Rezension: Carlos Ruiz Zafon (2010) DER FÜRST DES NEBELS [deutsch von Lisa Grüneisen], S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main
„Das ist nicht tot, was ewig liegt....“ dichtete Howard Philipps Lovecraft für das geheimnisvolle Necronomicon, und auch in Carlos Ruiz Zafons Roman „Der Fürst des Nebels“ muß der dreizehnjährige Max dies bitter am eigenen Leibe erfahren.
Vom Vater wird er, wie der Rest der Familie, eines Tages mit dem plötzlichen Umzug von der Stadt in ein Haus am Meer überrascht, um dem Krieg zu entfliehen, wie der Vater sagt, der aber eigentlich nur einen neuen Anfang in einer neuen Umgebung sucht.
Doch auch in dem kleinen Fischerdorf, in das es die Familie nun verschlagen hat, ist der Krieg nicht fern. Max trifft ihn, im übertragenen Sinne, in Gestalt Ronalds, des neunzehnjährigen Adoptivsohnes des Leuchtturmwärters, der davon erzählt, daß dies sein letzter Sommer in dem kleinen Dorf sein könnte, weil er im Herbst an die Front einberufen werden wird.
Doch um Ronald ranken sich mehr Geheimnisse, als es auf den ersten Blick scheint. Und es wird bald deutlich, daß alle in großer Gefahr schweben. Der Leuchtturmwächter hütet des Geheimnis, doch als er es endlich Max offenbart, ist es schon zu spät und die Tragödie ist nicht mehr aufzuhalten.
„Der Fürst des Nebels“ von Carlos Ruiz Zafon wird zu Recht und zu Unrecht als Jugendbuch bezeichnet.
Zu Unrecht, weil dem Buch weder der unsägliche pädagogische Impetus, der viele Jugendbücher zu Brechreizlektüre macht, noch der gewisse Hauch von Drögheit und Schlichtheit, wie er beispielsweise von den Büchern Pauswangs oder Funkes ausgeht, anhaftet. Das Buch ist gut geschrieben, spannend erzählt. Die Sprache ist fein formuliert, und nicht im geringsten nimmt sie Anklang an der sogenannten Jugendsprache, mit der schon der Übersetzer Wolfgang Krege – Friede seiner Asche – den „Herrn der Ringe“ zu einem Bastei-Lübbe-Schlager abqualifizierte und der die deutschen Übersetzungen der „Harry-Potter“-Bücher zu einer Herausforderung für jeden macht, welcher der deutschen Sprache mächtig ist. Es ist eine ernste Sprache, dem Sujet des Schauerromans angemessen. Poetisch. Klangvoll. Banale Nebensätze und schludrige Formulierungen sucht man vergebens. Da hat die Übersetzerin Lisa Grüneisen, die durch ihr gutes Stilistikgefühl schon „Der Schatten des Windes“ zu einem Klassiker hat werden lassen, ganze Arbeit geleistet.
Damit wären wir auch schon an der Stelle, an der erklärt werden soll, warum der Roman kein Jugendbuch ist. „Jugendbuch“ klingt nach geringem literarischen Wert. Leider ist das so. Man mag beispielsweise von Stephenie Meyer halten, was man will, aber der literarische Wert ihrer Bücher ist liegt bei Null. Die Ausgaben unterscheiden sich nur durch den Festeinband von den üblichen Groschenromanen vom Kiosk nebenan.
Sollte ich den „Fürst des Nebels“ mit einem anderen Roman vergleichen, so käme mir als erstes Aitmatows „Der weiße Dampfer“ in den Sinn. Im Mittelpunkt beider Romane steht ein Junge, der sich dem Erwachsenwerden stellt. Während das namenlose Kind in den Kirgisischen Wäldern daran zugrunde geht, daß die Märchen seiner Kindheit, die seine Seele sind, an der Wirklichkeit zerbrechen, überlebt Max die Tragödie. Doch nach der Lektüre des Buches fragt man sich zwangsläufig: Was für ein Leben hat man vor sich, wenn man solche Ereignisse, solche Schrecken, solche unaussprechlichen Unmöglichkeiten erfährt und überlebt?
Und es ist gut, daß Zafon uns die Antwort schuldig bleibt.
Der Roman ist Zafons Erstling. Durch die historische Verortung in den Sommer 1943 und durch die Unschärfe, mit der die räumliche Dimension beschrieben wird, hat das Buch etwas Zeitloses. Es wird auch in hundert Jahren nichts von seiner Frische verloren haben.
