Montag, 23. Januar 2012

Lesung aus: "DAS DRITTE REICH" von Roberto Bolano



Am: 24. Januar 2012

Literaturweinstube Apolda
Johannisgasse 5

Beginn: 20 Uhr

DER EINTRITT IST FREI!

Es gibt böse Bücher, und es gibt Bücher mit bösen Namen. Eines aus letzterer Kategorie ist Roberto Bolanos "Das Dritte Reich". Es ist ein Roman aus den Anfangsjahren des großen und verstorbenen chilenischen Autors. Und es ist eine erstaunliche Lektüre. Es geht um die Guten und die Bösen, um Sieg und Niederlage, um Haß und Liebe, Verführung und Gewalt, Leben und Tod.
Udo Berger, seines Zeichens deutscher Landesmeister im Kriegsspiel, macht Urlaub in der Costa Brava, um an seiner Taktik zu feilen. Doch dann kommt alles anders, als er gedacht hat. Die Ereignisse überschlagen sich, und am Ende muß er sich einem Gegner stellen, mit dem er nie gerechnet hätte.

Ilka Lohmann wird am 24. Januar 2012 um 20 Uhr in der Literaturweinstube Apolda aus dem Buch vorlesen und gleichzeitig Roberto Bolano, den Chilenischen Kultautor, den James Joyce unserer Zeit, vorstellen.


Quelle:
Foto: http://artsfuse.org/32256/fuse-book-review-roberto-bolano-%E2%80%94the-critic-as-bomb-thrower/






Donnerstag, 12. Januar 2012

LIEBE IST [MEHR ALS NUR] EIN WORT



Rezension: David Levithan „[das] Wörterbuch der Liebenden“ Roman
erschienen 2010 im Graf Verlag (Ullstein Buchverlage, Berlin)
ISBN 978-3-86220-00407 (gebundene Ausgabe)
Preis: 18,00 Euro

Es gibt, wenn man es auf die Essenz reduziert, nur zwei Leitmotive der Kunst: den Tod und die Liebe. Und geht eines ohne das andere. Sie sind der Abgrund, auf den alles hinausläuft. Die Meere, in die alle Flüsse münden.
David Levithan schreibt über die Liebe in seinem Roman „[das] Wörterbuch der Liebenden“. Daß es sich bei diesem Buch um einen Roman handelt, ist die erste Überraschung. (Anmerkung: Allerdings sollte man erwähnen, daß es – streng vom Gesichtspunkt der Literaturwissenschaft aus betrachtet – eher eine Novelle als ein Roman ist.). Er schreibt darüber auf die einfachste Weise, die man sich vorstellen kann. Er hat ein Wörterbuch geschrieben.
Fällt einem ein solches Buch in die Hände, ist man schnell versucht, es wieder beiseite zu legen. Doch in diesem Fall wäre das ein Verlust, ein Versäumnis. Denn Levithans Buch, so schlicht es auf den ersten Blick erscheinen mag, birgt ungeahnte Tiefen. Und dabei ist die Geschichte doch so gewöhnlich, wie es eine Liebesgeschichte nur sein kann. Zwei Menschen lernen sich über das Internet kennen. Sie gehen einige Male mit einander aus. Sie verlieben sich. Sie ziehen zusammen. Für beide ist es die erste Wohnung, die sie mit einem anderen Menschen teilen. Zwei Jahre bleiben sie zusammen. Dann geht sie fremd, und die Beziehung bricht auseinander.
Keine Geschichte der großen Dramen und Ereignisse. Zwei gewöhnliche Menschen in einer gewöhnlichen Liebe, die ein Anfang und ein Ende hat. Ungewöhnlich jedoch ist der Blick darauf. Denn Levithan erzählt das, was Liebe ausmacht, was Menschen Liebende werden läßt. Da sind es die kleinen Dinge. Poster und Familienfotos an den Wänden. Eine Berührung an der Stirn. Ein unerwiderter Kuß. Ein fünfstündiges Telefongespräch. Ein Seitensprung. Eine Lüge. Die Geschichte wird wie ein Mosaik vor dem Leser ausgebreitet. Die Texte gleichen in der Tat Einträgen aus einem Lexikon. Und so könnte man sie beschreiben: Einzelne Steine, wie vom Zufall ausgewählt.
Levithan erzählt seine Liebesgeschichte nicht chronologisch. Anhand von alphabethisch geordneten Stichwörtern legt er die Bruchstücke dar, die sich nach und nach zusammensetzen, die im Geist des Lesers ein Bild formen, und das in einer Sprache, die intelligent ist, ohne geschwätzig zu sein und von schlichter Poesie.
„[das] Wörterbuch der Liebenden“ Ist ein wunderbares Buch, um es in einem Coffee-Shop zu lesen, oder im Park auf einer Bank, denn es wird nicht lesen, es erzählt. Seite für Seite, Stichwort für Stichwort, gibt es seine Geschichte preis. Wie ein Freund erzählt es. Und das sind diese Geschichten, die eben nicht der Chronologie folgen oder dem Dramenaufbau oder dem endlosen und immer gleichen Ablauf von Geschichten in der Literatur.
Levithans Novelle ist ein Buch über „Boy meets Girl“, aber es ist mehr als das. Es ist ein Buch über eine so alltägliche Liebe, daß jeder von uns sie erlebt haben könnte, daß jeder von uns sie erlebt hat oder haben wird. Eine Geschichte, wie sie früher oder später jedem, der zu lieben fähig ist, begegnen wird.
Und für diese Menschen ist dieses Buch geschrieben. Für die, die geliebt haben, lieben können und lieben wollen, und die – nach allem Kummer und allem Schmerz, den die Liebe ihnen gebracht hat – immer noch nicht mit diesem Gefühl gebrochen haben.

