Montag, 19. Dezember 2011

GEGEN DEN PAPST - MIT DEM ÜBLICHEN PATHOS


Rezension: Rudolf Lill „Die Macht der Päpste“
erschienen bei Butzon&Becker GmbH, Kevelaer, im November 2011
ISBN: 978-3-7666-4147-2
EPUB ISBN 978-3-7666-4148-9
Preis: 19,95 Euro


Papst ist immer gefragt. Seit Benedikt XVI. auf dem Stuhle Petri sitzt, ist das ein Thema, dem gewißlich Aufmerksamkeit entgegengebracht werden wird. War kurz nach der wahl des deutschen Kardinals Josef Ratzinger zum Pontifex Maximus noch die Stimmung groß und voller Jubel, so ist die Freude der Deutschen an „ihrem“ Papst doch in den letzten Jahren merklich abgekühlt. Nach den Augenblicken patriotischer Freude wurde den Menschen mit einem Male wieder bewußt: Die katholische Kirche ist kein Platz der leichtfertigen Ausgelassenheit, sondern vielmehr eine alt-ehrwürdige Institution, mit Regeln, Dogmenund Traditionen, deren Sinn sich Außenstehenden oft nicht erschließt, und Benedikt XVI. ist kein Spaßpapst, sondern ein ernsthafter, tiefgründiger Theologe.
Nicht erst seit dem Papstbesuch im vergangenen September ist Kritik an der Katholischen Kirche en vouge. Freilich wird sie von sehr unterschiedlichen Quellen hervorgebracht, und die Spannbreite geht von „Alle katholischen Priester sind Kinderschänder“ über „Die katholische Kirche ist schuld an den Kreuzzügen“ bis hin zu ernsthaften Debatten über die Transsubstationslehre, die Interkommunion und die Bedeutung der wahren Nachfolge Christi.
Rudolf Lill ist eine der ernster zu nehmenden Quellen. Auf den ersten Blick. Bei genauerer Betrachtung allerdings versinkt er mit seinem Buch „Die Macht der Päpste“ im Mittelmaß der „Papstkritikerszene“.
Dabei ist der Ansatz dieses Buches durchaus vielversprechend. Lill will beweisen, daß die Macht der Päpste, die er „absolutistisch“ nennt, nicht auf der langen Kirchentradition fußt, die Vatikan und Kurie für sich in Anspruch nehmen, sondern „nur“ auf das 12./13. Jahrhundert zurückgeht und in ihrer zeitgenössischen Form mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts zementiert wurde.
Lill bedient sich des typischen Papstkritiker-Jargons. Und er schreibt mit sehr viel Sachverstand und Detailwissen. Leider ist es ein wenig zu viel Detailwissen, denn es ist unzusammenhängend aufbereitet. Immer wieder vollzieht der Autor Zeitsprünge. Eben noch ist er in der Zeit der Rennaissance angekommen, und einen Absatz weiter beginnt er mit dem 2. Vatikanum. Damit ist das Buch für einen interessierten Laien kaum zugänglich.
Die Geschichte des Papsttums wird so erzählt, als sei der Papst immer der Antiheld, der Schurke der Kirchengeschichte, und immer wieder wird eine Dichotomie, eine Gegnerschaft von Papst und Kirche angedeutet.
Auch vom wissenschaftlichen Standpunkt aus ist das Buch schwierig gestalte. Endlose, kaum zu rezopierende Fußnoten machen den Anhang aus. Die Quellenangaben sind unzureichend. Ein Personenregister sucht man ebenso vergeblich wie die Literaturliste.
Dabei ist das Buch sehr lautstark. Es hat viel Inhalt, aber leider nur wenig Gehalt. Und der Titel spiegelt nicht den Inhalt wieder. Es geht nicht um die Macht der Päpste, sondern letztlich nur um eine Geschichte der Päpste seit 1800. Zudem fehlt dem Buch die Sachlichkeit.
Einen Bonus allerdings, und das sind Exkurse, die zwischen die einzelnen Kapitel gesetzt sind und sich mit dem Konklave, Bischof Levebre und der Pius-Bruderschaft befassen. Gleiches gilt für die Kurzbiographien der Päpste von Pius dem VII. bis hin zu Benedikt dem XVI. .
Das Buch „Die Macht der Päpste“ ist nicht empfehlenswert. Anhand der Biographien dieser Männer wird nicht nur der Wandel des Konzepts „Papst“ per se deutlich, sondern auch der gesellschaftliche Wandel, der sich in dieser Zeit in Europa und auch in der katholischen Kirche vollzogen hat.
Nur der durchschnittliche Papst- und Kirchenkritiker wird sich in dieser parteiisch gefärbten, und damit bedauerlicherweise unzulänglichen Pseudo-Geschichtsschreibung verstanden fühlen und bestätigt finden. 


http://www.butzon-bercker.de/



LUTHER, QUO VADIS?