Es ist ein Buch, wie es Großeltern ihren Enkeln zum Lesen geben können, als wäre es ein Buch ihrer Jugend.
Die Bilder erinnern an altersschwache, verblichene Fotographien, die von einem zarten Sepia überzogen sind. Man meint, den Wind zu spielen. Und wie von Fern hört man eine Melodie, die einem alten Wiegenlied gleicht.
Immer wieder taucht aus dieser Idylle der kühle Hauch des Schreckens auf. Ein Schrecken, den man gern in das Reich der Phantasie, der kindlichen Einbildung verbannen möchte. Aber er ist wirklich, er wird greifbar, und er verschont keinen.
Zafon hat nur scheinbar einen Roman über das Erwachsenwerden geschrieben. Es ist Roman über die Schuld. Alle machen sich schuldig: der Vater, der – um sich den Traum vom Leben am Meer – seine Familie mit einer Lüge aus ihrer gewohnten Umgebung reißt; der Leuchtturmwächter, weil er viel zu lange schweigt; Dr. Fleischmann, der Vorbesitzer des Hauses, weil er sich eingelassen hat auf einen Pakt mit dem Dämon, um das zu bekommen, was nicht für ihn bestimmt war, und der damit Unglück über andere Menschen brachte.
Cain, der Nebelfürst, tut nichts anders als das, was man von ihm erwartet. Er ist das schlechthin Böse, das selbst jene verführen kann, die sich von ihm abwenden.
Und die Kinder.... Sie leiden. Sie tragen die Last für die Schuld der Alten.
Das einzig Negative, was man über dieses Buch sagen kann ist dies: Es ist entschieden zu kurz.
Wer sollte also dieses Buch lesen?
Kurze Antwort: Jeder.
Lange Antwort: Jeder, der innerliche Geschichten liebt, der bereit ist, die Macht des Übernatürlichen anzuerkennen, der sich verführen läßt, der berührbar ist und bereit dazu, sich wie ein Kind zu fürchten vor dem Dunkel hinter der verschlossenen Kleiderschranktür.
Carlos Ruiz Zafon, geboren am 25. September 1964, ist geboren und aufgewachsen in Barcelona. „Der Fürst des Nebels“ ist sein erster Roman, der 1993 in spanischer Sprache erschien.
Donnerstag, 22. September 2011
Dienstag, 30. August 2011
KÄSSMANN-TEXTE, DIE SICH ERGIESSEN IN WELLNESS-BELIEBIGKEIT
REZENSION
Margot Käßmann: Sehnsucht nach Leben – mit Bildern von Eberhardt Münch. 176 S. geb. m.Schutzumschl. Adeo Verlag. Asslar 2011. 17,99 €. ISBN 978-3-942208-26-0
Es hat eine lange Tradition, daß Priester und Pastoren Bücher schreiben. Bücher, die der Erbauung dienen sollen und der Vermittlung von religiösem Wissen. Eine Pastorin, die in dieser Hinsicht besonders eifrig ist, ist Margot Käßmann, Jahrgang 1958. Die promovierte und habilitierte Theologin, ehemalige Bischöfin von der evangelischen Landeskirche von Hannover und ehemalige Ratsvorsitzende der EKD kann, nach den Angaben der DNB, auf sage und schreibe 141 Publikationen zurückblicken.
In ihrer jüngsten Publikation schreibt Käßmann nun über die Sehnsucht. „Sich sehnen", so schreibt sie in der Einleitung, „ist etwas sehr Emotionales. Da geht es um ganz Eigenes, da schwingen Lebensfragen, Hoffnungen mit." (S. 7)
In zwölf Abschnitten, die man mit ganz viel gutem Willen als essayistische Versuche bezeichnen könnte, widmet sich Käßmann nun ganz allzumenschlichen Themen wie Heimat, Liebe, Gott, einem Engel und anderen Gemeinplätzen, die sie allesamt auf spielerisch-oberflächliche Weise zum Thema „Sehnsucht" in Beziehung setzt. So schwammig, wie die Begriffe sind, die Frau Käßmann hier zusammengetragen hat, so schwammig bleiben die einzelnen Texte. Auf 176 Seiten versammelt dieses Buch alle pseudospirituellen Wohlfühlklischees, die man sich nur denken kann. Und Frau Käßmann, die auch hin und wieder persönliche Banalitäten preisgibt, wird nicht müde, alles ermutigend und faszinierend und bedeutsam zu finden.