Samstag, 24. Dezember 2011

WEIHNACHTSGRUSS 2011




Und eine Zeit wird kommen,
in der wir selbst
zu leuchten beginnen.

Unsere Lieder,
unsere Tränen
werden Sterne sein.

Groß werden wir singen
Über der Asche
Dem Eis
Und dem Dunkel

Und Blumen wachsen lassen,
wo unser Blut
die Erde berührt.




Montag, 19. Dezember 2011

GEGEN DEN PAPST - MIT DEM ÜBLICHEN PATHOS


Rezension: Rudolf Lill „Die Macht der Päpste“
erschienen bei Butzon&Becker GmbH, Kevelaer, im November 2011
ISBN: 978-3-7666-4147-2
EPUB ISBN 978-3-7666-4148-9
Preis: 19,95 Euro


Papst ist immer gefragt. Seit Benedikt XVI. auf dem Stuhle Petri sitzt, ist das ein Thema, dem gewißlich Aufmerksamkeit entgegengebracht werden wird. War kurz nach der wahl des deutschen Kardinals Josef Ratzinger zum Pontifex Maximus noch die Stimmung groß und voller Jubel, so ist die Freude der Deutschen an „ihrem“ Papst doch in den letzten Jahren merklich abgekühlt. Nach den Augenblicken patriotischer Freude wurde den Menschen mit einem Male wieder bewußt: Die katholische Kirche ist kein Platz der leichtfertigen Ausgelassenheit, sondern vielmehr eine alt-ehrwürdige Institution, mit Regeln, Dogmenund Traditionen, deren Sinn sich Außenstehenden oft nicht erschließt, und Benedikt XVI. ist kein Spaßpapst, sondern ein ernsthafter, tiefgründiger Theologe.
Nicht erst seit dem Papstbesuch im vergangenen September ist Kritik an der Katholischen Kirche en vouge. Freilich wird sie von sehr unterschiedlichen Quellen hervorgebracht, und die Spannbreite geht von „Alle katholischen Priester sind Kinderschänder“ über „Die katholische Kirche ist schuld an den Kreuzzügen“ bis hin zu ernsthaften Debatten über die Transsubstationslehre, die Interkommunion und die Bedeutung der wahren Nachfolge Christi.
Rudolf Lill ist eine der ernster zu nehmenden Quellen. Auf den ersten Blick. Bei genauerer Betrachtung allerdings versinkt er mit seinem Buch „Die Macht der Päpste“ im Mittelmaß der „Papstkritikerszene“.
Dabei ist der Ansatz dieses Buches durchaus vielversprechend. Lill will beweisen, daß die Macht der Päpste, die er „absolutistisch“ nennt, nicht auf der langen Kirchentradition fußt, die Vatikan und Kurie für sich in Anspruch nehmen, sondern „nur“ auf das 12./13. Jahrhundert zurückgeht und in ihrer zeitgenössischen Form mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts zementiert wurde.
Lill bedient sich des typischen Papstkritiker-Jargons. Und er schreibt mit sehr viel Sachverstand und Detailwissen. Leider ist es ein wenig zu viel Detailwissen, denn es ist unzusammenhängend aufbereitet. Immer wieder vollzieht der Autor Zeitsprünge. Eben noch ist er in der Zeit der Rennaissance angekommen, und einen Absatz weiter beginnt er mit dem 2. Vatikanum. Damit ist das Buch für einen interessierten Laien kaum zugänglich.
Die Geschichte des Papsttums wird so erzählt, als sei der Papst immer der Antiheld, der Schurke der Kirchengeschichte, und immer wieder wird eine Dichotomie, eine Gegnerschaft von Papst und Kirche angedeutet.
Auch vom wissenschaftlichen Standpunkt aus ist das Buch schwierig gestalte. Endlose, kaum zu rezopierende Fußnoten machen den Anhang aus. Die Quellenangaben sind unzureichend. Ein Personenregister sucht man ebenso vergeblich wie die Literaturliste.
Dabei ist das Buch sehr lautstark. Es hat viel Inhalt, aber leider nur wenig Gehalt. Und der Titel spiegelt nicht den Inhalt wieder. Es geht nicht um die Macht der Päpste, sondern letztlich nur um eine Geschichte der Päpste seit 1800. Zudem fehlt dem Buch die Sachlichkeit.
Einen Bonus allerdings, und das sind Exkurse, die zwischen die einzelnen Kapitel gesetzt sind und sich mit dem Konklave, Bischof Levebre und der Pius-Bruderschaft befassen. Gleiches gilt für die Kurzbiographien der Päpste von Pius dem VII. bis hin zu Benedikt dem XVI. .
Das Buch „Die Macht der Päpste“ ist nicht empfehlenswert. Anhand der Biographien dieser Männer wird nicht nur der Wandel des Konzepts „Papst“ per se deutlich, sondern auch der gesellschaftliche Wandel, der sich in dieser Zeit in Europa und auch in der katholischen Kirche vollzogen hat.
Nur der durchschnittliche Papst- und Kirchenkritiker wird sich in dieser parteiisch gefärbten, und damit bedauerlicherweise unzulänglichen Pseudo-Geschichtsschreibung verstanden fühlen und bestätigt finden. 


http://www.butzon-bercker.de/



LUTHER, QUO VADIS?


Felix Leibrock: „Lutherleben – ein Reformationsroman

 erschienen 2011, Michael Imhof Verlag GmbH & Co. KG, Petersberg
ISBN:  978-3865686329
Preis: 9,95 Euro


