Mittwoch, 8. Februar 2012

ORTE JENSEITS DER ZEIT - Paul Coelhos neuer Roman "Aleph"


Rezension zu Paul Coelhos Roman „Aleph“
von Ilka Lohmann

Coelho, Paul (2012) Aleph, Roman (aus dem Brasilianischen von Maralde Meyer-Minnemann)
erschienen bei Diogenes Verlag AG, Zürich, Preis 19,90 Euro
ISBN: 978-3-257-06810-8


Hin und wieder erlebt man im Leben Augenblicke der Stagnation, die plötzlich und unerwartet auftreten, angekündigt durch nichts. Ob es ein Wechsel des Windes ist oder eine veränderte Hochdrucklage. Vielleicht hat die Sonne auch nur zu lange oder zu selten geschienen. Man wacht mit einem Male auf und ist unzufrieden und fragt sich, warum. Dieses Warum – es kommt daher, weil ja alles in Ordnung ist. Man hat ein gutes, geruhsames Leben, in Beruf und Partnerschaft läuft es. Gesundheitlich kann man sich auch nicht beklagen.
Wenn da nur nicht die kleine Stimme wäre, die immer und immer wieder fragt: Wozu nützt dir das alles? Was hast du aus deinem Leben gemacht?

So ergeht es dem Ich-Erzähler in Paul Coelhos Roman „Aleph“, der möglicherweise mit dem Autor identisch ist. Er ist ein international erfolgreicher Schriftsteller, hat finanziell ausgesorgt, kann sich künstlerisch und kreativ verwirklichen, führt seit 25 Jahren eine gute Ehe. Und dennoch macht er sich Sorgen.
Da bekommt er Besuch von J., seinem spirituellen Lehrer, der zu ihm sagt: „Laß dich auf eine Reise ein.“
Und der Erzähler tut es.
Er begibt sich auf eine weltweite Lesereise, die ihn am Ende nach Asien führt, die ihn mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Wladiwostok bringen soll. Und auf dieser Reise lernt er Hilal kennen. Hilal ist eine Künstlerin, eine junge Frau Anfang 20, und stammt aus Jekaterinburg, wo sie im Philharmonischen Orchester die Erste spielt. Auch sie könnte zufrieden sein, ist es aber nicht. Gleich zu Beginn berichtet sie davon, wie sie als Kind Opfer eines sexuellen Missbrauches wurde. Der Täter war ein Nachbar. Seitdem ist sie gefangen in einem Käfig aus Scham und Schuld, der sie hat unfähig werden lassen, normale Beziehungen einzugehen, unfähig, der Liebe es eines Mannes und einem Mann mit Liebe zu begegnen. Aber sie fühlt zu dem Erzähler eine tiefe Verbundenheit. Sie kennt seine Bücher, und sie ist nur nach Moskau gekommen, um ihn zu treffen.
Sie sagt, sie kenne sein Problem und sie könne ihm helfen. Sie sei gekommen, ein Feuer für ihn zu entzünden.
Sie will den Erzähler auf seiner Reise nach Wladiwostok begleiten, und er, überwältigt von ihrer Zielstrebigkeit, ihrem Durchsetzungsvermögen und ihrer Kraft, stimmt schließlich zu.
Auf dieser Fahrt geschieht etwas. Sie gehen im Zug den Gang neben den Abteilen entlang, halten zufällig an einer Stelle inne, und da passiert es: Der Erzähler hat eine Vision. Er sieht die Vergangenheit, das Zeitalter der Inquisition, und er erlebt einen Inquisitor, der einen Brief schreibt. Er sieht auch die junge Frau, die ihn an über die Zeitalter hinweg, durch die Jahrhunderte hindurch, anklagend anschaut.
Es ist die Vision aus einem früheren Leben. Damals haben die beiden einander schon gekannt, und er hat ihr einen unglaublichen Schmerz zugefügt.
Das ist das Rätsel, das er lösen muß, damit sie beide, er und Hilal, Frieden finden.
In einer Kirche von Jekaterinburg bringt er sie dazu, ihm zu vergeben. Aber erst später er fährt er die volle Tragweite dessen, was geschehen ist.
Der Erzähler erfährt, daß er an der jungen Frau vor Jahrhunderten ein Verbrechen begangen hat, das so furchtbar ist, daß viele Leben vergehen mußten, um es zu sühnen.
Doch beide wagen es.
Und sie gewinnen.

