Donnerstag, 31. Dezember 2009

ES WERDE LICHT

Die Nacht
schenkt silberne Blumen
und kalten Wind.

Die hohen Sterne
schweigen
über den Bergen,

und allein
der aufgehende Mond
verkündet:
"Es werde Licht."


Anmerkung:
Mit diesem Gedicht möchte ich mich bei allen bedanken, die meiner Familie und mir in den letzten schweren Wochen mit Rat, Tat, Hilfe, Unterstützung und Trost zur Seite gestanden haben.
Und mein Dank gilt auch Euch, liebe Leserinnen und Leser, für eure lieben Worte und für eure Treue.

Semper Fidelis,
Ilka Lohmann

Samstag, 26. Dezember 2009

Dieser Blog schläft nicht ein

Liebe Freunde und Leser!
Nein, ich werde diesen Blog nicht einschlafen lassen. Ich muß ihn nur leider ein wenig ruhen lassen, weil die Zeiten nicht leicht werden.
Aber ich werde nicht aufgeben.

Wie ich geschrieben habe: Weit und weiter über den Asphalt der Seele gehen.
Auch wenn der Weg manchmal länger wird und steiniger, als man es erhofft.

Hilde Domin schreibt: Der Wunsch, verschont zu bleiben, taugt nicht.
Es taugt nur, und das sage ich, der Wille, es zu überstehen und zu lernen und weiser zu werden und reicher an Erfahrung.

Denkt an mich, so wie ich an euch denke - an die von euch, die ich kenne, und an die, die ich nicht kenne, denn Fremde sind manchmal nichts anderes als Freunde, denen man noch nicht begegnet ist.

Liebe Grüße,
Eure Ilka!

Sonntag, 29. November 2009

Zum 109. Todestag von OSCAR WILDE (1854 bis 1900)

REQUIESCAT
by

Oscar Wilde

Tread lightly, she is near
Under the snow,
Speak gently, she can hear
The daises grow.

All her bright golden hair
Tarnished with rust
She that was young and fair
Fallen to dust.

Lily-like, white as snow,
She hardly knew
She was a woman, so
Sweetly she grew.

Coffin-board, heavy stone,
Lie on her breast;
I vex my heart alone,
She is at rest.

Peace, peace; she cannot hear
Lyre or sonnet;
All my life's buried here,
Heap earth upon it.




Samstag, 28. November 2009

NEUES: Aus der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands

Wohnt man als Thüringer Katholik nicht gerade im Eichsfeld, hat man es nicht leicht, seinen Glauben zu leben. Die Gemeinden sind klein, die Arbeitspläne der Pfarrer sind übervoll und weit ist der Weg bis zur nächsten Kirche. Das ist das Leben in der Diaspora. Die Folgen des Augsburger Religionsfriedens sind eben noch immer deutlich spürbar - auch im 21. Jahrhundert.

Wie es allerdings scheint, droht den evangelischen Gläubigen bald ein ähnliches Schicksal. Ilse Junkermann, die neue Landesbischöfin, will ihre Kirche ökonomisieren, und sie geht dabei recht radikale Wege. So plant sie, Gottesdienste nur noch ab einer "Mindestzahl von zehn Gläubigen" feiern zu lassen (Thüringer Allgemeine vom 28. November, Seiten 1 und 3). Diese Zahl habe sie der jüdischen Tradition entnommen.
In der jüdischen Tradition ist eine Gemeinde erst dann vollzählig, wenn sie aus zehn Männern besteht. Frauen und Kinder zählen dabei nicht mit. Man nennt das einen Minian. Bestimmte kultische Handlungen verlangen diesen Minian - beispielsweise die Feier der Jahrzeit (der erste Todestag) oder der Bar Mizwa.

Schön und gut, wenn sich Frau Junkermann auf die jüdische Tradition beruft. Aber warum zehn Gläubige? Warum nicht zwölf - entsprechend der Anzahl der Apostel? Letzteres natürlich exlusive des Priesters bzw. der Priesterin.
Oder warum sich nicht auf die "heidnischen Wurzeln" besinnen und neun Gläubige vorziehen. Neun war im Glauben der Kelten und der Germanen die Zahl der guten Gemeinschaft.
Oder warum nicht sieben Gläubige? Wie die sieben Gaben des Heiligen Geistes, die sieben Hauptsünden oder die Sieben Freuden Mariae?