Stellen Sie sich vor, Sie haben einen schweren Unfall. Ihr Gehirn ist in Mitleidenschaft gezogen worden und Sie fallen ins Koma. Als sie erwachen, haben Sie gänzlich Ihre Persönlichkeit vergessen. Die Menschen, die ihnen zuvor noch nahe standen, sind nun Fremde für Sie und Sie sind fest davon überzeugt, jemand völlig anderes zu sein – z.B. Martin Luther.
Dieses Schicksal widerfährt Wolfgang Trödler, dem Hausmeister eines Camping-Platzes in der sachsen-anhaltinischen Provinz. Und mit seiner neugewonnenen Identität schafft Wolle Luther, wie der von dem Unfall Genesene nun allgemein genannt wird, auch gleich Tatsachen. Er schnappt sich sein Akkordeon und schlägt sich als Straßenmusiker durchs Land. Mit der Bahn reißt er von einem Lutherort zum anderen, sorgt auch für Aufsehen in den Medien und gewinnt bald sogar Jünger. All dies tut er mit einem Ziel: Er will die Kirche aufs Neue reformieren. Vor allem sucht er nach dem Böhmischen Kelch, jenen Kelch, mit dem Jan Hus das Abendmahl in beiderlei Gestalt unter seinen Anhängern verteilte. In Augburg, Worms, Eisenach und Erfurt hofft er, die Erinnerung daran wiederzufinden, wo er einst diese heilige Reliquie versteckt haben könnte. Er will den Kelch nicht nur finden, er hofft, daß mit diesem Kelch im Jahre 2017 ein gemeinsames Abendmahl von Katholiken und Evangelischen gefeiert werden könne, um die Spaltung dieser beiden christlichen Kirchen zu überwinden.
Und während Wolle durch die Lande tingelt, macht sich Sabine Harder, die Wolle als Klinikseelsorgerin während dessen Reha-Kur kennengelernt hat, ihrerseits auf eine Suche. Sie will die Vergangenheit von Wolfgang Trödler aufdecken.
Beide werden fündig. Wolle findet den Böhmischen Kelch vergraben im Garten des Augustinerklosters zu Erfurt.
Pastorin Harder findet einen ehemaligen Studienfreund von Wolfgang Trödler und erfährt, daß dieser sich schon als junger Mann mit der Geschichte der Reformation befasst und sogar versucht hat, selbst evangelischer Pfarrer zu werden.
Nun, das ist das Buch. Sein Inhalt ist schnell erzählt, und um es zu lesen, braucht auch ein schlichtes Gemüt nur zwei Nachmittage.
Stilistisch ist dem Buch nicht allzu viel abzugewinnen. Wer gut geschriebene Literatur sucht, wird von „Lutherleben“ gewißlich enttäuscht sein.
Schon die Hauptfigur, Wolle Luther, bleibt ein Unsympath. Ein Egomane, der auf sein Charisma einsetzt, Menschen bewußt belügt und manipuliert, um seine Ziele durchzusetzen, und der seine „Jünger“ wie dumme Kinder und Untergebene behandelt. So ist er persönlich beleidigt, als eine Taube das Lutherdenkmal in Worms besudelt. An einer anderen Stelle redet er einem Architekten ein, er sänge für die Verständigung der Katholiken und Evangelischen in Kalifornien, während er in Wahrheit nur deshalb auf diesem Platz Musik macht, um genug Geld zu verdienen, mit dem er seine Hotelrechnung begleichen kann. Gleichzeitig geht es Wolle immer noch um die Sache der Kirchen. Und irgendwie scheint ihm gar nichts recht zu sein. Auch wenn er selbst immer wieder „Eine feste Burg ist unser Gott“ auf dem Akkordeon zum besten gibt, kreidet er es anderen Pastoren an, wenn sie die „alten Lieder“ die so „schwierig und fremd“ (S. 39) waren, singen ließen und freut sich, wenn in einem anderen Gottesdienst neues geistliches Liedgut zum Einsatz kommt. Und er beklagt, daß die Kirche der Gegenwart zu sehr auf die Vernunft und zu wenig auf das Gemüt des Menschen ausgerichtet sei.
Gott sei ein Backofen voller Liebe, so läßt der Autor seinen Helden Wolle räsonieren, während er in der Lutherkirche zu Apolda sitzt und vor sich hinträumt. Diesem Ort wird ein unangemessen großer Platz in dem schmalen Band eingeräumt, was sicher der Tatsache zu schulden ist, daß der Verfasser Pfarrer in Apolda ist. So ist denn auch bei der großen Schlussszene, als Wolle endlich den Böhmischen Kelch gefunden hat, neben der Klinikseelsorgerin Frau Harder und ihrem katholischen Kollegen auch noch ein namenloser Mann aus Apolda zugegen.