„Aleph“, der neueste Roman des brasilianischen Erfolgsautors Paul Coelho, ist ein sehr besonderes Buch. Selten werden Texte wie dieser veröffentlicht. Es ist ein Buch über Magie und Mystik, das sich aber nicht vom Leben verabschiedet, sondern sich verortet in der Wirklichkeit, ohne dabei die andere Wirklichkeit zu verleugnen.
Das Aleph ist ein Punkt jenseits von Raum und Zeit, ein Ort der Kraft, an dem alle Ströme und Mächte zusammen fließen. Es ist der Ort, der es Hilal und dem Erzähler ermöglicht, über sich hinaus zu treten. Es ist ein Ort, der jedem von uns begegnen kann. Ein Ort, der uns lehrt, daß wir nicht nur dieses eine Leben sind, das uns oftmals so klein und unbedeutend dünkt.
Kein Leben ist unbedeutend, das sagt Coelho uns in diesem Roman, denn jedes Leben ist einzigartig und endlos. Jedes Leben ist so allumfassend wie das Universum selbst. Und die Weisheit, es zu bestehen und nicht zu vergeuden, ist für jeden von uns erreichbar, wenn wir es nur wagen, die Hand danach auszustrecken.

Auch literarisch erfüllt dieser Roman höchste Ansprüche. Die Sprache ist schlicht  und poetisch zugleich. Und so voll und reich ist der Text an Weisheit und Geschichten, Gleichnissen und Belehrungen, das man ihn ohne Ende zitieren möchte.
Es ist ein gutes Buch für unsere Zeit, die sachlich geworden ist, so konkret, die sich so sehr dem Wunderbaren entfremdet hat.
Dieses Buch soll all jenen ans Herz gelegt werden, die erfüllt sind von der Spirituellen Sehnsucht nach dem Sinn und nach einer Wirklichkeit, die größer als wir alle ist. Denn in diesem Roman macht Coelho uns Hoffnung.
Er macht uns Hoffnung darauf, daß wir sehen können und wissen werden, wenn wir es nur wollen, und wenn es Zeit ist.





Freitag, 3. Februar 2012

Manchmal denk ich...

Manchmal denk ich, als Atheist hätte ich es leichter.
Aber das ist so ein Gedanke wie "Als Bankkauffrau würde ich mehr Geld verdienen" oder "Als Ärztin würde ich immer eine Arbeitsstelle finden" oder "Als Mann wäre ich wahrscheinlich schwul" oder "Im Mittelalter wäre ich gern ein Kreuzritter gewesen." Einer dieser Gedanken eben, die man manchmal so hat. Wenn man durchspielt, welche anderen Wege das Leben hätte nehmen können.
Aber wenn man es recht bedenkt: Aus mir würde niemals eine Bankkauffrau werden, dafür fehlt mir der Sinn für Zahlen, Renditen und ähnliche Dinge. Und so lobenswert es auch sein mag, BWL zu studieren, es wäre meine Sache nicht. Medizin hatte ich damals tatsächlich erwogen, mich aber letztlich dagegen entschieden. Ich halte mich aus persönlichen Gründen ungern in Krankenhäusern auf, verzichte jetzt aber drauf, mich in Einzelheiten zu ergehen. Wir spielen Dinge eben gern mal im Kopf durch. Das ist Phantasie. Es ist uns Menschen gegeben, Vorstellungen von Dingen, die nicht existent sind, zu haben. Sei es nun von dem Leben als Chirurg oder als Kreuzritter oder Geschichtswissenschaftler im 21. Jahrhundert.
Auf die gleiche Weise stelle ich mir manchmal vor, Atheist zu sein. Mit dieser Vorstellung geht einher, daß ich viele Schwierigkeiten in meinem Leben nicht hätte. Aber, und das ist der Punkt, als Atheist hätte ich eben andere. Denn Schwierigkeiten hat man immer. Eine alte Weisheit.
Auch als Bankkauffrau oder als Jurist oder gar als Mann hätte ich viele Schwierigkeiten nicht, die ich habe.
Aber ich bin nun einmal keine Bankkauffrau, keine Juristin, kein Mann, kein Chirurg, kein mittelalterlicher Kreuzritter - und eben auch keine Atheistin.
Ich hatte in meinem Leben immer wieder die Möglichkeit, meinen Glauben zu verlieren oder einfach ad acta zu legen und mich nicht mehr damit zu befassen. Manchmal habe ich diese Möglichkeiten bedacht, manchmal ignoriert, aber niemals wahr genommen.
Ich bin nun einmal eine Christin - römisch-katholischer Prägung aus eigener Entscheidung. Ich kann mir vorstellen, jemand anders zu sein. Aber am Ende ich bin ich. So wie jeder andere er selbst ist - als Gläubiger oder Atheist, als Chirurg oder Bankkauffrau, als Schriftsteller oder als Astronaut, als Tankwart oder Astrophysiker.
Und weil wir das sind, was wir sind - als Folge unserer Persönlichkeit, unserer Geschichte, unserer Neigungen, unserer Erziehung, der Welt, in der wir aufgewachsen sind - sollen wir jeden eben das sein lassen, was er ist, weil er es nicht ohne Grund ist.
Manchmal denke ich, als Atheist hätte ich es leichter. Aber dann entdecke ich, daß das nicht stimmt. Es wäre einfach nur ein anderes Leben, das ich führen würde. Nicht leichter oder schwerer als mein eigenes.
Und wenn es mit freundlichen Augen betrachtet, ist es in Ordnung, so wie es ist. 


