nicht zum Gottesdienst.
Aber ich liebte es.
In unserem Dorf fand der Gottesdienst in einem zweiwöchentlichen Intervall statt. Für mich war es einfach großartig. Ich weiß nicht, was es war. War es die Liturgie? Waren es die Lieder? War es die Predigt? War es die Teilhabe an einer heiligen Handlung? Wenn ich die Kirche verließ, war mir jedesmal, als würde ich schweben, als wandelte ich im reinsten Licht. Mein Herz und meine Seele waren froh und leicht.
Anders war es nur an den Karfreitagen. Da war ich traurig und weinte still über das Leid und den Tod Christi, der auch für meine Sünden gestorben war.
Vielleicht sollte ich erwähnen, daß es zu jener Zeit - lange vor der Wende - nicht gerade un problematisch war, sich so offen zur Kirche zu bekennen. In meiner Schule war es schon ein Stigma, ein Christenlehrekind zu sein.
Aber mir machte das nichts aus. Es half mir vielmehr, meinen Glauben zu stärken.
"Selig seid ihr, wenn ihr um meines Namens willen verfolgt werdet." Dies waren die Worte Jesu Christi. Sie gaben mir eine unglaubliche Kraft, und ich weiß genau, damals hätte ich um nichts in der Welt meinem Glauben entsagt. Gerade durch diese von mir empfundene Verfolgung als Christin konnte ich mich meines Glaubens vergewissern, denn dadurch wurde ich selig, und ich wußte, daß der Segen Gottes auf mir lag.
Später faßte ich sogar den Plan, Theologie zu studieren und Pastorin zu werden. Ich habe diesen nicht verwirklicht. Und zum Teil war das gut so für mich. Denn das war nicht der Weg, der für mich vorgesehen war.
Meine Familie war, wie bereits erwähnt, nicht besonders religiös. Eigentlich war sie überhaupt nicht nervös. Einige grundlegenden Empfindungen schlugen sich nieder in einer Vorliebe für Kirchenmusik und die Architektur sakraler Bauten, wobei die Musik das Feld meines Vaters war, und mein Großvater hegte eine große Leidenschaft für alte Kirchen. Wir unternahmen auch viele Ausflüge zu alten Kirchen, zu den großen Domen, zu Kirchen- und Klosterruinen, und ich lernte den Unterschied zwischen Romanik und Gotik, noch ehe ich in der Lage dazu war, Rad zu fahren.
Andererseits hatte meine Familie, zumindest väterlicherseits, feste protestantische Wurzeln. Die Vorfahren meines Vaters waren nahezu alle Lehrer oder Pastoren. Die Familie meiner Mutter war ebenfalls protestatisch - mit Ausnahme meines Großvaters, der katholisch war. (Dazu gibt es eine Geschichte, die ich an anderer Stelle erzählen werde.)
Soviel zu den Hintergründen.
Meine Schwester allerdings ist nicht christlich gesinnt, obwohl sie - als Künstlerin ist das unvermeidlich - ein sehr spiritueller Mensch ist.
Als ich dann zu studieren begann, trat mein Glaube in den Hintergrund. Er blieb immer da, aber er verlor die Dominanz, die ihm zuvor inne gewesen war.
Zugleich begannen für mich schwere Jahre, in denen ich einen großen Teil meiner Familie verlor. Es geschah in dieser Zeit, daß ich eine Freundin besuchte, die für ein Semester in Canterbury studierte. Natürlich besucht man, wenn man in Canterbury ist, auch die große Kathedrale. An einem Samtagabend war ich angekommen, und meine Schulfreundin hatte sich gleich zum Auftakt für mich ausgedacht, mit mir am Sonntag zum Gottesdienst zu gehen. Das Erlebnis war überwältigend . Es war nicht nur dieser prachtvolle Kirchenbau, der mich in seinen Bann zog, es war nicht nur die Predigt, die vom Erzbischof von Canterbury höchstselbst gehalten wurde, es war auch nicht nur die Schönheit des Gottesdienstes - es waren die Tiefe und das Alter dieses Ortes. Ja, der Geist, der in Canterbury herrschte, ging auf mich über, und ich besuchte in der Zeit, die ich in dieser schönen Stadt verbrachte, regelmäßig die Kathedrale - nicht nur zu den Gottesdiensten.