Auf Seite 33 fällt ein bedeutungsschwangerer Satz: „Mich bedrückt, wenn Menschen ein Leben lang schweigen sollen und es heißt, dies sei eine gottesfürchtige Haltung." Zum Kontext: Der Abschnitt ist mit „Sehnsucht nach Stille" betitelt, und jener Satz ist ein Kommentar zu gewissen katholischen Mönchsorden, deren Angehörige ein Schweigegelübde abgelegt haben. Nun ist es in der Tat so, daß diese Mönche größtenteils schweigen, allerdings verrichten sie dennoch sprechend und singend ihre Stundengebete. Nur, und darin unterscheiden sich diese Ordensmänner von Frau Käßmann, vermeiden sie es, belanglose und überflüssige Dinge zu äußern.
Nein, Frau Käßmann hat nicht vor, sich in die Große Kartause zurückzuziehen. Lieber läßt sie wissen, was sie ermutigt und wie sehr sie ihre muslimischen Nachbarn faszinieren. Und allzu gern berichtet sie von den Erfahrungen, die sie in den USA oder bei anderen Auslandsaufenthalten gesammelt hat. Und auf gar keinen Fall darf sie ihr praktisches Gutmenschentum unerwähnt lassen.
Sie trägt gern, schreibt sie, den Titel Weltverbesserer, den die ungerechte Umwelt ihrem naiven Friedensglauben angedeihen läßt. Und das kann uns alle sehr ermutigen. Da ist eine Frau, die ist für den Frieden und die Moslems und natürlich für Marius Müller-Westernhagen. Und die ist stolz auf jede Kritik, wenn sie meint, nichts wäre gut in Afghanistan. Und die uns alle Anteil haben läßt an der Behütung, die sie durch ihren Glauben erfährt.
Käßmanns Buch „Sehnsucht nach Leben" hat nichts zu bieten, was auch nicht schon in anderen Schriften ähnlicher Couleur geäußert wurden wäre. „Sorge dich nicht, lebe" von Dale Carnegie oder „Die Macht des positiven Denkens" von Joseph Murphy - um nur zwei Beispiele zu nennen. Neu könnte der evangelisch-theologische Kontext sein, wenn er denn in diesem Buch vorhanden wäre. Aber jeder Sozialpädagoge jedweder Konfession könnte diese Textsammlung verfaßt haben.
Besonders überflüssig sind die Texte, die Frau Käßmann zur Grundlage ihrer Argumentationen gemacht hat. Sie beruft sich auf Autoren wie Hilde Domin, Herta Müller oder Ernst Bloch. Diese Texte sind deshalb überflüssig, weil sie, so bedeutsam sie auch sein mögen, keine theologische Relevanz haben. Aber sie fügen sich gut ein in den Eindruck der Gefälligkeit, den dieses Buch zu vermitteln sucht. Gelegentlich führt Frau Käßmann auch den großen Reformator Martin Luther auf der Zunge, bzw. auf der Feder, doch leider hat sie vergessen, den Luther-Zitaten eine Quelle zuzuweisen.
Nun, was ist abschließend über das Buch zu sagen? Es enthält ein gutes Dutzend seichter Texte zu seichten Themen. Man muß kein habilitierter Theologe sein, um dergleichen zu schreiben. Jeder, der gern in Blasen redet, könnte ähnliches verfassen. Ein alternativer Titel für diese Publikation wäre „Sehnsucht nach Inhalt" - denn genau das ist es, was das Buch am meisten vermissen läßt.
Aber was macht diese Texte so leer? Nun, weil sie sich ergießen in Wellness-Beliebigkeit, genau vorbei an dem, was die Menschen wirklich bewegt in ihrem Inneren. Ein Buch, genau an der Seele des Menschen vorbei geschrieben. Irgendwie sei alles doch gar nicht mehr so schlimm, wenn man nur für den Frieden und die Moslems ist und sich in Toleranz gegenüber allen möglichen gesellschaftlichen Randgruppen übt. Christentum, das nicht mehr als bloße Religion ist. Religion, von der nichts weiter als blasse, gesichtslose Spiritualität übrigbleibt. Spiritualität, die sich zusammenfassen läßt mit dem Satz: Das Leben könnte ja so schön sein, wenn die Menschen nur ein weniger.... wie Margot Käßmann wären. Nur sehr seichte Gemüter und sehr gefühlsarme Menschen werden Trost finden in dieser Schrift.