Eine der Botschaften des Buches: Wenn bis 2017 nicht die Interkommunion eingeführt und die Trennung von katholischer und evangelischer Kirche aufgehoben ist, dann wird beides niemals geschehen. Und diese vereinte Kirche muß eine Kirche für das Gemüt sein, eine Kirche der Emotionen, eine zeitgemäße Kirche mit flapsigen Predigten und neuen Liedern. Eine Kirche ganz nach der Vorstellung von Wolle Luther.
Das Buch erhebt den Anspruch, ein Reformationsroman zu sein. Auf leichte und „humorvolle“ Art soll Lesern, auch jungen Lesern, die Geschichte der Reformation nahe gebracht werden.
Das mag man sehen, wie man will. Nach Einschätzung der Rezensentin hat der Wikipedia-Artikel zu diesem Thema weitaus mehr zu bieten als Leibrocks Reformationsroman. Und gerade für die Jugend gibt es qualitativ weitaus bessere Bücher. Beispielsweise das Jugendbuch „Bruder Martinus“ von Hans Bentzien.
Ein weiteres Negativum des Buches ist sein Zeitbezug. Durch viele Hinweise auf Ereignisse der Zeitgeschichte kann der Leser des Jahres 2011 das Buch gut zeitlich verorten. Diese Hinweise betreffen unter anderem den „Skandal“ um Bischof Mixa und den Sieg von Lena Meyer-Landruth im Eurovision Song Contest. Allerdings erreicht das Buch damit den Eindruck, sich beim Leser anbiedern zu wollen. Zum anderen wird es zu einem Wegwerfprodukt. Man spürt beim Lesen: Spätestens im Jahre 2018 wird dieses Buch nicht mehr das Papier wert sein, auf das es gedruckt ist.
Auch in dem etwas bemühten und eher schlichten Humor schreit das Buch geradezu danach, dem Leser nicht zu gefallen, aber gefällig zu sein.
Und die Art und Weise, wie der Autor versucht, den Dialekt einiger Menschen humorvoll zu kolportieren, wirkt leicht überheblich.
Das Buch „Lutherleben“ nimmt für sich in Anspruch, ein Reformationsroman zu sein. Ein Anspruch, dem es nur schwerlich gerecht wird. Sicher ist die Frage interessant, wie der Reformator und Theologe in der heutigen Zeit die Fragen von Kirche, Kirchenspaltung, Interkommunion und Gesellschaft beantworten und betrachten würde. Nur denke ich, daß die Umsetzung durch Herrn Pfarrer Leibrock vieles offen läßt und ein gefärbtes, einseitiges Bild des Doktor Martin Luther zeichnet. Sicher geht ein Autor immer über Eis, wenn er sich der Herausforderung einer Persönlichkeit von historischer Bedeutung stellt, wie man an dem vorliegenden Roman sehen kann.
Die Epoche der Reformation war eine der großen Zeiten, und die Bedeutung Luther für die Geschichte Europas darf nicht unterschätzt werden. Ohne die Reformation wäre auch die katholische Kirche nicht das, was sie ist. Das Tridentinum, das 2. Vatikanische Konzil hätte es nie gegeben. Die Aufklärung, ja, die Säkularisierung von Lehre und Wissenschaft wäre nicht dem Maße, wie unsere Gesellschaft es in den letzten 400 Jahren erlebt hat, zustande gekommen.
Leider erfahren wir in Leibrocks Roman nichts von alledem.
Das Buch wurde nur aus einem Grund geschrieben: Als Werbebroschüre für das Lutherjahr 2017. Es ist ein Buch, das nur seichte Gemüter unterhält, stilistisch einfallslos und geschrieben ohne Mühe. Ein Buch, das man getrost im Regal stehen lassen kann.
Nur am Rande soll erwähnt sein, daß Herr Leibrock in der Bezugnahme auf Wolle Luthers neuropathologischen Status den Begriff „multiple Persönlichkeitsstörung“ verwendet, einen Begriff, den Psychiatrie und klinische Psychologie schon lange auf den Müllhaufen ihrer Geschichte geworfen haben. Der korrekte Terminus lautet „Dissoziative Identitätsstörung“. 