Felix Leibrock: „Lutherleben – ein Reformationsroman“

 erschienen 2011, Michael Imhof Verlag GmbH & Co. KG, Petersberg
ISBN:  978-3865686329
Preis: 9,95 Euro


Stellen Sie sich vor, Sie haben einen schweren Unfall. Ihr Gehirn ist in Mitleidenschaft gezogen worden und Sie fallen ins Koma. Als sie erwachen, haben Sie gänzlich Ihre Persönlichkeit vergessen. Die Menschen, die ihnen zuvor noch nahe standen, sind nun Fremde für Sie und Sie sind fest davon überzeugt, jemand völlig anderes zu sein – z.B. Martin Luther.
Dieses Schicksal widerfährt Wolfgang Trödler, dem Hausmeister eines Camping-Platzes in der sachsen-anhaltinischen Provinz. Und mit seiner neugewonnenen Identität schafft Wolle Luther, wie der von dem Unfall Genesene nun allgemein genannt wird, auch gleich Tatsachen. Er schnappt sich sein Akkordeon und schlägt sich als Straßenmusiker durchs Land. Mit der Bahn reißt er von einem Lutherort zum anderen, sorgt auch für Aufsehen in den Medien und gewinnt bald sogar Jünger. All dies tut er mit einem Ziel: Er will die Kirche aufs Neue reformieren. Vor allem sucht er nach dem Böhmischen Kelch, jenen Kelch, mit dem Jan Hus das Abendmahl in beiderlei Gestalt unter seinen Anhängern verteilte. In Augburg, Worms, Eisenach und Erfurt hofft er, die Erinnerung daran wiederzufinden, wo er einst diese heilige Reliquie versteckt haben könnte. Er will den Kelch nicht nur finden, er hofft, daß mit diesem Kelch im Jahre 2017 ein gemeinsames Abendmahl von Katholiken und Evangelischen gefeiert werden könne, um die Spaltung dieser beiden christlichen Kirchen zu überwinden.
Und während Wolle durch die Lande tingelt, macht sich Sabine Harder, die Wolle als Klinikseelsorgerin während dessen Reha-Kur kennengelernt hat, ihrerseits auf eine Suche. Sie will die Vergangenheit von Wolfgang Trödler aufdecken.
Beide werden fündig. Wolle findet den Böhmischen Kelch vergraben im Garten des Augustinerklosters zu Erfurt.
Pastorin Harder findet einen ehemaligen Studienfreund von Wolfgang Trödler und erfährt, daß dieser sich schon als junger Mann mit der Geschichte der Reformation befasst und sogar versucht hat, selbst evangelischer Pfarrer zu werden.
Nun, das ist das Buch. Sein Inhalt ist schnell erzählt, und um es zu lesen, braucht auch ein schlichtes Gemüt nur zwei Nachmittage.
Stilistisch ist dem Buch nicht allzu viel abzugewinnen. Wer gut geschriebene Literatur sucht, wird von „Lutherleben“ gewißlich enttäuscht sein.
Schon die Hauptfigur, Wolle Luther, bleibt ein Unsympath. Ein Egomane, der auf sein Charisma einsetzt, Menschen bewußt belügt und manipuliert, um seine Ziele durchzusetzen, und der seine „Jünger“ wie dumme Kinder und Untergebene behandelt. So ist er persönlich beleidigt, als eine Taube das Lutherdenkmal in Worms besudelt. An einer anderen Stelle redet er einem Architekten ein, er sänge für die Verständigung der Katholiken und Evangelischen in Kalifornien, während er in Wahrheit nur deshalb auf diesem Platz Musik macht, um genug Geld zu verdienen, mit dem er seine Hotelrechnung begleichen kann. Gleichzeitig geht es Wolle immer noch um die Sache der Kirchen. Und irgendwie scheint ihm gar nichts recht zu sein. Auch wenn er selbst immer wieder „Eine feste Burg ist unser Gott“ auf dem Akkordeon zum besten gibt, kreidet er es anderen Pastoren an, wenn sie die „alten Lieder“ die so „schwierig und fremd“ (S. 39) waren, singen ließen und freut sich, wenn in einem anderen Gottesdienst neues geistliches Liedgut zum Einsatz kommt. Und er beklagt, daß die Kirche der Gegenwart zu sehr auf die Vernunft und zu wenig auf das Gemüt des Menschen ausgerichtet sei.
Gott sei ein Backofen voller Liebe, so läßt der Autor seinen Helden Wolle räsonieren, während er in der Lutherkirche zu Apolda sitzt und vor sich hinträumt. Diesem Ort wird ein unangemessen großer Platz in dem schmalen Band eingeräumt, was sicher der Tatsache zu schulden ist, daß der Verfasser Pfarrer in Apolda ist. So ist denn auch bei der großen Schlussszene, als Wolle endlich den Böhmischen Kelch gefunden hat, neben der Klinikseelsorgerin Frau Harder und ihrem katholischen Kollegen auch noch ein namenloser Mann aus Apolda zugegen.
Eine der Botschaften des Buches: Wenn bis 2017 nicht die Interkommunion eingeführt und die Trennung von katholischer und evangelischer Kirche aufgehoben ist, dann wird beides niemals geschehen. Und diese vereinte Kirche muß eine Kirche für das Gemüt sein, eine Kirche der Emotionen, eine zeitgemäße Kirche mit flapsigen Predigten und neuen Liedern. Eine Kirche ganz nach der Vorstellung von Wolle Luther.
Das Buch erhebt den Anspruch, ein Reformationsroman zu sein. Auf leichte und „humorvolle“ Art soll Lesern, auch jungen Lesern, die Geschichte der Reformation nahe gebracht werden.
Das mag man sehen, wie man will. Nach Einschätzung der Rezensentin hat der Wikipedia-Artikel zu diesem Thema weitaus mehr zu bieten als Leibrocks Reformationsroman. Und gerade für die Jugend gibt es qualitativ weitaus bessere Bücher. Beispielsweise das Jugendbuch „Bruder Martinus“ von Hans Bentzien.
Ein weiteres Negativum des Buches ist sein Zeitbezug. Durch viele Hinweise auf Ereignisse der Zeitgeschichte kann der Leser des Jahres 2011 das Buch gut zeitlich verorten. Diese Hinweise betreffen unter anderem den „Skandal“ um Bischof Mixa und den Sieg von Lena Meyer-Landruth im Eurovision Song Contest. Allerdings erreicht das Buch damit den Eindruck, sich beim Leser anbiedern zu wollen. Zum anderen wird es zu einem Wegwerfprodukt. Man spürt beim Lesen: Spätestens im Jahre 2018 wird dieses Buch nicht mehr das Papier wert sein, auf das es gedruckt ist.
Auch in dem etwas bemühten und eher schlichten Humor schreit das Buch geradezu danach, dem Leser nicht zu gefallen, aber gefällig zu sein.
Und die Art und Weise, wie der Autor versucht, den Dialekt einiger Menschen humorvoll zu kolportieren, wirkt leicht überheblich.
Das Buch „Lutherleben“ nimmt für sich in Anspruch, ein Reformationsroman zu sein. Ein Anspruch, dem es nur schwerlich gerecht wird. Sicher ist die Frage interessant, wie der Reformator und Theologe in der heutigen Zeit die Fragen von Kirche, Kirchenspaltung, Interkommunion und Gesellschaft beantworten und betrachten würde. Nur denke ich, daß die Umsetzung durch Herrn Pfarrer Leibrock vieles offen läßt und ein gefärbtes, einseitiges Bild des Doktor Martin Luther zeichnet. Sicher geht ein Autor immer über Eis, wenn er sich der Herausforderung einer Persönlichkeit von historischer Bedeutung stellt, wie man an dem vorliegenden Roman sehen kann.
Die Epoche der Reformation war eine der großen Zeiten, und die Bedeutung Luther für die Geschichte Europas darf nicht unterschätzt werden. Ohne die Reformation wäre auch die katholische Kirche nicht das, was sie ist. Das Tridentinum, das 2. Vatikanische Konzil hätte es nie gegeben. Die Aufklärung, ja, die Säkularisierung von Lehre und Wissenschaft wäre nicht dem Maße, wie unsere Gesellschaft es in den letzten 400 Jahren erlebt hat, zustande gekommen.
Leider erfahren wir in Leibrocks Roman nichts von alledem.
Das Buch wurde nur aus einem Grund geschrieben: Als Werbebroschüre für das Lutherjahr 2017. Es ist ein Buch, das nur seichte Gemüter unterhält, stilistisch einfallslos und geschrieben ohne Mühe. Ein Buch, das man getrost im Regal stehen lassen kann.
Nur am Rande soll erwähnt sein, daß Herr Leibrock in der Bezugnahme auf Wolle Luthers neuropathologischen Status den Begriff „multiple Persönlichkeitsstörung“ verwendet, einen Begriff, den Psychiatrie und klinische Psychologie schon lange auf den Müllhaufen ihrer Geschichte geworfen haben. Der korrekte Terminus lautet „Dissoziative Identitätsstörung“. 



