Montag, 16. November 2009

REGENLIED

Im Regen
schlafen
die Krähen auf den Feldern.
Sie sitzen und warten
und zählen die Wolken,
die über ihnen
wandern.

Sie fliehen nicht
vor dem Sturm
und
schweigen.

So still -
und der Abend kommt,
und der Regen,
Regen,
Regen, der lautlos

niedergeht.

Mittwoch, 11. November 2009

DER SEELE PFLASTERSTEINE


Weit und weiter mit der Nacht
über den Asphalt der Seele gehen.
Laut ins Dunkel die Schritte hallen lassen
und nicht fragen, wohin.

Und unterwegs
den Staub der Jahre sammeln
in Krügen aus Ton,
die leichthin zerschellen.

Und niemals ankomme,
weil nach jeder Biegung
neue Klüfte
sich dem Blick erschließen.

Und am Ende fallen
ganz tief hinein
in das Licht und die Ewigkeit.

Weit und weiter unter den Füßen
die Pflastersteine der Seele,
die Hoffnung, die verloren geglaubte,
immer bei sich tragend,
und nicht fragen, warum.



Literatur:
Ilka Lohmann
"Der Seele Pflastersteine"
UND-Verlag Stadtroda, 2006

Dienstag, 10. November 2009

DIE WORTE DES GLAUBENS (von Friedrich Schiller)

Friedrich Schiller (1759 bis 1805) zum 250. Geburtstag




Drei Worte nenn' ich euch, inhaltschwer,
Sie gehen von Munde zu Munde,
Doch stammen sie nicht von außen her;
Das Herz nur gibt davon Kunde.
Dem Menschen ist aller Werth geraubt,
Wenn er nicht mehr an die drei Worte glaubt.

Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei,
Und würd' er in Ketten geboren,
Laßt euch nicht irren des Pöbels Geschrei,
Nicht den Mißbrauch rasender Thoren!
Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht,
Vor dem freien Menschen erzittert nicht!

Und die Tugend, sie ist kein leerer Schall,
Der Mensch kann sie üben im Leben,
Und sollt' er auch straucheln überall,
Er kann nach der göttlichen streben,
Und was kein Verstand der Verständigen sieht,
Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüth.

Und ein Gott ist, ein heiliger Wille lebt,
Wie auch der menschliche wanke;
Hoch über der Zeit und dem Raume webt
Lebendig der höchste Gedanke,
Und ob Alles in ewigem Wechsel kreist,
Es beharret im Wechsel ein ruhiger Geist.

Die drei Worte bewahret euch, inhaltschwer,
Sie pflanzet von Munde zu Munde,
Und stammen sie gleich nicht von außen her,
Euer Innres gibt davon Kunde.
Dem Menschen ist nimmer sein Werth geraubt,
So lang er noch an die drei Worte glaubt.

Montag, 9. November 2009

ABSCHIED (Joseph Freiherr v. Eichendorff)

Blick auf die Dornburger Schlösser

O Täler weit, o Höhen,
O schöner, grüner Wald,
Du meiner Lust und Wehen
Andächtger Aufenthalt!
Da draußen, stets betrogen,
Saust die geschäftge Welt.
Schlag noch einmal die Bogen
Um mich, du grünes Zelt!

Wenn es beginnt zu tagen,
Die Erde dampft und blinkt,
Die Vögel lustig schlagen,
Daß dir dein Herz erklingt:
Da mag vergehn, verwehen
Das trübe Erdenleid,
Da sollst du auferstehen
In junger Herrlichkeit!

Da steht im Wald geschrieben
Ein stilles, ernstes Wort
Von rechtem Tun und Lieben,
Und was des Menschen Hort.
Ich habe treu gelesen
Die Worte, schlicht und wahr,
Und durch mein ganzes Wesen
Wards unaussprechlich klar.

Bald werd ich dich verlassen,
Fremd in der Fremde gehn,
Auf buntbewegten Gassen
Des Lebens Schauspiel sehn;
Und mitten in dem Leben
Wird deines Ernsts Gewalt
Mich Einsamen erheben,
So wird mein Herz nicht alt.

Anmerkung:
Ich bin heute von diesem Gedicht sehr berührt worden, und aus diesem Grund wollte ich es meinen eigenen Texten zugesellen.

Sonntag, 8. November 2009

UFER UND FLUSS


Die Saale bei Dornburg

Das Ufer fragte den Fluß: "Überall, wohin ich gehe, gehst auch du hin. Folge ich dir, oder folgst du mir?"
Da erwiderte der Fluß: "Ich folge dir nicht, und ebensowenig folgst du mir. Wir beide haben nur den gleichen Weg."

Samstag, 7. November 2009

Mein Lieblingsbaum


Er ist noch nicht alt. Wenige Sommer und Winter sind durch seine Äste gegangen. Sie hatten ihn vor dem Feld gepflanzt, nachdem die Pappeln gefallen waren. Er ist noch zu jung, um Schatten zu spenden, und auch die Vögel bauen sich noch keine Nester in seinen zarten Zweigen.
Aber die Katzen lieben ihn. Die Kleinen können schon fast seinen Stamm umfassen, und sie klettern an ihm empor, um zu sehen, wer der Schnellste von ihnen ist, und ihm Herbst spielen sie in dem goldenen Laub, das zu seinen Füßen liegt.

Eine junge Buche. Ich sehe sie vor meinem Fenster, wenn ich am Schreibtisch sitze und denke. Dann lehne ich mich nach vorn und beobachte den Wind, der an den Blättern reißt, bis sie fallen.
Ich sehe ihn Jahr um Jahr, sehe, wie er wächst, wie er lebt und atmet.
Irgendwann werden auch die Vögel zu ihn finden.
Er kann groß werden und mächtig, wenn wir ihn lassen.