Die Kathedrale von Canterbury ist ein sehr kraftvoller Platz. Seit vielen Jahrtausenden haben Menschen dort zu ihren Göttern gebetet, und auch ich fühlte dort die Nähe Gottes so stark, wie ich sie nie zuvor empfunden hatte.
So wurde mir klar, daß ich den Glauben in mein Leben zurückkehren lassen mußte.
Als ich wieder zu Hause in Thüringen war, begann ich, jeden Sonntag zur Kirche zu gehen, doch ich will ehrlich sein. Ich habe es kein Jahr lang ausgehalten.
Es hatte sich viel verändert seit den Tagen meiner Kindheit.
Für den Weg zur Kirche hin und zurück brauchte ich eine halbe Stunde, und genauso lang dauerte auch der Gottesdienst. Wenn es denn ein Gottesdienst war. Es herrschte in der Gemeinde der unsägliche Brauch, Familiengottesdienste abzuhalten, deren Ziel es offensichtlich war, Kinder zu bespaßen, die nicht still sitzen konnten.
Jedenfalls fand ich da nicht, was ich suchte: innere Einkehr, Stille, Zwiesprache mit Gott, Meditation.
Also blieb ich zu Hause und lebte meinen Glauben für mich allein.
In dieser Zeit überredete mich eine Freundin dazu, einen Meditationskurs an der Volkshochschule von Jena zu besuchen. Dabei machte sie mich mit ihrer Meditationslehrerin bekannt, und für mich begann eine Zeit der intensiven buddhistischen Praxis und Theorie. Dadurch ist mir viel Gutes wiederfahren. Ich wurde meiner Prüfungsangst Herrin, und ich begann zu lernen, mit Trauer und Verlust umzugehen. (Das lerne ich übringens noch immer.)
Ich erfuhr auch die Weisheit, daß man manchmal einige Schritte zurück machen muß, um seinen Weg zu erkenne.
Denn nun wurde mir eines bewußt: Wenn ich wirklich einen spirituelle Heimat finden wollte, dann war das nur möglich innerhalb der christlich-abendländischen Kultur.
Aber die Zeiten waren nicht leicht für mich und forderten ihren Tribut. Ich brauchte einen Urlaub, und ich hatte die Idee, diesen Urlaub in einem Kloster zu verbringen. Ich suchte eine ganze Weile, bis ich das Kloster Sankt Marien zu Helfta (bei Eisleben) fand.
So kam es also: Ich, die eingefleischte Protestantin, reisete geradewegs in das Herz des kalten Lutherlandes in ein katholisches Zisterziensierinnenkloster, und als ich nach Hause zurück kehrte, war ich fest entschlossen, zum katholischen Glauben überzutreten.
Ich hatte eine wundervolle Zeit in Helfta. Ich ließ meinen Tagesablauf von den Gottesdiensten und Stundengebeten der Ordensschwestern bestimmen, und die sprituelle Leere, unter der ich so gelitten hatte, füllte sich mit der Mystik und der Gottesliebe, welche an diesem Ort so sehr lebendig waren.
(Auch darüber werde ich zu einem anderen Zeitpunkt mehr berichten.)
Wieder zurück in meiner Heimatstadt, nahm ich sofort Kontakt auf mit dem Pfarrer der Katholischen Gemeinde, dem mittlerweile verstorbenem Pfarrer Rudolf, und schon eine Woche später begann mein Unterricht.
So ist das. Wenn man zum Katholischen Glauben übertreten will, muß man ein Jahr lang regelmäßig zum Konvertitenunterricht gehen, und für mich war das eine sehr wertvolle und kostbare Erfahrung. Ich habe viel gelernt in dieser Zeit und mit dem Pfarrer viele interessante und spirituelle Gespräche gehabt.
Aber ebenso wichtig waren für mich die Begnungen mit den anderen Gemeindemitgliedern. Ich lernte viele interessante Menschen kennen, und ich konnte viel von ihnen lernen. Vieles hat sich dadurch in mir verändert, viele Ansichten haben sich relativiert.
Allmählich begann ich Dinge zu verstehen, die mir vorher unverständlich waren.
So begriff ich, warum das protestantische Abendmahl und die katholische Feier der Eucharistie nicht miteinander vermischt werden dürfen, und warum in der Nachfolge Christi katholische Priester eine andere Stellung haben als evangelische.