Frau Junkermann führt weiterhin aus, daß es zwar immer möglich sei, Andachten abzuhalten, jedoch "für einen fröhlichen Gottesdienst in der Gemeinde soll es immer eine Mindestanzahl geben." (TA, 28. 11. 2009, S. 3)
Gottesdienst aber ist weder eine Frage der Anzahl der Anwesenden, noch der Fröhlichkeit. Im Mittelpunkt sollte das Wort Gottes stehen, und vielleicht könnte sich die Evangelische Kirche auch auf das Beispiel des Heiligen Franziskus besinnen, der den Vögeln predigte.

Seltsam nimmt sich aus, wie sich die Evangelische Kirche in dieser Frage von ihren eigenen Wurzeln entfernt. Das Kirchenschisma begann, weil die Anhänger Luthers und vieler anderer Prostestanten vor ihm - wie Calvin oder Zwingli - die Bibel nach ihrem Wort auslegen und ausleben wollten. Sie wollten die Bibel wörtlich nehmen und getreu dem Vorbild Jesu Christi leben.

(Anmerkung: Doch ganz so bibeltreu war auch Luther nicht, der gleich zu Anfang den Jakobusbrief zur "strohenen Epistel" erklärte und die beiden Makabäerbücher aus dem Alten Thestament verbannte.)

Die Bibel, in ihrer wörtlichsten Prägung, nimmt zu der Frage, ab wieviel anwesenden Gemeindegliedern ein Gottesdienst gefeiert werden soll, eindeutig Stellung. Matthäus, 18, 19/20: "Alles, was zwei von euch auf Erden erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen." (Die Heilige Schrift - Einheitsübersetzung)

Ich erinnere mich an meine Jugend, in der ich selbst sehr aktiv in der Evangelischen Kirche tätig war. Der Gottesdienst in unserem Dorf fand im vierzehntägigen Intervall statt, und zehn Gläubige waren, so weit ich mich erinnere, niemals anwesend - außer zu Weihnachten, zur Kirmes und zu Ostern.
Einmal geschah es, daß ich als einziges Kind zur Christenlehre erschien. Die Diakonin wollte mich wieder nach Hause schicken und die Stunde ausfallen lassen. Aber mit obigem Bibelzitat konnte ich sie dazu überreden, die Stunde doch abzuhalten. Und was soll ich sagen: Von all den Christenlehrestunden meiner Jugend ist das die eine, an die ich mich am lebhaftesten erinnere. Vielleicht auch deshalb, weil wir nicht nur zu zweit waren.

Es ist Frau Junkermann zu Ohren gekommen, daß ihr Vorschlag zu einem "mittleren Erdbeben" (sic) in den Gemeinden geführt hat.
Aber was auch geschieht: Gerade in Zeiten wie diesen muß sich die Evangelische Kirche auf ihre Wurzeln besinnen, wenn sie sich nicht verlieren will in der ethischen und religiösen Beliebigkeit der Gegenwart.
Wenn man sich darüber beklagt, daß den Gemeinden die Gläubigen davonlaufen, ist es der falsche Weg, deshalb die gottesdientliche Gemeinschaft beschränken zu wollen und immer weniger Pastoren immer mehr Gemeinden anzutragen. Es ist auch der falsche Weg, die kirchlichen Ansprechstellen zu zentralisieren.
Richtig wäre es, gerade jetzt Gesicht zu zeigen und präsent zu sein, teil zu haben am gemeinschaftlichen Leben der Menschen. Kirche muß immer ein Ort der Zuflucht sein, und sie muß da sein, wo die Menschen sind - egal, wie viele.

"Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Thätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt." So schrieben Marx und Engel schon anno 1848 im "Manifest der Kommunistischen Partei.

Vielleicht ist es ja nicht so, daß die Gläubigen den Gemeinden davonlaufen, sondern daß es vielmehr die kirchliche Obrigkeitist, die sich von den Gläubigen entfernt.

Literatur:
"Einander Mitmenschen sein - Im TA-Redaktionsgespräch: Ilse Junkermann, Landesbischöfin der Evangelischen Kirche", Thüringer Allgemeine vom 28. November 2009, Seite 3
"Die Heilige Schrift - Einheitsübersetzung" (1981), Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH Stuttgart

Freitag, 27. November 2009

AUSRUF IM REGEN


Ich bin der Regenbogen,
durch mich fällt das Licht.