Der Artikel erschien zum ersten Mal auf der Seite www.freigeist-weimar.de

Freitag, 2. Dezember 2011

Lesung: EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE von Charles Dickens



Jeder kennt die Geschichte von Ebenezer Scrooge, dem alten Geizhals, der in der Nacht von drei Geistern besucht wird, die ihn mit sich selbst konfrontieren.
Dickens schrieb diese Geschichte im Jahre 1843, im Alter von 31 Jahren. Und er schuf damit mehr, als eine Geschich...te. Unzählige Adaptionen und Varianten gibt es in der Zwischenzeit. Daran erkennt man große Literatur. Daran erkennt man die großen, die wirklichen Geschichten.
Doch die Geschichte über Ebenezer Scrooge hat es gar nicht nötig, neu erzählt zu werden. Das Original ist immer noch besser als all die mittelmäßigen Kopien.

"Eine Weihnachtsgeschichte" ist nicht nur eine Geschichte, die einfach in die Weihachtszeit paßt. Es ist eine Geschichte, die in unsere Zeit, in der das System des grenzenlosen Kapitalismus zusammenzubrechen droht, paßt.
Und es ist zugleich eine Einstimmung auf das Jahr 2012, in dem wir den 100. Geburtstag des großen europäischen Schriftstellers Charles Dickens zelebrieren.

Es liest Ilka Lohmann

Freitag, 21. Oktober 2011

ABENTEUER IN DER TUDORZEIT - Rezension "Der Dunkle Thron" von Rebecca Gablè


Rezension: Rebecca Gablés neuer Roman „Der Dunkle Thron“

Rebecca Gablé „Der Dunkle Thron“, Bastei Lübbe (Oktober 2011) (960 Seiten)

ISBN 978-3431038408, Preis: 24,99 Euro


Rebecca Gablés neuer Roman nimmt den Leser mit auf eine Abenteuerreise durch die Zeit von Heinrich dem VIII.