Wie gesagt: Durch meinen Großvater war mir der Katholizismus nicht fremd, und ich habe ohnehin nie verstanden, warum die Evangelische Kirche die Heilige Jungfrau Maria, die schließlich die Mutter Gottes ist, nicht ihrer Stellung gemäß würdigt.
Das Jahr ging vorrüber. Ich legte meine Erstbeichte ab, und an einem Tag - es war der 1. Advent - erlebte ich meinen Kirchenübertritt, meine Erstkommunion und meine Firmung. Es war ein schöner Tag. Schön war auch, daß mich meine Freunde und meine Familie dabei begleiteten.
Ja, jetzt bin ich angekommen.
Ich bin Katholikin in einer Zeit, in der das ein sehr kontroverses Bekenntnis ist.
Aber es erfüllt mich mit Freude, einer streitbaren Kirche anzugehören, die wie ein Fels ist im Strom der Zeit.
Und wenn man mich in Bedrängnis bringen will, dann erwacht in mir das Gefühl meiner Kindheit. Das gehört dann eben dazu.
Ich bin angekommen, und ich bin noch immer auf dem Weg.
Glaube ist auch eine nicht enden wollende Suche nach dem Glauben.
Und das ist doch irgendwie ein guter Schlußsatz.
Samstag, 23. Januar 2010
Von den Anfängen
Dann will mal, um ein Versprechen zu erfüllen, ein wenig aus meinem Leben erzählen.
Ich werde dabei mal am Anfang beginnen.
Ich bin bei meinen Großeltern aufgewachsen - in einem kleinen Dorf in der Nähe von Weimar. Wir lebten dort auf eine Weise zusammen, die man heute kaum noch antrifft. Vier Generationen unter einem Dach: Meine Urgroßmutter, meine Großeltern, mein Onkel - und dann noch meine Schwester und ich.
Wir hatten einen Garten, einen Hühnerhof und Kaninchen. Im Frühjahr hatten wir oftmals auh Enten, die meine Großmutter als Kücken kaufte. Allerdings überlebten die das Jahr nicht. Was im Licht des Lenz noch munter durch das Gras sprang, fand sich im Kerzenschein der Weihnachtszeit wieder auf meinem Bett aus Rotkraut und Klößen. Wie das in Thüringen eben so ist.
Mir standen besonders die Kaninchen nahe. In den Ferien war es meine Aufgabe, früh am Morgen durch die Gegend zu streifen, um Löwenzahn für diese zu sammeln.
Es gab viel Grün um unser Dorf, und man brauchte gar nicht weit laufen, um das Gefühl zu bekommen, ganz allein und menschenverlassen zu sein.
Die früheste Erinnerung aus meiner Kindheit habe ich an meine Urgroßmutter. Ich muß sehr klein gewesen sein - noch ein Säugling. Aber ich erinnere mich daran, wie sie mich nach oben trug und mein Blick durch das Fenster im Treppenhaus hinaus auf die Krone der Birke im Hof fiel.
Zwei weitere einschneidende Erlebnisse meiner Kindheit waren diese: Zum einen der Tod meines Großonkels, den ich miterlebt habe, und zum anderen, als mich meine Mutter auf dem Friedhof vergessen hatte.
Ja, durchaus morbide Erlebnisse, die eine gewisse Düsternis und einen Hang zum Makabren und Dunklen in meinem Gemüt zurückgelassen haben.
Mit Literatur kam ich sehr früh in Berührung, weil mein Großvater, ein ehemaliger Lehrer, auch der Bibliothekar in unserem Dorf war. (Neben vielen anderen Dingen. Ich werde meinem Großvater bestimmt später einen eigenen Text widmen.)
Natürlich laß er meiner Schwester und mir Märchen vor. Er erzählte auch viele, die nicht in den Büchern standen.
Und selbstverständlich sorgte er dafür, daß wir, sobald wir lesen konnten, mit der entsprechenden Lektüre ausgestattet wurden.
Ich zeigte mich ein wenig frühreif. Eines der ersten Bücher, das ich las, war Goethes "Faust". Ich wählte es vor allem aus dem Grund, weil mein Großvater meinte, ich verstünde es noch nicht. Zum Teil hatte er damit recht.
Er hatte unrecht, weil man als Kind den "Faust" sehr wohl verstehen kann.
Er hatte recht, weil man als Kind den "Faust" nur auf sehr einfache Weise verstehen kann.