Der Artikel erschien zum ersten Mal auf der Seite www.freigeist-weimar.de

Freitag, 2. Dezember 2011

Lesung: EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE von Charles Dickens



Jeder kennt die Geschichte von Ebenezer Scrooge, dem alten Geizhals, der in der Nacht von drei Geistern besucht wird, die ihn mit sich selbst konfrontieren.
Dickens schrieb diese Geschichte im Jahre 1843, im Alter von 31 Jahren. Und er schuf damit mehr, als eine Geschich...te. Unzählige Adaptionen und Varianten gibt es in der Zwischenzeit. Daran erkennt man große Literatur. Daran erkennt man die großen, die wirklichen Geschichten.
Doch die Geschichte über Ebenezer Scrooge hat es gar nicht nötig, neu erzählt zu werden. Das Original ist immer noch besser als all die mittelmäßigen Kopien.

"Eine Weihnachtsgeschichte" ist nicht nur eine Geschichte, die einfach in die Weihachtszeit paßt. Es ist eine Geschichte, die in unsere Zeit, in der das System des grenzenlosen Kapitalismus zusammenzubrechen droht, paßt.
Und es ist zugleich eine Einstimmung auf das Jahr 2012, in dem wir den 100. Geburtstag des großen europäischen Schriftstellers Charles Dickens zelebrieren.