Ich bin die Brücke,
die alles verbindet,
was diesseits
und jenseits
dieser Nacht
auf uns wartet.

Montag, 23. November 2009

WEIL ICH EIN SCHATTEN BIN

Wei ich ein Schatten bin,
beinahe ein Flüstern,
und die Wellen rühren sich kaum,
wenn ich darüberschreite.

Weil ich das Dämmern bin,
vom Tage zag berührt
und versunken in der Nacht.

Kein Vogel fällt vom Himmel,
wenn ich schreie.

Montag, 16. November 2009

REGENLIED

Im Regen
schlafen
die Krähen auf den Feldern.
Sie sitzen und warten
und zählen die Wolken,
die über ihnen
wandern.

Sie fliehen nicht
vor dem Sturm
und
schweigen.

So still -
und der Abend kommt,
und der Regen,
Regen,
Regen, der lautlos

niedergeht.

Mittwoch, 11. November 2009

DER SEELE PFLASTERSTEINE


Weit und weiter mit der Nacht
über den Asphalt der Seele gehen.
Laut ins Dunkel die Schritte hallen lassen
und nicht fragen, wohin.

Und unterwegs
den Staub der Jahre sammeln
in Krügen aus Ton,
die leichthin zerschellen.

Und niemals ankomme,
weil nach jeder Biegung
neue Klüfte
sich dem Blick erschließen.

Und am Ende fallen
ganz tief hinein
in das Licht und die Ewigkeit.

Weit und weiter unter den Füßen
die Pflastersteine der Seele,
die Hoffnung, die verloren geglaubte,
immer bei sich tragend,
und nicht fragen, warum.



Literatur:
Ilka Lohmann
"Der Seele Pflastersteine"
UND-Verlag Stadtroda, 2006

Dienstag, 10. November 2009

DIE WORTE DES GLAUBENS (von Friedrich Schiller)

Friedrich Schiller (1759 bis 1805) zum 250. Geburtstag




Drei Worte nenn' ich euch, inhaltschwer,
Sie gehen von Munde zu Munde,
Doch stammen sie nicht von außen her;
Das Herz nur gibt davon Kunde.
Dem Menschen ist aller Werth geraubt,
Wenn er nicht mehr an die drei Worte glaubt.

Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei,
Und würd' er in Ketten geboren,
Laßt euch nicht irren des Pöbels Geschrei,
Nicht den Mißbrauch rasender Thoren!
Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht,
Vor dem freien Menschen erzittert nicht!

Und die Tugend, sie ist kein leerer Schall,
Der Mensch kann sie üben im Leben,
Und sollt' er auch straucheln überall,
Er kann nach der göttlichen streben,
Und was kein Verstand der Verständigen sieht,
Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüth.

Und ein Gott ist, ein heiliger Wille lebt,
Wie auch der menschliche wanke;
Hoch über der Zeit und dem Raume webt
Lebendig der höchste Gedanke,
Und ob Alles in ewigem Wechsel kreist,
Es beharret im Wechsel ein ruhiger Geist.

Die drei Worte bewahret euch, inhaltschwer,
Sie pflanzet von Munde zu Munde,
Und stammen sie gleich nicht von außen her,
Euer Innres gibt davon Kunde.
Dem Menschen ist nimmer sein Werth geraubt,
So lang er noch an die drei Worte glaubt.

Montag, 9. November 2009

ABSCHIED (Joseph Freiherr v. Eichendorff)

Blick auf die Dornburger Schlösser

O Täler weit, o Höhen,
O schöner, grüner Wald,
Du meiner Lust und Wehen
Andächtger Aufenthalt!
Da draußen, stets betrogen,
Saust die geschäftge Welt.
Schlag noch einmal die Bogen
Um mich, du grünes Zelt!

Wenn es beginnt zu tagen,
Die Erde dampft und blinkt,
Die Vögel lustig schlagen,
Daß dir dein Herz erklingt:
Da mag vergehn, verwehen
Das trübe Erdenleid,
Da sollst du auferstehen
In junger Herrlichkeit!