Lobend seien allerdings die feinen, farbenfrohen Bilder des Malers Eberhard Münch erwähnt, die sehr schön und farbenfroh sind und zur Betrachtung einladen.
Erstveröffentlichung dieses Textes am 30. August 2011 auf www.freigeist-weimar.de
http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/kaessmann-texte-die-sich-ergiessen-in-wellness-beliebigkeit/
Margot Käßmann: Sehnsucht nach Leben – mit Bildern von Eberhardt Münch. 176 S. geb. m.Schutzumschl. Adeo Verlag. Asslar 2011. 17,99 €. ISBN 978-3-942208-26-0
Es hat eine lange Tradition, daß Priester und Pastoren Bücher schreiben. Bücher, die der Erbauung dienen sollen und der Vermittlung von religiösem Wissen. Eine Pastorin, die in dieser Hinsicht besonders eifrig ist, ist Margot Käßmann, Jahrgang 1958. Die promovierte und habilitierte Theologin, ehemalige Bischöfin von der evangelischen Landeskirche von Hannover und ehemalige Ratsvorsitzende der EKD kann, nach den Angaben der DNB, auf sage und schreibe 141 Publikationen zurückblicken.
In ihrer jüngsten Publikation schreibt Käßmann nun über die Sehnsucht. „Sich sehnen", so schreibt sie in der Einleitung, „ist etwas sehr Emotionales. Da geht es um ganz Eigenes, da schwingen Lebensfragen, Hoffnungen mit." (S. 7)
In zwölf Abschnitten, die man mit ganz viel gutem Willen als essayistische Versuche bezeichnen könnte, widmet sich Käßmann nun ganz allzumenschlichen Themen wie Heimat, Liebe, Gott, einem Engel und anderen Gemeinplätzen, die sie allesamt auf spielerisch-oberflächliche Weise zum Thema „Sehnsucht" in Beziehung setzt. So schwammig, wie die Begriffe sind, die Frau Käßmann hier zusammengetragen hat, so schwammig bleiben die einzelnen Texte. Auf 176 Seiten versammelt dieses Buch alle pseudospirituellen Wohlfühlklischees, die man sich nur denken kann. Und Frau Käßmann, die auch hin und wieder persönliche Banalitäten preisgibt, wird nicht müde, alles ermutigend und faszinierend und bedeutsam zu finden.
Auf Seite 33 fällt ein bedeutungsschwangerer Satz: „Mich bedrückt, wenn Menschen ein Leben lang schweigen sollen und es heißt, dies sei eine gottesfürchtige Haltung." Zum Kontext: Der Abschnitt ist mit „Sehnsucht nach Stille" betitelt, und jener Satz ist ein Kommentar zu gewissen katholischen Mönchsorden, deren Angehörige ein Schweigegelübde abgelegt haben. Nun ist es in der Tat so, daß diese Mönche größtenteils schweigen, allerdings verrichten sie dennoch sprechend und singend ihre Stundengebete. Nur, und darin unterscheiden sich diese Ordensmänner von Frau Käßmann, vermeiden sie es, belanglose und überflüssige Dinge zu äußern.
Nein, Frau Käßmann hat nicht vor, sich in die Große Kartause zurückzuziehen. Lieber läßt sie wissen, was sie ermutigt und wie sehr sie ihre muslimischen Nachbarn faszinieren. Und allzu gern berichtet sie von den Erfahrungen, die sie in den USA oder bei anderen Auslandsaufenthalten gesammelt hat. Und auf gar keinen Fall darf sie ihr praktisches Gutmenschentum unerwähnt lassen.
Sie trägt gern, schreibt sie, den Titel Weltverbesserer, den die ungerechte Umwelt ihrem naiven Friedensglauben angedeihen läßt. Und das kann uns alle sehr ermutigen. Da ist eine Frau, die ist für den Frieden und die Moslems und natürlich für Marius Müller-Westernhagen. Und die ist stolz auf jede Kritik, wenn sie meint, nichts wäre gut in Afghanistan. Und die uns alle Anteil haben läßt an der Behütung, die sie durch ihren Glauben erfährt.