Es liest Ilka Lohmann

Freitag, 21. Oktober 2011

ABENTEUER IN DER TUDORZEIT - Rezension "Der Dunkle Thron" von Rebecca Gablè


Rezension: Rebecca Gablés neuer Roman „Der Dunkle Thron“

Rebecca Gablé „Der Dunkle Thron“, Bastei Lübbe (Oktober 2011) (960 Seiten)

ISBN 978-3431038408, Preis: 24,99 Euro


Rebecca Gablés neuer Roman nimmt den Leser mit auf eine Abenteuerreise durch die Zeit von Heinrich dem VIII.

Gleich zu Anfang begegnet man dem jungen Nicholas, dem ältesten Sohn des Earl of Waringham. Nicholas und seine Schwester Laura leiden in der elterlichen Burg unter einer übelwollenden Stiefmutter und deren Tochter aus ihrer erster Ehe. Doch das ist noch nicht alles. Der Earl vernachlässigt das Gut und die berühmte Pferdezucht, um in seiner Bibliothek ketzerische Schriften zu sammeln, zu lesen und selbst zu verfassen. Deshalb kehrt Nicholas zurück aus der Schule von Thomas More, um seinen Vater wieder zurück auf den rechtgläubigen Weg zu bringen, und der Earl beugt sich.

Doch umsonst. Verleumdung bringt den Earl in den Tower, und Nicholas, der ihm hinterher reist, muß mit eigenen Augen sehen, wie sein Vater an den Folgen der Folter stirbt.

Das weckt in dem jungen Mann einen tiefen Haß auf den König und seine Handlanger, der ihn in den Jahren seines Lebens immer wieder in Schwierigkeiten bringen wird.

Nicholas versucht zunächst, sich aus der Politik herauszuhalten. Während es im häuslichen Bereich zu einem unüberwindlichen Bruch zwischen ihm und seiner Stiefmutter, die er liebevoll Sumpfhexe nennt, konnt, versucht er, die Pferdezucht neu zu beleben. Und während er sich anlässlich eines Pferdemarktes in London aufhält, erreicht ihn ein Ruf der Königin Catalina. Sie ist noch die Ehefrau von König Henry. Aber der hat in Anne Boleyn eine neue Liebe gefunden und eine potentielle Gebärerin von Söhnen. Deshalb versucht er, die Ehe zwischen sich und Catalina annullieren zu lassen. Deshalb befürchtet die Königin schlimme Folgen für ihre Tochter Mary, und sie bittet Nicholas, dieser ein Freund, ein Vertrauter und ein Beschützer zu sein. Nicholas kann nicht anders, als einzuwilligen.

Nicholas, nun engster Vertrauter von Mary Tudor, erlebt all die großen Ereignisse mit, die England in der Zeit von Heinrich dem VIII. erschütterten: die sechs Ehen des Königs, zahlreiche Hinrichtungen von mehr oder weniger namhaften Zeitgenossen, die Gründung und Verbreitung der anglikanischen Kirchenreform.

Nicholas und seine Freunde und Verwandten geraten dabei immer wieder fast unter die Räder, und viele schwere Unglücksfälle und Notzeiten sind zu überstehen, bis endlich Königin Mary I. den Thorn von England besteigen kann.

Der Roman ist eine sehr spannende, unterhaltsame und bunte Lektüre. Gablé schreibt mit sicherer Hand und mit Leichtigkeit, die an Dumas denken läßt. Und sie schreibt mit großer Sachkenntnis, ohne sich mit dieser aufzudrängen.

Es gelingt der Autorin sehr gut, die einzelnen Charaktere von einander abzugrenzen und als Individuen darzustellen, als lebendige Menschen mit guten und schlechten Charakterzügen, und selbst die unliebsamen unter ihnen dürfen einmal in einem wohlwollenden Licht erscheinen.

Das Gute dieses Buches überwiegt. Die Sprache ist weich und ausgeglichen und der Tudorzeit überaus angemessen. Es überrascht, daß – entgegen sonstiger historischer Rezeption dieser Zeit der englischen und europäischen Geschichte – die Sympathien der Autorin nicht auf den Seiten der Reformatoren, die sie Reformer nennt, liegen, sondern auf der Seite derjenigen, die am Papsttum und am Katholizismus festhalten. So bleibt auch die Hauptperson Nicholas, trotz der reformatorischen Umtriebe selbst in seinem engsten Familien- und Freundeskreis, katholisch, auch wenn er immer wieder in der englischsprachigen Bibel von William Tyndale liest, sogar während seiner Festungshaft im Tower.

Doch der Roman hat auch seine Schwachstellen.