Da steht im Wald geschrieben
Ein stilles, ernstes Wort
Von rechtem Tun und Lieben,
Und was des Menschen Hort.
Ich habe treu gelesen
Die Worte, schlicht und wahr,
Und durch mein ganzes Wesen
Wards unaussprechlich klar.

Bald werd ich dich verlassen,
Fremd in der Fremde gehn,
Auf buntbewegten Gassen
Des Lebens Schauspiel sehn;
Und mitten in dem Leben
Wird deines Ernsts Gewalt
Mich Einsamen erheben,
So wird mein Herz nicht alt.

Anmerkung:
Ich bin heute von diesem Gedicht sehr berührt worden, und aus diesem Grund wollte ich es meinen eigenen Texten zugesellen.

Sonntag, 8. November 2009

UFER UND FLUSS


Die Saale bei Dornburg

Das Ufer fragte den Fluß: "Überall, wohin ich gehe, gehst auch du hin. Folge ich dir, oder folgst du mir?"
Da erwiderte der Fluß: "Ich folge dir nicht, und ebensowenig folgst du mir. Wir beide haben nur den gleichen Weg."

Samstag, 7. November 2009

Mein Lieblingsbaum


Er ist noch nicht alt. Wenige Sommer und Winter sind durch seine Äste gegangen. Sie hatten ihn vor dem Feld gepflanzt, nachdem die Pappeln gefallen waren. Er ist noch zu jung, um Schatten zu spenden, und auch die Vögel bauen sich noch keine Nester in seinen zarten Zweigen.
Aber die Katzen lieben ihn. Die Kleinen können schon fast seinen Stamm umfassen, und sie klettern an ihm empor, um zu sehen, wer der Schnellste von ihnen ist, und ihm Herbst spielen sie in dem goldenen Laub, das zu seinen Füßen liegt.

Eine junge Buche. Ich sehe sie vor meinem Fenster, wenn ich am Schreibtisch sitze und denke. Dann lehne ich mich nach vorn und beobachte den Wind, der an den Blättern reißt, bis sie fallen.
Ich sehe ihn Jahr um Jahr, sehe, wie er wächst, wie er lebt und atmet.
Irgendwann werden auch die Vögel zu ihn finden.
Er kann groß werden und mächtig, wenn wir ihn lassen.

Samstag, 31. Oktober 2009

Dienstag, 27. Oktober 2009

GRAVENSTEINER


Der Apfelbaum, den meine Mutter pflanzte im Sommer, ehe sie ging, trägt in diesem Jahr zum ersten Mal Frucht. Rot leuchten die herabgefallenen Äpfel im Gras. Rot und grün prangen die anderen an den Zweigen.
Gravensteiner. Eine alte Sorte. Lieblich im Duft, süß und saftig im Geschmack. Schiller war es, der immer einige dieser Äpfel im Schubfach seines Schreibtisches dem Verfall überließ, weil der Geruch seine Sinne beflügelte.
Gravensteiner sind selten geworden. Beim Händler findet man sie nicht. Sie lassen sich nicht lagern und verderben schnell. Sie sind wie der Sommer: Sie haben ihre Zeit, dann verschwinden sie, und wir müssen warten, bis der Kreislauf des Jahres sie zu uns zurückbringt.
Ein Gravensteiner Apfel ist ein Augenblick der Hingabe; es ist der vergängliche, flüchtige Genuß der Zeit, der nur als verbleichende Erinnerung bei uns bleiben kann.
Ich einen der roten Äpfel, der im Grase liegt, auf. Ich rieche ihn. Dieser liebliche Duft, den er verströmt, für den jedes Wort zu klein ist. Dann beiße ich hinein.
Ich koste ihn – diesen Augenblick, diesen Apfel.


Samstag, 24. Oktober 2009

JENSEITS DES FLUSSES

Ich sehe
Nebel und Feuer
jenseits des Flusses.

Ich höre sie rufen
und ihre Lieder.

Sie tanzen so frei
unter Eschen und Weiden.

Sie haben
keine Blicke
für meinen
sterblichen Leib.

Ich gehe nicht
zu ihnen hinüber
Mit Asche tilge ich
meine Spuren
von den Wegen,

und ich hoffe
im Stillen,
daß auch sie
meiner
vergessen werden.