Käßmanns Buch „Sehnsucht nach Leben" hat nichts zu bieten, was auch nicht schon in anderen Schriften ähnlicher Couleur geäußert wurden wäre. „Sorge dich nicht, lebe" von Dale Carnegie oder „Die Macht des positiven Denkens" von Joseph Murphy - um nur zwei Beispiele zu nennen. Neu könnte der evangelisch-theologische Kontext sein, wenn er denn in diesem Buch vorhanden wäre. Aber jeder Sozialpädagoge jedweder Konfession könnte diese Textsammlung verfaßt haben.
Besonders überflüssig sind die Texte, die Frau Käßmann zur Grundlage ihrer Argumentationen gemacht hat. Sie beruft sich auf Autoren wie Hilde Domin, Herta Müller oder Ernst Bloch. Diese Texte sind deshalb überflüssig, weil sie, so bedeutsam sie auch sein mögen, keine theologische Relevanz haben. Aber sie fügen sich gut ein in den Eindruck der Gefälligkeit, den dieses Buch zu vermitteln sucht. Gelegentlich führt Frau Käßmann auch den großen Reformator Martin Luther auf der Zunge, bzw. auf der Feder, doch leider hat sie vergessen, den Luther-Zitaten eine Quelle zuzuweisen.
Nun, was ist abschließend über das Buch zu sagen? Es enthält ein gutes Dutzend seichter Texte zu seichten Themen. Man muß kein habilitierter Theologe sein, um dergleichen zu schreiben. Jeder, der gern in Blasen redet, könnte ähnliches verfassen. Ein alternativer Titel für diese Publikation wäre „Sehnsucht nach Inhalt" - denn genau das ist es, was das Buch am meisten vermissen läßt.
Aber was macht diese Texte so leer? Nun, weil sie sich ergießen in Wellness-Beliebigkeit, genau vorbei an dem, was die Menschen wirklich bewegt in ihrem Inneren. Ein Buch, genau an der Seele des Menschen vorbei geschrieben. Irgendwie sei alles doch gar nicht mehr so schlimm, wenn man nur für den Frieden und die Moslems ist und sich in Toleranz gegenüber allen möglichen gesellschaftlichen Randgruppen übt. Christentum, das nicht mehr als bloße Religion ist. Religion, von der nichts weiter als blasse, gesichtslose Spiritualität übrigbleibt. Spiritualität, die sich zusammenfassen läßt mit dem Satz: Das Leben könnte ja so schön sein, wenn die Menschen nur ein weniger.... wie Margot Käßmann wären. Nur sehr seichte Gemüter und sehr gefühlsarme Menschen werden Trost finden in dieser Schrift.
Lobend seien allerdings die feinen, farbenfrohen Bilder des Malers Eberhard Münch erwähnt, die sehr schön und farbenfroh sind und zur Betrachtung einladen.
Erstveröffentlichung dieses Textes am 30. August 2011 auf www.freigeist-weimar.de
http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/kaessmann-texte-die-sich-ergiessen-in-wellness-beliebigkeit/
Labels:
EKD,
Evangelische Kirche,
Margot Käßmann,
Rezension
Mittwoch, 22. Juni 2011
DU BIST EIN SOMMERBILD
Deine Augen sind Seen,
umkränz
von dunklem Schilf.
Deine Lippen
sind der Hügel,
wo wilde Rosen wachsen.
Dein Haar
ein reifes Feld,
darin der Mohn
blüht und Früchte trägt.
Du bist ein Sommerbild.
Wär ich der Wind,
der über das Wasser streicht,
die Blätter vom roten Mohn
abreißt, davonträgt
und über dem Hügel,
den Hügel, den wilden Rosen
innehält
und sich niederläßt....
umkränz
von dunklem Schilf.
Deine Lippen
sind der Hügel,
wo wilde Rosen wachsen.
Dein Haar
ein reifes Feld,
darin der Mohn
blüht und Früchte trägt.
Du bist ein Sommerbild.
Wär ich der Wind,
der über das Wasser streicht,
die Blätter vom roten Mohn
abreißt, davonträgt
und über dem Hügel,
den Hügel, den wilden Rosen
innehält
und sich niederläßt....
Freitag, 22. April 2011
MEIN FREUND IMMANUEL
Wir saßen wieder zusammen bei Kaffee und Kuchen. Immanuel hatte eine Königsberger Marzipantorte gebacken. Er wußte, daß ich diese am liebsten mochte. Er war ein begnadeter Konditor, und er freute sich, wenn man seine Torten lobte.
Ich sagte scherzhaft: „Diese Torte ist die Torte an sich!“
Aber Immanuel runzelte nur die Stirn. Ich war sicher die 132. Person, die diesen Scherz machte. Mein Humor war nicht besonders originell. Das hatten wir miteinander gemein.