Allerdings ist es gut, mit dieser Lektüre so früh wie möglich zu beginnen, denn der "Faust" war Goethes Lebenswerk. Es brauchte ein langes Leben, den "Faust" zu schreiben, und ich denke, es braucht auch ein Leben, um dieses Große Werk in all seinen Tiefen zu verstehen.
Das erste, was mir mein Großvater in die Hand drückte, waren die Bücher von Tschingis Aitmatow. "Der Weiße Dampfer", "Djamila", "Der Erste Lehrer" und verschiedene Erzählungen. Später kamen dann "Die Richtstatt" und "Der Tag zieht den Jahrhundertweg" hinzu.
Seitdem ist Aitmatow mein Lieblingsschriftsteller. Bis vor kurzem hatte ich all seine Bücher. (Ein Brand hat einige davon zerstört.)
Ich lese Aitmatow noch immer und immer wieder, denn ich finde in seinen Büchern etwas, das ich anderswo vergeblich suche. Und er erinnert mich daran, daß ich es finden kann.
Das besondere an Aitmatows Schriften ist, daß sie nicht irgendwo in der Welt spielen, sondern in der Heimat des Autors. Es sind Geschichten aus der Steppe, aus Kirgisien, dem einsamen Land - aus der Welt, in der Aitmatow aufwuchs und lebte. Er erzählte nicht nur von der Gegenwart dieser Menschen, sondern auch von ihrer Vergangheit, von ihren Mythen, ihrem Glaube, ihren Traditionen. Und alles ist so reich, so farbenfroh und lebendig.
Und das ist doch etwas, mit dem wir hier in unserem grauen Deutschland so arge Nöte haben. Wir haben verlernt, uns als Volk mit Vergangenheit zu sehen, und wenn wir von unserer Vergangenheit reden, dann nur von den schwarzen oder besser gesagt braunen Jahren zwischen 1933 und 1945.
Wir sollten alle wieder mehr Aitmatow lesen und uns daran erinnern, daß Überlieferung mehr ist als das.
Der Großvater in "Der Weiße Dampfer" lehrt seinen Enkel, den Jungen ohne Namen, wie wichtig es ist, die Namen seiner Väter zu kennen. Denn wer die Namen seiner Väter nicht kennt, weiß auch, daß man sich nicht an ihn erinnern wird. Und das macht die Menschen nachlässig. Das bringt sie dazu, schlimme Dinge zu tun, zu betrügen, zu morgen, zu raffen, denn sie können sich ja sicher sein, daß diese Taten der Nachwelt nicht überliefert werden.
Deshalb ist es wichtig, sich zu erinnern. Und zwar an alles.
Vielleicht wäre es auch ratsam, unseren "Herren" hin und wieder zu sagen: "Man wird sich an euch erinnern."
Gut. Das sollte fürs erste reichen.
Später werde ich weiter erzählen.
Ich werde dabei mal am Anfang beginnen.
Ich bin bei meinen Großeltern aufgewachsen - in einem kleinen Dorf in der Nähe von Weimar. Wir lebten dort auf eine Weise zusammen, die man heute kaum noch antrifft. Vier Generationen unter einem Dach: Meine Urgroßmutter, meine Großeltern, mein Onkel - und dann noch meine Schwester und ich.
Wir hatten einen Garten, einen Hühnerhof und Kaninchen. Im Frühjahr hatten wir oftmals auh Enten, die meine Großmutter als Kücken kaufte. Allerdings überlebten die das Jahr nicht. Was im Licht des Lenz noch munter durch das Gras sprang, fand sich im Kerzenschein der Weihnachtszeit wieder auf meinem Bett aus Rotkraut und Klößen. Wie das in Thüringen eben so ist.
Mir standen besonders die Kaninchen nahe. In den Ferien war es meine Aufgabe, früh am Morgen durch die Gegend zu streifen, um Löwenzahn für diese zu sammeln.
Es gab viel Grün um unser Dorf, und man brauchte gar nicht weit laufen, um das Gefühl zu bekommen, ganz allein und menschenverlassen zu sein.
Die früheste Erinnerung aus meiner Kindheit habe ich an meine Urgroßmutter. Ich muß sehr klein gewesen sein - noch ein Säugling. Aber ich erinnere mich daran, wie sie mich nach oben trug und mein Blick durch das Fenster im Treppenhaus hinaus auf die Krone der Birke im Hof fiel.