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Mittwoch, 21. Oktober 2009

DREI HAIKUS über den Herbst

Der Rabe breitet
weit seine Schwingen aus und
gleitet über das Feld.

Schritte übers Gras.
Es knistert unter den Füßen
der silberne Rauhreif.

Über den Gärten
steigt schon der weiße Rauch auf.
Der Sommer verbrennt.

MORGENIMPRESSIONEN vom 21. Oktober 2009





Montag, 19. Oktober 2009

HELDENLIED

Erst nach dem Sieg
oder der
Unüberwindlichkeit
der Niederlage
endet
das Heldenlied.

Donnerstag, 15. Oktober 2009

Am Brunnen vor dem Tore - Wilhelm Müller

16. Oktober 2009 | Apolda

Am Brunnen vor dem Tore
Ein Abend mit Wilhelm Müller - zum 215. Geburtstag des Dichters

Apolda, Schloß Apolda, 20 Uhr (Einlaß 19 Uhr)

Eine literarisch-musikalische Soiree mit Ilka Lohmann (Rezitation), Nicole Gleitsmann (Gesang) und Georg Lohmann (Klavier). Texte von Wilhelm Müller und Musik von Schubert, Brahms und anderen.

"Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum..." Eine der unsterblichsten und schönsten Zeilen der deutschen Literatur. Jeder kennt das stille, traurige Lied von enttäuschter Hoffnung und verlorener Heimat.
Doch wer ist der Dichter, aus dessen Feder diese Zeilen stammen? Sein Name ist Wilhelm Müller. Kein Name, der Aufmerksamkeit auf sich zieht. Neben Eichendorff, Uhland und Lenau zählt Müller zu den begabtesten Dichtern der Romantik, und seine Gedichtzyklen "Die Schöne Müllerin" und "Die Winterreise" dienten Franz Schubert zur Grundlage für die schönsten Melodien klassischer Musik.
Heinrich Heine bekannte, keinen Liederdichter neben Goethe so sehr zu lieben wie Müller, und er lobte in dessen Versen den reinen Klang und die wahre Einfachheit.

Eintritt: 5 € Vorverkauf, 6€ Abendkasse. Kartenvorverkauf ab 24.08.2009 in der Tourist-Information Apolda, Markt 1, 99510 Apolda.

Donnerstag, 8. Oktober 2009

Herbst in einer mittelthüringischen Kleinstadt anno 2009







SIEBEN HAIKUS

Kupferner Himmel
Dunkel über dem Heiligen Berg.
Einbruch der Nacht

Abendsonne über dem Berg,
mild ist die klare Luft.
Aus dem Tal steigt Kühle.

Nacht über dem Wald.
Der Weg liegt in Dunkelheit.
Am Himmel leuchten die Sterne.

Abgeerntetes Feld,
kühler Abendwind.
Ein Bussard im Sturzflug.

Früher Morgen.
Tau liegt auf den Bäumen.
Die Meisen fliegen vorüber.

Windstille.
Kein Rauschen im Kastanienbaum.
Auf dem Zweig ein Rotkehlchen.

Mittagsnebel über dem Feld.
Eine Windbö erhebt sich.
Raben fliegen auf.

Dienstag, 6. Oktober 2009

DER INQUISITOR

„Jeder Mensch ist ein Ketzer“, sagte der Inquisitor. „Meine Aufgabe ist es, sie zu überführen, und ich überführe jeden.“
Der Gelehrte, der mit ihm war, schüttelte den Kopf. „Wie kannst du so etwas sagen?“
„Ich sage es, weil es wahr ist“, beharrte der Inquisitor und lächelte den Gelehrten herausfordernd an. „Man gebe mir drei Zeilen des aufrechtesten Menschen der Welt, und ich finde darin etwas, das ihn an den Galgen bringt.“
„Also gut“, meinte der Gelehrte. Er nahm ein Blatt Pergament und eine Feder zur Hand und schrieb die Worte nieder: „Eins und Eins ergibt Zwei.“ Dann reichte er das Blatt dem Inquisitor.
Der Inquisitor las die Zeile durch und runzelte nachdenklich die Stirn. Er hob den Blick, und ein boshaftes Funkeln leuchtete in seinen Augen. Langsam sprach er: „So. Du leugnest die Dreieinigkeit Gottes? Ich fürchte, ich muß dich verhaften.“

Samstag, 5. September 2009

Tage und Stunden

Wo sind all die Stunden, da wir sangen,
und die Freude lachend uns umspann,
als der Tag wie süßer Wein zerrann,
bis zur Mitternacht die Lieder klangen?