Ich wartete darauf, daß er wieder seinen Lieblingswitz erzählen würde, den von Karl dem Zweiten und Graf Rochester.
[Karl der Zweite trifft Graf Rochester, der an einem Tisch sitzt und schreibt. Er fragt ihn, was er da schreibe, und der Graf antwortet: „Ich verfasse soeben die Grabinschrift Eurer Majestät.“ Der König, neugierig wie er nun mal ist, will sofort wissen, was denn der Graf da so über ihn schreibt, und Rochester liest laut vor: „Hier liegt König Karl der Zweite, welcher in seinem Leben viel Kluges gesagt und nie etwas Kluges getan hat.“]
Aber heute unterließ Immanuel das. Er wirkte nachdenklich, sogar ein wenig betrübt. Er goß den Kaffee ein, und ich lobte dessen Geschmack.
Dann saßen wir einander am Tisch gegenüber und schwiegen. Die Torte war köstlich, aber Immanuel rührte sein Stück nicht an. Ich begann mir Sorgen zu machen und fragte ihn, was ihn denn bedrückte.
Er seufzte nur, hob seine schmalen Schultern und sah mich an.
Ich wußte nun, was ihn beschäftigte. Es waren wieder die alten Fragen: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich glauben? Was ist der Mensch?
Ich sagte: „Immanuel, du mußt dich entspannen. Du brauchst Abwechslung. Du mußt mal raus aus Königsberg.“
„Ja, vielleicht“, erwiderte er zaghaft. „Aber wo soll ich denn dann hin?“
Ich ächzte müde, und wußte, daß „Wo soll ich hin?“ die fünfte seiner Fragen sein würde. Ich befürchtete, er könne ein Lehrbuch der Geographie verfassen, um diese Frage zu beantworten, deshalb sagte ich rasch: „Eine Fahrt ans Meer. Was hältst du von Danzig?“
Er sah mich fragend an.
Ich versuchte es erneut. „Karlsbad.“ Karlsbad war eine schöne Stadt. Ich hatte dort schon einige sehr erholsame Kuren verbracht. Dort ging man hin, wenn man müde war und etwas auf sich hielt. Für Immanuel war es der falsche Ort, aber ich nannte ihn dennoch und hoffte, ihn so an Karl den Zweiten und Graf Rochester zu erinnern.
Doch Immanuel griff das zugeworfene Seil nicht auf und schüttelte nur den Kopf.
„Nietzsche liebte die Berge“, sagte ich.
„Wer ist Nietzsche?“, fragte Immanuel.
„Ein Freund. Du kennst ihn nicht“, antwortete ich. Mir war noch rechtzeitig eingefallen, daß Nietzsche erst in 60 Jahren geboren werden sollte.
Immanuel stand von seinem Tisch auf und ging hinüber zu seinem Sekretär. Er zog ein Manuskript unter einem Stapel von Papieren hervor und reichte es mir. „Das habe ich geschrieben“; sprach er.
Ich laß den Titel: „Was ist Aufklärung?“
„Wie findest du es?“, fragte er und blickte mich mit erwartungsvoll strahlenden Augen an.
Ich sagte: „Das ist gut. Brillant. Wie alle deine Schriften. Wo nimmst du nur diese Ideen her?“
„Eine Idee ist ein Vernunftbegriff“, sagte Immanuel und lächelte geheimnisvoll.
„Und was ist nun Aufklärung?“, wollte ich wissen.
„Na was schon?“, meinte Immanuel, und setzte, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, hinzu: „Der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“
Ja, was denn sonst? Ich war zufrieden, und sicher waren das auch Graf Rochester und Karl der Zweite, obwohl ich niemals erfahren habe, wie der König diese doch nicht gerade schmeichelhafte Grabinschrift aufgenommen hat.
Als ich ging, versprach ich Immanuel, mich unbedingt meines eigenen Verstandes zu bedienen, und er schenkte mir zum Abschied noch ein Glas Senf. "Den gebe ich immer dazu", sagte er und lachte. Sein Humor war nicht originell.
Ein schöner Nachmittag war es gewesen, einer dieser Nachmittage, an die man sich noch lange erinnert, nicht, weil etwas bedeutendes geschehen ist, sondern einfach nur deshalb, weil die Zeit wie ein langsamer, sanfter Strom an uns vorüber geglitten ist.