Montag, 23. Januar 2012

Lesung aus: "DAS DRITTE REICH" von Roberto Bolano



Am: 24. Januar 2012

Literaturweinstube Apolda
Johannisgasse 5

Beginn: 20 Uhr

DER EINTRITT IST FREI!

Es gibt böse Bücher, und es gibt Bücher mit bösen Namen. Eines aus letzterer Kategorie ist Roberto Bolanos "Das Dritte Reich". Es ist ein Roman aus den Anfangsjahren des großen und verstorbenen chilenischen Autors. Und es ist eine erstaunliche Lektüre. Es geht um die Guten und die Bösen, um Sieg und Niederlage, um Haß und Liebe, Verführung und Gewalt, Leben und Tod.
Udo Berger, seines Zeichens deutscher Landesmeister im Kriegsspiel, macht Urlaub in der Costa Brava, um an seiner Taktik zu feilen. Doch dann kommt alles anders, als er gedacht hat. Die Ereignisse überschlagen sich, und am Ende muß er sich einem Gegner stellen, mit dem er nie gerechnet hätte.

Ilka Lohmann wird am 24. Januar 2012 um 20 Uhr in der Literaturweinstube Apolda aus dem Buch vorlesen und gleichzeitig Roberto Bolano, den Chilenischen Kultautor, den James Joyce unserer Zeit, vorstellen.


Quelle:
Foto: http://artsfuse.org/32256/fuse-book-review-roberto-bolano-%E2%80%94the-critic-as-bomb-thrower/






Donnerstag, 12. Januar 2012

LIEBE IST [MEHR ALS NUR] EIN WORT



Rezension: David Levithan „[das] Wörterbuch der Liebenden“ Roman
erschienen 2010 im Graf Verlag (Ullstein Buchverlage, Berlin)
ISBN 978-3-86220-00407 (gebundene Ausgabe)
Preis: 18,00 Euro