Wo sind all die Tage, da wir klagten,
endlos unsre Tränen niederflossen,
wir der Wehmut bitt'ren Kelch genossen
und allein selbst nicht zu flüstern wagten?

Wenn auch bitt're, dunkle Stunden fallen -
tiefes Wissen regt sich in uns allen:
Nicht von Dauer ist, was uns erfreut.

Nicht von Dauer ist, was tief uns quält,
Schmerz und Lust, sie sind der Zeit vermählt
und vergehen, wenn sich Tag erneut

Gebet

Herr,
gib deinen Kindern stärkere Herzen,
wenn sie frieren,
und nur die Nacht ihre Namen kennt!

Gib ihnen
Hände, die zart sind,
und einen Blick,
offen wie der Himmel!

Gib ihnen Tränen aus Salz
und eine Hoffnung,
wenn es Abend wird,
und einen Steinen,
daran sie sich ketten können!

Gib deinen Kindern
stärkere Herzen!
Gib ihnen
Herzen aus Wasser,
denn sie höhlen
steinerne Seelen.

Mittwoch, 2. September 2009

Friedrich Schiller in Apolda

Letzte Woche, genauer gesagt am 27. August 2009, hatte ich die Ehre, in meiner Heimatstadt eine Schiller-Lesung mitgestalten zu dürfen. Ich rezitierte einige Gedichte des Meisters und komplettierte auf diese Weise den lehrreichen und spannenden Vortrag von Dr. Egon Freitag von der Stiftung Weimarer Klassik, der über Schillers Leben berichtete und viele heitere Anekdoten berichten konnte.

Trotz der Hitze des Tages war die Veranstaltung gut besucht, und das Publikum lauschte aufmerksam und gebannt den Vorträgen.

Es war für mich sehr angenehm, mich auf diese Weise einmal mehr den Texten Schillers nähern zu können.
Ich kenne Schillers Gedichte und Dramen seit meiner Kindheit, und seit meiner Kindheit liebe ich sie. Schiller ist ein Dichter der Offenbarung, der Freiheit, der Rechtschaffenheit. Besonders sind seine Texte nicht nur durch ihre Schönheit, den Glanz der Sprache, den meisterlichen Stil, sondern auch deshalb, weil immer ein Quantum Weisheit seinen Worten beigegeben ist.
Schillers Schicksal war es, ein Kämpfer zu sein - für die Freiheit, das Glück und das eigene Wohlergehen. Weil er selbst zeitlebens von vielen Fesseln gebunden war, wußte er die Freiheit nur um so mehr zu schätzen.
Es ist so: Wer sich nicht rührt, spürt seine Ketten nicht. Schiller rührte sich und rüttelte an seinen Banden, und darin ist er uns Vorbild.

Nicht hinnehmen und schweigen, sondern die Stimme erheben.

"Du mußt glauben, du mußt wagen,
denn die Götter leihen keinen Pfand;
nur ein Wunder kann dich tragen
in das schöne Wunderland."
(Friedrich Schiller: "Die Sehnsucht")