Ich sagte scherzhaft: „Diese Torte ist die Torte an sich!“
Aber Immanuel runzelte nur die Stirn. Ich war sicher die 132. Person, die diesen Scherz machte. Mein Humor war nicht besonders originell. Das hatten wir miteinander gemein.
Ich wartete darauf, daß er wieder seinen Lieblingswitz erzählen würde, den von Karl dem Zweiten und Graf Rochester.
[Karl der Zweite trifft Graf Rochester, der an einem Tisch sitzt und schreibt. Er fragt ihn, was er da schreibe, und der Graf antwortet: „Ich verfasse soeben die Grabinschrift Eurer Majestät.“ Der König, neugierig wie er nun mal ist, will sofort wissen, was denn der Graf da so über ihn schreibt, und Rochester liest laut vor: „Hier liegt König Karl der Zweite, welcher in seinem Leben viel Kluges gesagt und nie etwas Kluges getan hat.“]
Aber heute unterließ Immanuel das. Er wirkte nachdenklich, sogar ein wenig betrübt. Er goß den Kaffee ein, und ich lobte dessen Geschmack.
Dann saßen wir einander am Tisch gegenüber und schwiegen. Die Torte war köstlich, aber Immanuel rührte sein Stück nicht an. Ich begann mir Sorgen zu machen und fragte ihn, was ihn denn bedrückte.
Er seufzte nur, hob seine schmalen Schultern und sah mich an.
Ich wußte nun, was ihn beschäftigte. Es waren wieder die alten Fragen: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich glauben? Was ist der Mensch?
Ich sagte: „Immanuel, du mußt dich entspannen. Du brauchst Abwechslung. Du mußt mal raus aus Königsberg.“
„Ja, vielleicht“, erwiderte er zaghaft. „Aber wo soll ich denn dann hin?“
Ich ächzte müde, und wußte, daß „Wo soll ich hin?“ die fünfte seiner Fragen sein würde. Ich befürchtete, er könne ein Lehrbuch der Geographie verfassen, um diese Frage zu beantworten, deshalb sagte ich rasch: „Eine Fahrt ans Meer. Was hältst du von Danzig?“
Er sah mich fragend an.
Ich versuchte es erneut. „Karlsbad.“ Karlsbad war eine schöne Stadt. Ich hatte dort schon einige sehr erholsame Kuren verbracht. Dort ging man hin, wenn man müde war und etwas auf sich hielt. Für Immanuel war es der falsche Ort, aber ich nannte ihn dennoch und hoffte, ihn so an Karl den Zweiten und Graf Rochester zu erinnern.
Doch Immanuel griff das zugeworfene Seil nicht auf und schüttelte nur den Kopf.
„Nietzsche liebte die Berge“, sagte ich.
„Wer ist Nietzsche?“, fragte Immanuel.
„Ein Freund. Du kennst ihn nicht“, antwortete ich. Mir war noch rechtzeitig eingefallen, daß Nietzsche erst in 60 Jahren geboren werden sollte.
Immanuel stand von seinem Tisch auf und ging hinüber zu seinem Sekretär. Er zog ein Manuskript unter einem Stapel von Papieren hervor und reichte es mir. „Das habe ich geschrieben“; sprach er.
Ich laß den Titel: „Was ist Aufklärung?“
„Wie findest du es?“, fragte er und blickte mich mit erwartungsvoll strahlenden Augen an.
Ich sagte: „Das ist gut. Brillant. Wie alle deine Schriften. Wo nimmst du nur diese Ideen her?“
„Eine Idee ist ein Vernunftbegriff“, sagte Immanuel und lächelte geheimnisvoll.
„Und was ist nun Aufklärung?“, wollte ich wissen.
„Na was schon?“, meinte Immanuel, und setzte, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, hinzu: „Der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“
Ja, was denn sonst? Ich war zufrieden, und sicher waren das auch Graf Rochester und Karl der Zweite, obwohl ich niemals erfahren habe, wie der König diese doch nicht gerade schmeichelhafte Grabinschrift aufgenommen hat.
Als ich ging, versprach ich Immanuel, mich unbedingt meines eigenen Verstandes zu bedienen, und er schenkte mir zum Abschied noch ein Glas Senf. "Den gebe ich immer dazu", sagte er und lachte. Sein Humor war nicht originell.
Ein schöner Nachmittag war es gewesen, einer dieser Nachmittage, an die man sich noch lange erinnert, nicht, weil etwas bedeutendes geschehen ist, sondern einfach nur deshalb, weil die Zeit wie ein langsamer, sanfter Strom an uns vorüber geglitten ist.