Gleich zu Anfang begegnet man dem jungen Nicholas, dem ältesten Sohn des Earl of Waringham. Nicholas und seine Schwester Laura leiden in der elterlichen Burg unter einer übelwollenden Stiefmutter und deren Tochter aus ihrer erster Ehe. Doch das ist noch nicht alles. Der Earl vernachlässigt das Gut und die berühmte Pferdezucht, um in seiner Bibliothek ketzerische Schriften zu sammeln, zu lesen und selbst zu verfassen. Deshalb kehrt Nicholas zurück aus der Schule von Thomas More, um seinen Vater wieder zurück auf den rechtgläubigen Weg zu bringen, und der Earl beugt sich.

Doch umsonst. Verleumdung bringt den Earl in den Tower, und Nicholas, der ihm hinterher reist, muß mit eigenen Augen sehen, wie sein Vater an den Folgen der Folter stirbt.

Das weckt in dem jungen Mann einen tiefen Haß auf den König und seine Handlanger, der ihn in den Jahren seines Lebens immer wieder in Schwierigkeiten bringen wird.

Nicholas versucht zunächst, sich aus der Politik herauszuhalten. Während es im häuslichen Bereich zu einem unüberwindlichen Bruch zwischen ihm und seiner Stiefmutter, die er liebevoll Sumpfhexe nennt, konnt, versucht er, die Pferdezucht neu zu beleben. Und während er sich anlässlich eines Pferdemarktes in London aufhält, erreicht ihn ein Ruf der Königin Catalina. Sie ist noch die Ehefrau von König Henry. Aber der hat in Anne Boleyn eine neue Liebe gefunden und eine potentielle Gebärerin von Söhnen. Deshalb versucht er, die Ehe zwischen sich und Catalina annullieren zu lassen. Deshalb befürchtet die Königin schlimme Folgen für ihre Tochter Mary, und sie bittet Nicholas, dieser ein Freund, ein Vertrauter und ein Beschützer zu sein. Nicholas kann nicht anders, als einzuwilligen.

Nicholas, nun engster Vertrauter von Mary Tudor, erlebt all die großen Ereignisse mit, die England in der Zeit von Heinrich dem VIII. erschütterten: die sechs Ehen des Königs, zahlreiche Hinrichtungen von mehr oder weniger namhaften Zeitgenossen, die Gründung und Verbreitung der anglikanischen Kirchenreform.

Nicholas und seine Freunde und Verwandten geraten dabei immer wieder fast unter die Räder, und viele schwere Unglücksfälle und Notzeiten sind zu überstehen, bis endlich Königin Mary I. den Thorn von England besteigen kann.

Der Roman ist eine sehr spannende, unterhaltsame und bunte Lektüre. Gablé schreibt mit sicherer Hand und mit Leichtigkeit, die an Dumas denken läßt. Und sie schreibt mit großer Sachkenntnis, ohne sich mit dieser aufzudrängen.

Es gelingt der Autorin sehr gut, die einzelnen Charaktere von einander abzugrenzen und als Individuen darzustellen, als lebendige Menschen mit guten und schlechten Charakterzügen, und selbst die unliebsamen unter ihnen dürfen einmal in einem wohlwollenden Licht erscheinen.

Das Gute dieses Buches überwiegt. Die Sprache ist weich und ausgeglichen und der Tudorzeit überaus angemessen. Es überrascht, daß – entgegen sonstiger historischer Rezeption dieser Zeit der englischen und europäischen Geschichte – die Sympathien der Autorin nicht auf den Seiten der Reformatoren, die sie Reformer nennt, liegen, sondern auf der Seite derjenigen, die am Papsttum und am Katholizismus festhalten. So bleibt auch die Hauptperson Nicholas, trotz der reformatorischen Umtriebe selbst in seinem engsten Familien- und Freundeskreis, katholisch, auch wenn er immer wieder in der englischsprachigen Bibel von William Tyndale liest, sogar während seiner Festungshaft im Tower.

Doch der Roman hat auch seine Schwachstellen.

Als erste wäre die Leerstellentechnik zu nennen, die von der Autorin immer wieder eingesetzt wird. In einer Szene beschwört sie ein Ereignis herauf, in der darauffolgenden Szene ist das Ereignis schon vergangen, und seine Folgen werden ausgewertet. Mitunter sind solche Leerstellen mehrere Jahre lang.

Dann tauchen immer wieder Figuren wie aus dem Nichts in Dialogen auf. Meist wird ihr Erscheinen dann in einem fadenscheinigen Nebensatz spärlich erklärt, doch es vermittelt den Eindruck, als wäre der Autorin in dem Augenblick, als sie das schrieb, gar nicht bewußt gewesen, daß die Person eigentlich gar nicht da war.

Zudem hat die Autorin einen gewissen Hang zu Relativsätzen, die sie mit dem umschönen „welche“ einleitet, nur um die Dopplung von gleichlautendem Relativpronomen und Artikel zu vermeiden.

Die größte Schwäche des Romans ist allerdings die Handlung, was daran liegt, daß er eigentlich keine hat. Letztlich ist es nur eine Abfolge von Geschehnissen, die bis zum ende des zweiten Teils noch immer eine gewisse Spannung hat und zumindest einen Handlungsablauf andeutet, doch dann scheint die Autorin irgendwie die Konzentration verloren zu haben. Die Ereignisse wirken plötzlich auf eine seltsame Art weit hergeholt.