Es gibt, wenn man es auf die Essenz reduziert, nur zwei Leitmotive der Kunst: den Tod und die Liebe. Und geht eines ohne das andere. Sie sind der Abgrund, auf den alles hinausläuft. Die Meere, in die alle Flüsse münden.
David Levithan schreibt über die Liebe in seinem Roman „[das] Wörterbuch der Liebenden“. Daß es sich bei diesem Buch um einen Roman handelt, ist die erste Überraschung. (Anmerkung: Allerdings sollte man erwähnen, daß es – streng vom Gesichtspunkt der Literaturwissenschaft aus betrachtet – eher eine Novelle als ein Roman ist.). Er schreibt darüber auf die einfachste Weise, die man sich vorstellen kann. Er hat ein Wörterbuch geschrieben.
Fällt einem ein solches Buch in die Hände, ist man schnell versucht, es wieder beiseite zu legen. Doch in diesem Fall wäre das ein Verlust, ein Versäumnis. Denn Levithans Buch, so schlicht es auf den ersten Blick erscheinen mag, birgt ungeahnte Tiefen. Und dabei ist die Geschichte doch so gewöhnlich, wie es eine Liebesgeschichte nur sein kann. Zwei Menschen lernen sich über das Internet kennen. Sie gehen einige Male mit einander aus. Sie verlieben sich. Sie ziehen zusammen. Für beide ist es die erste Wohnung, die sie mit einem anderen Menschen teilen. Zwei Jahre bleiben sie zusammen. Dann geht sie fremd, und die Beziehung bricht auseinander.
Keine Geschichte der großen Dramen und Ereignisse. Zwei gewöhnliche Menschen in einer gewöhnlichen Liebe, die ein Anfang und ein Ende hat. Ungewöhnlich jedoch ist der Blick darauf. Denn Levithan erzählt das, was Liebe ausmacht, was Menschen Liebende werden läßt. Da sind es die kleinen Dinge. Poster und Familienfotos an den Wänden. Eine Berührung an der Stirn. Ein unerwiderter Kuß. Ein fünfstündiges Telefongespräch. Ein Seitensprung. Eine Lüge. Die Geschichte wird wie ein Mosaik vor dem Leser ausgebreitet. Die Texte gleichen in der Tat Einträgen aus einem Lexikon. Und so könnte man sie beschreiben: Einzelne Steine, wie vom Zufall ausgewählt.
Levithan erzählt seine Liebesgeschichte nicht chronologisch. Anhand von alphabethisch geordneten Stichwörtern legt er die Bruchstücke dar, die sich nach und nach zusammensetzen, die im Geist des Lesers ein Bild formen, und das in einer Sprache, die intelligent ist, ohne geschwätzig zu sein und von schlichter Poesie.
„[das] Wörterbuch der Liebenden“ Ist ein wunderbares Buch, um es in einem Coffee-Shop zu lesen, oder im Park auf einer Bank, denn es wird nicht lesen, es erzählt. Seite für Seite, Stichwort für Stichwort, gibt es seine Geschichte preis. Wie ein Freund erzählt es. Und das sind diese Geschichten, die eben nicht der Chronologie folgen oder dem Dramenaufbau oder dem endlosen und immer gleichen Ablauf von Geschichten in der Literatur.
Levithans Novelle ist ein Buch über „Boy meets Girl“, aber es ist mehr als das. Es ist ein Buch über eine so alltägliche Liebe, daß jeder von uns sie erlebt haben könnte, daß jeder von uns sie erlebt hat oder haben wird. Eine Geschichte, wie sie früher oder später jedem, der zu lieben fähig ist, begegnen wird.
Und für diese Menschen ist dieses Buch geschrieben. Für die, die geliebt haben, lieben können und lieben wollen, und die – nach allem Kummer und allem Schmerz, den die Liebe ihnen gebracht hat – immer noch nicht mit diesem Gefühl gebrochen haben.

Samstag, 24. Dezember 2011

WEIHNACHTSGRUSS 2011




Und eine Zeit wird kommen,
in der wir selbst
zu leuchten beginnen.

Unsere Lieder,
unsere Tränen
werden Sterne sein.

Groß werden wir singen
Über der Asche
Dem Eis
Und dem Dunkel

Und Blumen wachsen lassen,
wo unser Blut
die Erde berührt.




Montag, 19. Dezember 2011

GEGEN DEN PAPST - MIT DEM ÜBLICHEN PATHOS


Rezension: Rudolf Lill „Die Macht der Päpste“
erschienen bei Butzon&Becker GmbH, Kevelaer, im November 2011
ISBN: 978-3-7666-4147-2
EPUB ISBN 978-3-7666-4148-9
Preis: 19,95 Euro