Labels:
Immanuel Kant,
Kurzprosa,
Was ist Aufklärung?
Samstag, 12. März 2011
DER MALVEN WILL ICH GEDENKEN

Der Malven will ich gedenken,
die du bei dir trugst
wie ein Kind
und zu mir herüberwarfst,
als die Nacht ihre Wölfe durchs Land trieb.
Du hast keinen Namen ---
so,
wie die Sterne,
die ewigen Sterne.
So bist du,
so fällst du
und steigst
mit den Vögeln der Sehnsucht
über die sterbenden Wälder.
Asche hab ich,
sie dir
entgegen zu tragen.
Warum nur,
Geliebter,
wendest du deine Blicke?
die du bei dir trugst
wie ein Kind
und zu mir herüberwarfst,
als die Nacht ihre Wölfe durchs Land trieb.
Du hast keinen Namen ---
so,
wie die Sterne,
die ewigen Sterne.
So bist du,
so fällst du
und steigst
mit den Vögeln der Sehnsucht
über die sterbenden Wälder.
Asche hab ich,
sie dir
entgegen zu tragen.
Warum nur,
Geliebter,
wendest du deine Blicke?
Montag, 7. März 2011
RAVELS LETZTE JAHRE
Das Gefängnis,
das ihn hielt,
trug seinen Namen.
Daraus drang kein Laut
ins Freue,
kein Wort
und keine Melodie;
doch drinnen
wollte er überfließen und
litt,
weil die Dämme
nicht brachen.
Jeden Tag
erwartete er den Tod,
doch der kam nicht.
Er wollte nur wieder
frei sein
und fortschwimmen.
Und einer kam,
der öffnete ein Fenster
in seiner Stirn.
Da konnte sein Geist
endlich
davonfliegen.
Anmerkung:das ihn hielt,
trug seinen Namen.
Daraus drang kein Laut
ins Freue,
kein Wort
und keine Melodie;
doch drinnen
wollte er überfließen und
litt,
weil die Dämme
nicht brachen.
Jeden Tag
erwartete er den Tod,
doch der kam nicht.
Er wollte nur wieder
frei sein
und fortschwimmen.
Und einer kam,
der öffnete ein Fenster
in seiner Stirn.
Da konnte sein Geist
endlich
davonfliegen.
Als Folge einer Gehirnerkrankung fiel Maurice Ravel (1875 - 1937) im Alter in einen geistigen Zustand, den man mit Aphasie und Apraxie bezeichnet. Er war bei vollem Bewußtsein, war aber nicht mehr dazu in der Lage, mit seiner Umwelt in Kontakt zu treten, konnte weder sprechen noch schreiben noch komponieren.
Im Dezember 1937 kam der Komponist in die Klinik des Neurochirurgen Clovis Vincent, der bei ihm eine Gehirnoperation durchführte. Ravel fiel ins Koma und erwachte nicht mehr aus der Narkose.
Er starb wenige Tage später.
Hinweis:
Das ist ein ältere Text. Er wurde laut meiner Aufzeichnungen verfaßt am 19. August 2002
Labels:
Aphasie,
Apraxie,
Clovis Vincent,
Gehirnoperation,
Lyrik,
Maurice Ravel,
Neurochirurgie
Samstag, 5. März 2011
HINAUS AUS DER NACHT
Sandige Wege.
In der Mitte eine Spur aus Gras.
und immer
steht die Sonne im Süden.
Die Sommersonne,
die Hoffnungssonne,
und Träume vom endlosen,
schwindenden Glück.
Schwalben unterm Himmel.
Bachstelzen am Fluß.
Und immer ein Wind,
der leis
in den Kirschbäumen weht.
Eine Hand,
schwer von der Zeit,
die nach meiner greift
und mich führt ---
hinaus aus der Nacht.
In der Mitte eine Spur aus Gras.
und immer
steht die Sonne im Süden.
Die Sommersonne,
die Hoffnungssonne,
und Träume vom endlosen,
schwindenden Glück.
Schwalben unterm Himmel.
Bachstelzen am Fluß.
Und immer ein Wind,
der leis
in den Kirschbäumen weht.
Eine Hand,
schwer von der Zeit,
die nach meiner greift
und mich führt ---
hinaus aus der Nacht.
Abonnieren
Posts (Atom)