Und die Unfähigkeit der Autorin, ihre Figuren Konflikte wirklich durchleben zu lassen, hat schon fast etwas sehr ärgerniserregendes. So geschieht es sehr oft, daß eine Person ganz tief in ein Schlamassel hineingerät, aber durch einen Umstand, den bis dahin nur keiner gewußt hat, entgeht die Person der Katastrophe. Der Deus ex Machina macht da wieder einmal Überstunden.

An dieser Stelle noch ein kurzes Wort zu der Hauptperson des Romans: Nicholas of Waringham. Er ist ein schwieriger Charakter, in sich zerrissen. Auf der einen Seite bringt er der Prinzessin Mary eine Loyalität entgegen, die ihn bis an den Rand der Selbstzerstörung bringt, auf der anderen Seite ist er nicht dazu in der Lage, diese gleiche Verbundenheit seiner Ehefrau und der Mutter seiner Kinder entgegen zu bringen. Wenn ihm Angehörige des „neuen“ Adels unterstellen, er wäre ihnen gegenüber arrogant, aufgrund seiner alten Familie, so leugnet er es, doch fällt es ihm nicht schwer, diese Arroganz gegenüber seiner Ehefrau, die aus einfachen Verhältnissen stammt und die gezwungenermaßen ehelichen mußte, nach Belieben auszuleben. Eine Zeitlang bringt er den Pferden mehr Verständnis entgegen als seinem eigenen Sohn. Das macht es schwer, ihm nahe zu kommen und ihn zu mögen. Dennoch ist er ein Charakter, der fasziniert. Wenngleich keiner von den Großen.

Es fällt zwar schwer, ihn zu mögen, doch gerade wegen dieser Zerrissenheit und der Schattenseiten seiner Persönlichkeit fällt es leicht, sich in ihn hineinzuversetzen.

Trotzdem kann man mit dem Buch sehr angenehme Lesestunden verbringen. Denn einiges unterscheidet ihn wohlwollenden von den meisten (pseudo-)historischen Romanen, mit denen der Buchmarkt zur Zeit ertränkt wird.

Erstens beruht das Buch auf historisch recherchierten und korrekten Fakten. Bis ins kleinste hinein.

Dann ist es keiner dieser tumben „Frauenromane“, in denen meist irgend eine Frau versucht, etwas Ungewöhnliches zu tun, um aus ihrer Gesellschaftlichen Rolle auszubrechen.

Drittens ist die Sprache des Buches, bis auf oben genannte Schwäche, gut gewählt und angemessen. Was leider selbst im historischen Bereich keine Selbstverständlichkeit ist.

Viertens ist das Buch spannend und unterhaltsam und berührend erzählt.

Das Buch ist also lesenswert. Und es ist gerade zur rechten Zeit auf den Markt gekommen, um als unterhaltsame Lektüre für die länger werdenden Herbstabende zu dienen. Und es ist auch die Ausstattung mit seidenem Lesebändchen, die beim Lesen viel Freude bereitet.


http://www.luebbe.de/

http://www.amazon.de/dunkle-Thron-Historischer-Roman/dp/3431038409/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1313762716&sr=8-1

http://www.bloggdeinbuch.de/



Samstag, 8. Oktober 2011

SICH DURCHKÄMPFEN: Rezension von "BOX! Du hast nur diese eine Chance" von UweSchuster und Philipp Kohlhöfer

Uwe Schuster/Philipp Kohlhöfer „BOX! Du hast nur diese eine Chance“, Wilhelm Heyne Verlag München, 2011

ISBN: 978-3-453-60187-1

Preis: 13,00 Euro


Oft kommt es im Leben anders, als man denkt, und manchmal kann keiner voraussehen, wohin einen der Weg führen wird.

Eine Binsenweisheit scheinbar, aber eine, die sich immer wieder bewahrheitet. So auch in der Biographie von Uwe Schuster, der in dem Buch „BOX! Du hast nur diese eine Chance“ (erschienen im Heyne Verlag) aus seinem Leben erzählt.

Der Anfang war eine vielversprechende Boxer-Karriere in der DDR, doch dieser Traum zerplatzte, weil Schuster die extremen Trainingsbedingungen, die seinen körperlichen und physiologischen Konditionen nicht zuträglich waren, nicht ertragen konnte. Er schaffte hier den Ausstieg, ehe sein Körper größeren Schaden genommen hatte.

Dann die Rückkehr in die Vaterstadt Halberstadt, die Lehre als Maschinenbauer und ausgiebiges Kommunardenleben, schließlich die Verpflichtung bei der NVA, die mit einer unehrenhaften Entlassung endete – der Liebe wegen.

Schuster berichtet nun von einem nicht ganz gewöhnlichen Leben in der Mangelwirtschaft des real existierenden Sozialismus. Immer wieder Schwierigkeiten mit der Wohnung, Schimmelbefall und Atemwegserkrankungen. Eheschließung, Ehescheidung. Doch nebenher auch viel Kreativität.

Schließlich, Ende der 1990er Jahre, sind zwar die Wirren der Wende gerade so überstanden, aber die familiären Probleme beginnen gerade erst. Um einen Ausweg zu finden, schließt Schuster an seine eigene Jugend an – das Boxen. Zuerst trainiert er nur den eigenen Sohn, später eröffnet er in Halle ein Profi-Boxcamp.