Papst ist immer gefragt. Seit Benedikt XVI. auf dem Stuhle Petri sitzt, ist das ein Thema, dem gewißlich Aufmerksamkeit entgegengebracht werden wird. War kurz nach der wahl des deutschen Kardinals Josef Ratzinger zum Pontifex Maximus noch die Stimmung groß und voller Jubel, so ist die Freude der Deutschen an „ihrem“ Papst doch in den letzten Jahren merklich abgekühlt. Nach den Augenblicken patriotischer Freude wurde den Menschen mit einem Male wieder bewußt: Die katholische Kirche ist kein Platz der leichtfertigen Ausgelassenheit, sondern vielmehr eine alt-ehrwürdige Institution, mit Regeln, Dogmenund Traditionen, deren Sinn sich Außenstehenden oft nicht erschließt, und Benedikt XVI. ist kein Spaßpapst, sondern ein ernsthafter, tiefgründiger Theologe.
Nicht erst seit dem Papstbesuch im vergangenen September ist Kritik an der Katholischen Kirche en vouge. Freilich wird sie von sehr unterschiedlichen Quellen hervorgebracht, und die Spannbreite geht von „Alle katholischen Priester sind Kinderschänder“ über „Die katholische Kirche ist schuld an den Kreuzzügen“ bis hin zu ernsthaften Debatten über die Transsubstationslehre, die Interkommunion und die Bedeutung der wahren Nachfolge Christi.
Rudolf Lill ist eine der ernster zu nehmenden Quellen. Auf den ersten Blick. Bei genauerer Betrachtung allerdings versinkt er mit seinem Buch „Die Macht der Päpste“ im Mittelmaß der „Papstkritikerszene“.
Dabei ist der Ansatz dieses Buches durchaus vielversprechend. Lill will beweisen, daß die Macht der Päpste, die er „absolutistisch“ nennt, nicht auf der langen Kirchentradition fußt, die Vatikan und Kurie für sich in Anspruch nehmen, sondern „nur“ auf das 12./13. Jahrhundert zurückgeht und in ihrer zeitgenössischen Form mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts zementiert wurde.
Lill bedient sich des typischen Papstkritiker-Jargons. Und er schreibt mit sehr viel Sachverstand und Detailwissen. Leider ist es ein wenig zu viel Detailwissen, denn es ist unzusammenhängend aufbereitet. Immer wieder vollzieht der Autor Zeitsprünge. Eben noch ist er in der Zeit der Rennaissance angekommen, und einen Absatz weiter beginnt er mit dem 2. Vatikanum. Damit ist das Buch für einen interessierten Laien kaum zugänglich.
Die Geschichte des Papsttums wird so erzählt, als sei der Papst immer der Antiheld, der Schurke der Kirchengeschichte, und immer wieder wird eine Dichotomie, eine Gegnerschaft von Papst und Kirche angedeutet.
Auch vom wissenschaftlichen Standpunkt aus ist das Buch schwierig gestalte. Endlose, kaum zu rezopierende Fußnoten machen den Anhang aus. Die Quellenangaben sind unzureichend. Ein Personenregister sucht man ebenso vergeblich wie die Literaturliste.
Dabei ist das Buch sehr lautstark. Es hat viel Inhalt, aber leider nur wenig Gehalt. Und der Titel spiegelt nicht den Inhalt wieder. Es geht nicht um die Macht der Päpste, sondern letztlich nur um eine Geschichte der Päpste seit 1800. Zudem fehlt dem Buch die Sachlichkeit.
Einen Bonus allerdings, und das sind Exkurse, die zwischen die einzelnen Kapitel gesetzt sind und sich mit dem Konklave, Bischof Levebre und der Pius-Bruderschaft befassen. Gleiches gilt für die Kurzbiographien der Päpste von Pius dem VII. bis hin zu Benedikt dem XVI. .
Das Buch „Die Macht der Päpste“ ist nicht empfehlenswert. Anhand der Biographien dieser Männer wird nicht nur der Wandel des Konzepts „Papst“ per se deutlich, sondern auch der gesellschaftliche Wandel, der sich in dieser Zeit in Europa und auch in der katholischen Kirche vollzogen hat.
Nur der durchschnittliche Papst- und Kirchenkritiker wird sich in dieser parteiisch gefärbten, und damit bedauerlicherweise unzulänglichen Pseudo-Geschichtsschreibung verstanden fühlen und bestätigt finden. 


http://www.butzon-bercker.de/



LUTHER, QUO VADIS?