Als erste wäre die Leerstellentechnik zu nennen, die von der Autorin immer wieder eingesetzt wird. In einer Szene beschwört sie ein Ereignis herauf, in der darauffolgenden Szene ist das Ereignis schon vergangen, und seine Folgen werden ausgewertet. Mitunter sind solche Leerstellen mehrere Jahre lang.

Dann tauchen immer wieder Figuren wie aus dem Nichts in Dialogen auf. Meist wird ihr Erscheinen dann in einem fadenscheinigen Nebensatz spärlich erklärt, doch es vermittelt den Eindruck, als wäre der Autorin in dem Augenblick, als sie das schrieb, gar nicht bewußt gewesen, daß die Person eigentlich gar nicht da war.

Zudem hat die Autorin einen gewissen Hang zu Relativsätzen, die sie mit dem umschönen „welche“ einleitet, nur um die Dopplung von gleichlautendem Relativpronomen und Artikel zu vermeiden.

Die größte Schwäche des Romans ist allerdings die Handlung, was daran liegt, daß er eigentlich keine hat. Letztlich ist es nur eine Abfolge von Geschehnissen, die bis zum ende des zweiten Teils noch immer eine gewisse Spannung hat und zumindest einen Handlungsablauf andeutet, doch dann scheint die Autorin irgendwie die Konzentration verloren zu haben. Die Ereignisse wirken plötzlich auf eine seltsame Art weit hergeholt.

Und die Unfähigkeit der Autorin, ihre Figuren Konflikte wirklich durchleben zu lassen, hat schon fast etwas sehr ärgerniserregendes. So geschieht es sehr oft, daß eine Person ganz tief in ein Schlamassel hineingerät, aber durch einen Umstand, den bis dahin nur keiner gewußt hat, entgeht die Person der Katastrophe. Der Deus ex Machina macht da wieder einmal Überstunden.

An dieser Stelle noch ein kurzes Wort zu der Hauptperson des Romans: Nicholas of Waringham. Er ist ein schwieriger Charakter, in sich zerrissen. Auf der einen Seite bringt er der Prinzessin Mary eine Loyalität entgegen, die ihn bis an den Rand der Selbstzerstörung bringt, auf der anderen Seite ist er nicht dazu in der Lage, diese gleiche Verbundenheit seiner Ehefrau und der Mutter seiner Kinder entgegen zu bringen. Wenn ihm Angehörige des „neuen“ Adels unterstellen, er wäre ihnen gegenüber arrogant, aufgrund seiner alten Familie, so leugnet er es, doch fällt es ihm nicht schwer, diese Arroganz gegenüber seiner Ehefrau, die aus einfachen Verhältnissen stammt und die gezwungenermaßen ehelichen mußte, nach Belieben auszuleben. Eine Zeitlang bringt er den Pferden mehr Verständnis entgegen als seinem eigenen Sohn. Das macht es schwer, ihm nahe zu kommen und ihn zu mögen. Dennoch ist er ein Charakter, der fasziniert. Wenngleich keiner von den Großen.

Es fällt zwar schwer, ihn zu mögen, doch gerade wegen dieser Zerrissenheit und der Schattenseiten seiner Persönlichkeit fällt es leicht, sich in ihn hineinzuversetzen.

Trotzdem kann man mit dem Buch sehr angenehme Lesestunden verbringen. Denn einiges unterscheidet ihn wohlwollenden von den meisten (pseudo-)historischen Romanen, mit denen der Buchmarkt zur Zeit ertränkt wird.

Erstens beruht das Buch auf historisch recherchierten und korrekten Fakten. Bis ins kleinste hinein.

Dann ist es keiner dieser tumben „Frauenromane“, in denen meist irgend eine Frau versucht, etwas Ungewöhnliches zu tun, um aus ihrer Gesellschaftlichen Rolle auszubrechen.

Drittens ist die Sprache des Buches, bis auf oben genannte Schwäche, gut gewählt und angemessen. Was leider selbst im historischen Bereich keine Selbstverständlichkeit ist.

Viertens ist das Buch spannend und unterhaltsam und berührend erzählt.

Das Buch ist also lesenswert. Und es ist gerade zur rechten Zeit auf den Markt gekommen, um als unterhaltsame Lektüre für die länger werdenden Herbstabende zu dienen. Und es ist auch die Ausstattung mit seidenem Lesebändchen, die beim Lesen viel Freude bereitet.


http://www.luebbe.de/

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