Die Lektüre dieser Lebensgeschichte ist sehr spannend. Das Buch erzählt einfach und schnörkellos. Im Plauderton kommt es daher und nimmt den Leser mit, der unter anderem Einblicke bekommt in die Sportlerausbildung in der DDR und hinter die Kulissen des Profiboxens schauen darf. Ein Blick allerdings, der viele Illusionen zerstören kann.

Denn Schuster, dem der Journalist Philipp Kohlhöfer bei diesem literarischen Unterfangen zur Seite stand, berichtet offen und ungeschönt und nimmt kein Blatt vor den Mund. Auch nicht, wenn es um eigene persönliche Angelegenheiten geht.

Ehrlich erzählt er, wie seine erste Ehe scheiterte und wie sein Sohn auf die sprichwörtliche schiefe Bahn von Drogenkonsum und Jugendkriminalität geriet.

Unter anderem erzählt Schuster, wie er und seine erste Frau in DDR-Jahren ihr spärliches Einkommen aufbesserten, in dem sie in Eigenproduktion Kunsthandwerk herstellten und damit auf Märkten vertreten waren.

Dieser Erfindungsreichtum ließ Schuster nicht im Stich. Immer wieder gelang es ihm in seinem Leben, sich auf neue Situationen einzustellen und das Beste daraus zu machen.

Und er selbst sagt an einer Stelle, daß es nicht schlimm sei hinzufallen, selbst wenn es wieder und wieder geschehe... Wichtig sei nur, immer wieder aufzustehen.

Das sind keine Lehren Worte, sondern Lebenserfahrungen.

Schusters und Kohlhöfers Buch ist nicht zuletzt auch ein Stück Zeitgeschichte. Wenngleich der große Sprung nach dem Ende der Wendezeit ein wenig irritiert, weil die Geschichte scheinbar nahtlos im Jahr 1999 ankommt.

„BOX! Du hast nur diese eine Chance“ ist keine große Literatur, erhebt aber auch nicht den Anspruch, dergleichen zu sein.

Es ist die nicht ganz so einfache Lebensgeschichte eines nur auf den ersten Blick einfachen Mannes.

Eine lohnenswerte Lektüre.

Donnerstag, 22. September 2011

DIE SCHULD DER VÄTER - Carlos Ruiz Zafons Roman "Der FÜRST DES NEBELS"

Rezension: Carlos Ruiz Zafon (2010) DER FÜRST DES NEBELS [deutsch von Lisa Grüneisen], S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main


„Das ist nicht tot, was ewig liegt....“ dichtete Howard Philipps Lovecraft für das geheimnisvolle Necronomicon, und auch in Carlos Ruiz Zafons Roman „Der Fürst des Nebels“ muß der dreizehnjährige Max dies bitter am eigenen Leibe erfahren.

Vom Vater wird er, wie der Rest der Familie, eines Tages mit dem plötzlichen Umzug von der Stadt in ein Haus am Meer überrascht, um dem Krieg zu entfliehen, wie der Vater sagt, der aber eigentlich nur einen neuen Anfang in einer neuen Umgebung sucht.

Doch auch in dem kleinen Fischerdorf, in das es die Familie nun verschlagen hat, ist der Krieg nicht fern. Max trifft ihn, im übertragenen Sinne, in Gestalt Ronalds, des neunzehnjährigen Adoptivsohnes des Leuchtturmwärters, der davon erzählt, daß dies sein letzter Sommer in dem kleinen Dorf sein könnte, weil er im Herbst an die Front einberufen werden wird.

Doch um Ronald ranken sich mehr Geheimnisse, als es auf den ersten Blick scheint. Und es wird bald deutlich, daß alle in großer Gefahr schweben. Der Leuchtturmwächter hütet des Geheimnis, doch als er es endlich Max offenbart, ist es schon zu spät und die Tragödie ist nicht mehr aufzuhalten.



„Der Fürst des Nebels“ von Carlos Ruiz Zafon wird zu Recht und zu Unrecht als Jugendbuch bezeichnet.

Zu Unrecht, weil dem Buch weder der unsägliche pädagogische Impetus, der viele Jugendbücher zu Brechreizlektüre macht, noch der gewisse Hauch von Drögheit und Schlichtheit, wie er beispielsweise von den Büchern Pauswangs oder Funkes ausgeht, anhaftet. Das Buch ist gut geschrieben, spannend erzählt. Die Sprache ist fein formuliert, und nicht im geringsten nimmt sie Anklang an der sogenannten Jugendsprache, mit der schon der Übersetzer Wolfgang Krege – Friede seiner Asche – den „Herrn der Ringe“ zu einem Bastei-Lübbe-Schlager abqualifizierte und der die deutschen Übersetzungen der „Harry-Potter“-Bücher zu einer Herausforderung für jeden macht, welcher der deutschen Sprache mächtig ist. Es ist eine ernste Sprache, dem Sujet des Schauerromans angemessen. Poetisch. Klangvoll. Banale Nebensätze und schludrige Formulierungen sucht man vergebens. Da hat die Übersetzerin Lisa Grüneisen, die durch ihr gutes Stilistikgefühl schon „Der Schatten des Windes“ zu einem Klassiker hat werden lassen, ganze Arbeit geleistet.