Felix Leibrock: „Lutherleben – ein Reformationsroman

 erschienen 2011, Michael Imhof Verlag GmbH & Co. KG, Petersberg
ISBN:  978-3865686329
Preis: 9,95 Euro


Stellen Sie sich vor, Sie haben einen schweren Unfall. Ihr Gehirn ist in Mitleidenschaft gezogen worden und Sie fallen ins Koma. Als sie erwachen, haben Sie gänzlich Ihre Persönlichkeit vergessen. Die Menschen, die ihnen zuvor noch nahe standen, sind nun Fremde für Sie und Sie sind fest davon überzeugt, jemand völlig anderes zu sein – z.B. Martin Luther.
Dieses Schicksal widerfährt Wolfgang Trödler, dem Hausmeister eines Camping-Platzes in der sachsen-anhaltinischen Provinz. Und mit seiner neugewonnenen Identität schafft Wolle Luther, wie der von dem Unfall Genesene nun allgemein genannt wird, auch gleich Tatsachen. Er schnappt sich sein Akkordeon und schlägt sich als Straßenmusiker durchs Land. Mit der Bahn reißt er von einem Lutherort zum anderen, sorgt auch für Aufsehen in den Medien und gewinnt bald sogar Jünger. All dies tut er mit einem Ziel: Er will die Kirche aufs Neue reformieren. Vor allem sucht er nach dem Böhmischen Kelch, jenen Kelch, mit dem Jan Hus das Abendmahl in beiderlei Gestalt unter seinen Anhängern verteilte. In Augburg, Worms, Eisenach und Erfurt hofft er, die Erinnerung daran wiederzufinden, wo er einst diese heilige Reliquie versteckt haben könnte. Er will den Kelch nicht nur finden, er hofft, daß mit diesem Kelch im Jahre 2017 ein gemeinsames Abendmahl von Katholiken und Evangelischen gefeiert werden könne, um die Spaltung dieser beiden christlichen Kirchen zu überwinden.
Und während Wolle durch die Lande tingelt, macht sich Sabine Harder, die Wolle als Klinikseelsorgerin während dessen Reha-Kur kennengelernt hat, ihrerseits auf eine Suche. Sie will die Vergangenheit von Wolfgang Trödler aufdecken.
Beide werden fündig. Wolle findet den Böhmischen Kelch vergraben im Garten des Augustinerklosters zu Erfurt.
Pastorin Harder findet einen ehemaligen Studienfreund von Wolfgang Trödler und erfährt, daß dieser sich schon als junger Mann mit der Geschichte der Reformation befasst und sogar versucht hat, selbst evangelischer Pfarrer zu werden.
Nun, das ist das Buch. Sein Inhalt ist schnell erzählt, und um es zu lesen, braucht auch ein schlichtes Gemüt nur zwei Nachmittage.
Stilistisch ist dem Buch nicht allzu viel abzugewinnen. Wer gut geschriebene Literatur sucht, wird von „Lutherleben“ gewißlich enttäuscht sein.
Schon die Hauptfigur, Wolle Luther, bleibt ein Unsympath. Ein Egomane, der auf sein Charisma einsetzt, Menschen bewußt belügt und manipuliert, um seine Ziele durchzusetzen, und der seine „Jünger“ wie dumme Kinder und Untergebene behandelt. So ist er persönlich beleidigt, als eine Taube das Lutherdenkmal in Worms besudelt. An einer anderen Stelle redet er einem Architekten ein, er sänge für die Verständigung der Katholiken und Evangelischen in Kalifornien, während er in Wahrheit nur deshalb auf diesem Platz Musik macht, um genug Geld zu verdienen, mit dem er seine Hotelrechnung begleichen kann. Gleichzeitig geht es Wolle immer noch um die Sache der Kirchen. Und irgendwie scheint ihm gar nichts recht zu sein. Auch wenn er selbst immer wieder „Eine feste Burg ist unser Gott“ auf dem Akkordeon zum besten gibt, kreidet er es anderen Pastoren an, wenn sie die „alten Lieder“ die so „schwierig und fremd“ (S. 39) waren, singen ließen und freut sich, wenn in einem anderen Gottesdienst neues geistliches Liedgut zum Einsatz kommt. Und er beklagt, daß die Kirche der Gegenwart zu sehr auf die Vernunft und zu wenig auf das Gemüt des Menschen ausgerichtet sei.