Zwei weitere einschneidende Erlebnisse meiner Kindheit waren diese: Zum einen der Tod meines Großonkels, den ich miterlebt habe, und zum anderen, als mich meine Mutter auf dem Friedhof vergessen hatte.
Ja, durchaus morbide Erlebnisse, die eine gewisse Düsternis und einen Hang zum Makabren und Dunklen in meinem Gemüt zurückgelassen haben.
Mit Literatur kam ich sehr früh in Berührung, weil mein Großvater, ein ehemaliger Lehrer, auch der Bibliothekar in unserem Dorf war. (Neben vielen anderen Dingen. Ich werde meinem Großvater bestimmt später einen eigenen Text widmen.)
Natürlich laß er meiner Schwester und mir Märchen vor. Er erzählte auch viele, die nicht in den Büchern standen.
Und selbstverständlich sorgte er dafür, daß wir, sobald wir lesen konnten, mit der entsprechenden Lektüre ausgestattet wurden.
Ich zeigte mich ein wenig frühreif. Eines der ersten Bücher, das ich las, war Goethes "Faust". Ich wählte es vor allem aus dem Grund, weil mein Großvater meinte, ich verstünde es noch nicht. Zum Teil hatte er damit recht.
Er hatte unrecht, weil man als Kind den "Faust" sehr wohl verstehen kann.
Er hatte recht, weil man als Kind den "Faust" nur auf sehr einfache Weise verstehen kann.
Allerdings ist es gut, mit dieser Lektüre so früh wie möglich zu beginnen, denn der "Faust" war Goethes Lebenswerk. Es brauchte ein langes Leben, den "Faust" zu schreiben, und ich denke, es braucht auch ein Leben, um dieses Große Werk in all seinen Tiefen zu verstehen.
Das erste, was mir mein Großvater in die Hand drückte, waren die Bücher von Tschingis Aitmatow. "Der Weiße Dampfer", "Djamila", "Der Erste Lehrer" und verschiedene Erzählungen. Später kamen dann "Die Richtstatt" und "Der Tag zieht den Jahrhundertweg" hinzu.
Seitdem ist Aitmatow mein Lieblingsschriftsteller. Bis vor kurzem hatte ich all seine Bücher. (Ein Brand hat einige davon zerstört.)
Ich lese Aitmatow noch immer und immer wieder, denn ich finde in seinen Büchern etwas, das ich anderswo vergeblich suche. Und er erinnert mich daran, daß ich es finden kann.
Das besondere an Aitmatows Schriften ist, daß sie nicht irgendwo in der Welt spielen, sondern in der Heimat des Autors. Es sind Geschichten aus der Steppe, aus Kirgisien, dem einsamen Land - aus der Welt, in der Aitmatow aufwuchs und lebte. Er erzählte nicht nur von der Gegenwart dieser Menschen, sondern auch von ihrer Vergangheit, von ihren Mythen, ihrem Glaube, ihren Traditionen. Und alles ist so reich, so farbenfroh und lebendig.
Und das ist doch etwas, mit dem wir hier in unserem grauen Deutschland so arge Nöte haben. Wir haben verlernt, uns als Volk mit Vergangenheit zu sehen, und wenn wir von unserer Vergangenheit reden, dann nur von den schwarzen oder besser gesagt braunen Jahren zwischen 1933 und 1945.
Wir sollten alle wieder mehr Aitmatow lesen und uns daran erinnern, daß Überlieferung mehr ist als das.
Der Großvater in "Der Weiße Dampfer" lehrt seinen Enkel, den Jungen ohne Namen, wie wichtig es ist, die Namen seiner Väter zu kennen. Denn wer die Namen seiner Väter nicht kennt, weiß auch, daß man sich nicht an ihn erinnern wird. Und das macht die Menschen nachlässig. Das bringt sie dazu, schlimme Dinge zu tun, zu betrügen, zu morgen, zu raffen, denn sie können sich ja sicher sein, daß diese Taten der Nachwelt nicht überliefert werden.
Deshalb ist es wichtig, sich zu erinnern. Und zwar an alles.
Vielleicht wäre es auch ratsam, unseren "Herren" hin und wieder zu sagen: "Man wird sich an euch erinnern."
Gut. Das sollte fürs erste reichen.
Später werde ich weiter erzählen.
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