Damit wären wir auch schon an der Stelle, an der erklärt werden soll, warum der Roman kein Jugendbuch ist. „Jugendbuch“ klingt nach geringem literarischen Wert. Leider ist das so. Man mag beispielsweise von Stephenie Meyer halten, was man will, aber der literarische Wert ihrer Bücher ist liegt bei Null. Die Ausgaben unterscheiden sich nur durch den Festeinband von den üblichen Groschenromanen vom Kiosk nebenan.



Sollte ich den „Fürst des Nebels“ mit einem anderen Roman vergleichen, so käme mir als erstes Aitmatows „Der weiße Dampfer“ in den Sinn. Im Mittelpunkt beider Romane steht ein Junge, der sich dem Erwachsenwerden stellt. Während das namenlose Kind in den Kirgisischen Wäldern daran zugrunde geht, daß die Märchen seiner Kindheit, die seine Seele sind, an der Wirklichkeit zerbrechen, überlebt Max die Tragödie. Doch nach der Lektüre des Buches fragt man sich zwangsläufig: Was für ein Leben hat man vor sich, wenn man solche Ereignisse, solche Schrecken, solche unaussprechlichen Unmöglichkeiten erfährt und überlebt?

Und es ist gut, daß Zafon uns die Antwort schuldig bleibt.



Der Roman ist Zafons Erstling. Durch die historische Verortung in den Sommer 1943 und durch die Unschärfe, mit der die räumliche Dimension beschrieben wird, hat das Buch etwas Zeitloses. Es wird auch in hundert Jahren nichts von seiner Frische verloren haben.

Es ist ein Buch, wie es Großeltern ihren Enkeln zum Lesen geben können, als wäre es ein Buch ihrer Jugend.

Die Bilder erinnern an altersschwache, verblichene Fotographien, die von einem zarten Sepia überzogen sind. Man meint, den Wind zu spielen. Und wie von Fern hört man eine Melodie, die einem alten Wiegenlied gleicht.

Immer wieder taucht aus dieser Idylle der kühle Hauch des Schreckens auf. Ein Schrecken, den man gern in das Reich der Phantasie, der kindlichen Einbildung verbannen möchte. Aber er ist wirklich, er wird greifbar, und er verschont keinen.



Zafon hat nur scheinbar einen Roman über das Erwachsenwerden geschrieben. Es ist Roman über die Schuld. Alle machen sich schuldig: der Vater, der – um sich den Traum vom Leben am Meer – seine Familie mit einer Lüge aus ihrer gewohnten Umgebung reißt; der Leuchtturmwächter, weil er viel zu lange schweigt; Dr. Fleischmann, der Vorbesitzer des Hauses, weil er sich eingelassen hat auf einen Pakt mit dem Dämon, um das zu bekommen, was nicht für ihn bestimmt war, und der damit Unglück über andere Menschen brachte.

Cain, der Nebelfürst, tut nichts anders als das, was man von ihm erwartet. Er ist das schlechthin Böse, das selbst jene verführen kann, die sich von ihm abwenden.

Und die Kinder.... Sie leiden. Sie tragen die Last für die Schuld der Alten.



Das einzig Negative, was man über dieses Buch sagen kann ist dies: Es ist entschieden zu kurz.



Wer sollte also dieses Buch lesen?

Kurze Antwort: Jeder.

Lange Antwort: Jeder, der innerliche Geschichten liebt, der bereit ist, die Macht des Übernatürlichen anzuerkennen, der sich verführen läßt, der berührbar ist und bereit dazu, sich wie ein Kind zu fürchten vor dem Dunkel hinter der verschlossenen Kleiderschranktür.



Carlos Ruiz Zafon, geboren am 25. September 1964, ist geboren und aufgewachsen in Barcelona. „Der Fürst des Nebels“ ist sein erster Roman, der 1993 in spanischer Sprache erschien.

Dienstag, 30. August 2011

KÄSSMANN-TEXTE, DIE SICH ERGIESSEN IN WELLNESS-BELIEBIGKEIT

REZENSION
Margot Käßmann: Sehnsucht nach Leben – mit Bildern von Eberhardt Münch. 176 S. geb. m.Schutzumschl. Adeo Verlag. Asslar 2011. 17,99 €. ISBN 978-3-942208-26-0


Es hat eine lange Tradition, daß Priester und Pastoren Bücher schreiben. Bücher, die der Erbauung dienen sollen und der Vermittlung von religiösem Wissen. Eine Pastorin, die in dieser Hinsicht besonders eifrig ist, ist Margot Käßmann, Jahrgang 1958. Die promovierte und habilitierte Theologin, ehemalige Bischöfin von der evangelischen Landeskirche von Hannover und ehemalige Ratsvorsitzende der EKD kann, nach den Angaben der DNB, auf sage und schreibe 141 Publikationen zurückblicken.

In ihrer jüngsten Publikation schreibt Käßmann nun über die Sehnsucht. „Sich sehnen", so schreibt sie in der Einleitung, „ist etwas sehr Emotionales. Da geht es um ganz Eigenes, da schwingen Lebensfragen, Hoffnungen mit." (S. 7)

In zwölf Abschnitten, die man mit ganz viel gutem Willen als essayistische Versuche bezeichnen könnte, widmet sich Käßmann nun ganz allzumenschlichen Themen wie Heimat, Liebe, Gott, einem Engel und anderen Gemeinplätzen, die sie allesamt auf spielerisch-oberflächliche Weise zum Thema „Sehnsucht" in Beziehung setzt. So schwammig, wie die Begriffe sind, die Frau Käßmann hier zusammengetragen hat, so schwammig bleiben die einzelnen Texte. Auf 176 Seiten versammelt dieses Buch alle pseudospirituellen Wohlfühlklischees, die man sich nur denken kann. Und Frau Käßmann, die auch hin und wieder persönliche Banalitäten preisgibt, wird nicht müde, alles ermutigend und faszinierend und bedeutsam zu finden.