Gott sei ein Backofen voller Liebe, so läßt der Autor seinen Helden Wolle räsonieren, während er in der Lutherkirche zu Apolda sitzt und vor sich hinträumt. Diesem Ort wird ein unangemessen großer Platz in dem schmalen Band eingeräumt, was sicher der Tatsache zu schulden ist, daß der Verfasser Pfarrer in Apolda ist. So ist denn auch bei der großen Schlussszene, als Wolle endlich den Böhmischen Kelch gefunden hat, neben der Klinikseelsorgerin Frau Harder und ihrem katholischen Kollegen auch noch ein namenloser Mann aus Apolda zugegen.
Eine der Botschaften des Buches: Wenn bis 2017 nicht die Interkommunion eingeführt und die Trennung von katholischer und evangelischer Kirche aufgehoben ist, dann wird beides niemals geschehen. Und diese vereinte Kirche muß eine Kirche für das Gemüt sein, eine Kirche der Emotionen, eine zeitgemäße Kirche mit flapsigen Predigten und neuen Liedern. Eine Kirche ganz nach der Vorstellung von Wolle Luther.
Das Buch erhebt den Anspruch, ein Reformationsroman zu sein. Auf leichte und „humorvolle“ Art soll Lesern, auch jungen Lesern, die Geschichte der Reformation nahe gebracht werden.
Das mag man sehen, wie man will. Nach Einschätzung der Rezensentin hat der Wikipedia-Artikel zu diesem Thema weitaus mehr zu bieten als Leibrocks Reformationsroman. Und gerade für die Jugend gibt es qualitativ weitaus bessere Bücher. Beispielsweise das Jugendbuch „Bruder Martinus“ von Hans Bentzien.
Ein weiteres Negativum des Buches ist sein Zeitbezug. Durch viele Hinweise auf Ereignisse der Zeitgeschichte kann der Leser des Jahres 2011 das Buch gut zeitlich verorten. Diese Hinweise betreffen unter anderem den „Skandal“ um Bischof Mixa und den Sieg von Lena Meyer-Landruth im Eurovision Song Contest. Allerdings erreicht das Buch damit den Eindruck, sich beim Leser anbiedern zu wollen. Zum anderen wird es zu einem Wegwerfprodukt. Man spürt beim Lesen: Spätestens im Jahre 2018 wird dieses Buch nicht mehr das Papier wert sein, auf das es gedruckt ist.
Auch in dem etwas bemühten und eher schlichten Humor schreit das Buch geradezu danach, dem Leser nicht zu gefallen, aber gefällig zu sein.
Und die Art und Weise, wie der Autor versucht, den Dialekt einiger Menschen humorvoll zu kolportieren, wirkt leicht überheblich.
Das Buch „Lutherleben“ nimmt für sich in Anspruch, ein Reformationsroman zu sein. Ein Anspruch, dem es nur schwerlich gerecht wird. Sicher ist die Frage interessant, wie der Reformator und Theologe in der heutigen Zeit die Fragen von Kirche, Kirchenspaltung, Interkommunion und Gesellschaft beantworten und betrachten würde. Nur denke ich, daß die Umsetzung durch Herrn Pfarrer Leibrock vieles offen läßt und ein gefärbtes, einseitiges Bild des Doktor Martin Luther zeichnet. Sicher geht ein Autor immer über Eis, wenn er sich der Herausforderung einer Persönlichkeit von historischer Bedeutung stellt, wie man an dem vorliegenden Roman sehen kann.
Die Epoche der Reformation war eine der großen Zeiten, und die Bedeutung Luther für die Geschichte Europas darf nicht unterschätzt werden. Ohne die Reformation wäre auch die katholische Kirche nicht das, was sie ist. Das Tridentinum, das 2. Vatikanische Konzil hätte es nie gegeben. Die Aufklärung, ja, die Säkularisierung von Lehre und Wissenschaft wäre nicht dem Maße, wie unsere Gesellschaft es in den letzten 400 Jahren erlebt hat, zustande gekommen.
Leider erfahren wir in Leibrocks Roman nichts von alledem.
Das Buch wurde nur aus einem Grund geschrieben: Als Werbebroschüre für das Lutherjahr 2017. Es ist ein Buch, das nur seichte Gemüter unterhält, stilistisch einfallslos und geschrieben ohne Mühe. Ein Buch, das man getrost im Regal stehen lassen kann.
Nur am Rande soll erwähnt sein, daß Herr Leibrock in der Bezugnahme auf Wolle Luthers neuropathologischen Status den Begriff „multiple Persönlichkeitsstörung“ verwendet, einen Begriff, den Psychiatrie und klinische Psychologie schon lange auf den Müllhaufen ihrer Geschichte geworfen haben. Der korrekte Terminus lautet „Dissoziative Identitätsstörung“. 



Der Artikel erschien zum ersten Mal auf der Seite www.freigeist-weimar.de