Auf Seite 33 fällt ein bedeutungsschwangerer Satz: „Mich bedrückt, wenn Menschen ein Leben lang schweigen sollen und es heißt, dies sei eine gottesfürchtige Haltung." Zum Kontext: Der Abschnitt ist mit „Sehnsucht nach Stille" betitelt, und jener Satz ist ein Kommentar zu gewissen katholischen Mönchsorden, deren Angehörige ein Schweigegelübde abgelegt haben. Nun ist es in der Tat so, daß diese Mönche größtenteils schweigen, allerdings verrichten sie dennoch sprechend und singend ihre Stundengebete. Nur, und darin unterscheiden sich diese Ordensmänner von Frau Käßmann, vermeiden sie es, belanglose und überflüssige Dinge zu äußern.

Nein, Frau Käßmann hat nicht vor, sich in die Große Kartause zurückzuziehen. Lieber läßt sie wissen, was sie ermutigt und wie sehr sie ihre muslimischen Nachbarn faszinieren. Und allzu gern berichtet sie von den Erfahrungen, die sie in den USA oder bei anderen Auslandsaufenthalten gesammelt hat. Und auf gar keinen Fall darf sie ihr praktisches Gutmenschentum unerwähnt lassen.

Sie trägt gern, schreibt sie, den Titel Weltverbesserer, den die ungerechte Umwelt ihrem naiven Friedensglauben angedeihen läßt. Und das kann uns alle sehr ermutigen. Da ist eine Frau, die ist für den Frieden und die Moslems und natürlich für Marius Müller-Westernhagen. Und die ist stolz auf jede Kritik, wenn sie meint, nichts wäre gut in Afghanistan. Und die uns alle Anteil haben läßt an der Behütung, die sie durch ihren Glauben erfährt.

Käßmanns Buch „Sehnsucht nach Leben" hat nichts zu bieten, was auch nicht schon in anderen Schriften ähnlicher Couleur geäußert wurden wäre. „Sorge dich nicht, lebe" von Dale Carnegie oder „Die Macht des positiven Denkens" von Joseph Murphy - um nur zwei Beispiele zu nennen. Neu könnte der evangelisch-theologische Kontext sein, wenn er denn in diesem Buch vorhanden wäre. Aber jeder Sozialpädagoge jedweder Konfession könnte diese Textsammlung verfaßt haben.

Besonders überflüssig sind die Texte, die Frau Käßmann zur Grundlage ihrer Argumentationen gemacht hat. Sie beruft sich auf Autoren wie Hilde Domin, Herta Müller oder Ernst Bloch. Diese Texte sind deshalb überflüssig, weil sie, so bedeutsam sie auch sein mögen, keine theologische Relevanz haben. Aber sie fügen sich gut ein in den Eindruck der Gefälligkeit, den dieses Buch zu vermitteln sucht. Gelegentlich führt Frau Käßmann auch den großen Reformator Martin Luther auf der Zunge, bzw. auf der Feder, doch leider hat sie vergessen, den Luther-Zitaten eine Quelle zuzuweisen.

Nun, was ist abschließend über das Buch zu sagen? Es enthält ein gutes Dutzend seichter Texte zu seichten Themen. Man muß kein habilitierter Theologe sein, um dergleichen zu schreiben. Jeder, der gern in Blasen redet, könnte ähnliches verfassen. Ein alternativer Titel für diese Publikation wäre „Sehnsucht nach Inhalt" - denn genau das ist es, was das Buch am meisten vermissen läßt.

Aber was macht diese Texte so leer? Nun, weil sie sich ergießen in Wellness-Beliebigkeit, genau vorbei an dem, was die Menschen wirklich bewegt in ihrem Inneren. Ein Buch, genau an der Seele des Menschen vorbei geschrieben. Irgendwie sei alles doch gar nicht mehr so schlimm, wenn man nur für den Frieden und die Moslems ist und sich in Toleranz gegenüber allen möglichen gesellschaftlichen Randgruppen übt. Christentum, das nicht mehr als bloße Religion ist. Religion, von der nichts weiter als blasse, gesichtslose Spiritualität übrigbleibt. Spiritualität, die sich zusammenfassen läßt mit dem Satz: Das Leben könnte ja so schön sein, wenn die Menschen nur ein weniger.... wie Margot Käßmann wären. Nur sehr seichte Gemüter und sehr gefühlsarme Menschen werden Trost finden in dieser Schrift.

Lobend seien allerdings die feinen, farbenfrohen Bilder des Malers Eberhard Münch erwähnt, die sehr schön und farbenfroh sind und zur Betrachtung einladen.


Erstveröffentlichung dieses Textes am 30. August 2011 auf www.freigeist-weimar.de
http://www.freigeist-weimar.de/beitragsanzeige/kaessmann-texte-die-sich-ergiessen-in-wellness-beliebigkeit/