Montag, 31. August 2009

Abschied vom alten Haus

Zum letzten Mal gehe ich durch das leere Haus. Die Möbel sind schon längst beiseite geschafft. Dick liegt der Staub auf dem Boden, und Spinnweben verdunkeln die Fenster.
Der alte Mann sitzt auf dem letzten verbliebenen Lehnstuhl. Er wendet den Blick ab, als ich zu ihm trete. Hier habe er gelebt, hier werde er sterben, sagt er; und ich verstehe. Schweigend lege ich meine Hand auf seine Schulter, dann verlasse ich das Zimmer.
Ein Rascheln ist aus den anderen Räumen zu vernehmen. Ratten und anderes ekles Getier – alle haben sich prächtig eingenistet, und ich bin froh, daß ich hier nicht bleiben muß, aber ich bedauere sie, weil sie keine andere Wohnstätte haben, indessen ich an den Pforten der Welt mit weit ausgestreckten Armen zum Himmel aufblicken kann.
Ich gehe hinaus und schließe zum letzten Mal hinter mir die Tür zu. Der Schlüssel wiegt schwer in meiner Hand, doch ich stecke ihn zurück in meine Tasche. Mag er noch eine Weile bei mir bleiben. Er wird mir Erinnerung sein, bis die Bilder verblaßt sind.
Über die Stadt ist die Dämmerung gezogen. Ein Schwarm aus Graugänsen fliegt dem Norden entgegen, und ich schlage die andere Richtung ein.
Bald liegt die Straße hinter mir. Einmal noch, ehe ich um die Ecke biege, wende ich mich um. Tot ist das Haus seit Jahren. Die Zeit wird es begraben, und alles wird gut sein.
Ein Lied kommt mir in den Sinn und ich singe es leise vor mich hin, während meine Schritte über den Asphalt hallen. Schon habe ich den Ort vergessen, an dem das Haus stand. Es war doch nur eine leblose Ruine. Bald werde ich auch die Straße vergessen haben, und dann wird auch kein zukünftig zufälliger Weg mich hier vorüberführen.
Ich sehe die Lichter in den anderen Häusern brennen. Dort leben Menschen.
Ich gehe weiter, bis es Nacht wird und ich die Stadt hinter mir zurückgelassen habe. Tausend Sterne und tausend fremde Städte liegen vor mir.
Ich gehe. Ich singe, und ich danke dem Herrn, der alles so treulich gefügt hat.

Sonntag, 30. August 2009

HEUTE IST EIN GUTER TAG

Heute ist ein guter Tag,
weil die Blumen im Gras
leis mit dem Morgen singen
und der Regen
nur verhalten
über den Dachfirst rinnt.

Freitag, 21. August 2009

FEUERMANN

Mann mit der Fackel,
wie Glas zerbricht
das Feuer auf den Steinen.

Du bist der weite Himmel
und wölbst dich
über mich.

Ich atme,
du hältst mich!
Ich falle,
du singst
mir
einsam
ein hölzernes Lied.

Donnerstag, 20. August 2009

CAFETERIA

oder
Das unpersönliche Frühstück


Ohne Kaffee
kann ich keinen Gedanken weitergehen,
und jedesmal, wenn ich ausatme,
beschlägt meine Brille.
Vollkorn zum Frühstück.
Ich lasse mir von der Schwerkraft
das Ei vom Brot nehmen.
Es riecht nach Senf,
und die Petersilie war gestern noch frisch.
Radieschen auf Käse -
die letale Dosis
mit Gurkenscheibe.


Anmerkung:
Dieses Gedicht kann sich in seiner Gänze nur demjenigen erschließen, der die alte Cafeteria des Universitätshauptgebäudes der Friedrich-Schiller-Uni Jena kennt.
Ich habe dieses Gedicht heute durch Zufall in einem alten Buch wiedergefunden, und ehe ich diesen verliere, will ich es dem virtuellen Raum anvertrauen. Das Internet vergißt schließlich fast nichts.
Es sei also nichts weiter, als eine kleine Reise in die Vergangenheit.

MONDMANN

Mondmann,
ich bewerfe dich mit Kot!

Lach nur
über meine Schmerzen.

Du wirst verglühen
wie Tau,
und ich
bin die Schwalbe,
die singend davonfliegt.

Donnerstag, 30. Juli 2009

Harigasts Leichenbrand

Harigast der Starke war in der Schlacht gefallen, und seine Söhne richteten ein großes Fest aus, um seiner zu gedenken.
Vor den Augen vieler ruhmreicher Krieger wurde Harigasts Leib dem Feuer übergeben, und als das geschah, wehklagte keiner lauter und schmerzerfüllter als Wendil der Mächtige. Er zerriß seine Kleider, raufte seine Haare und rieb sein Fleisch mit spitzen Steinen.
Da traten Harigasts Söhne zu ihm und fragten ihn: "Warum klagst du so und bist so voller Trauer? Unser Vater war doch dein eingeschworener Feind."
"Ja, das war er", erwiderte Wendil. "Doch kein anderer lehrte mich, so trefflich zu kämpfen wie er."

Montag, 13. Juli 2009

APHORISMUS III

(Mit lieben Grüßen an Lars B.)

Die Menschen sind wie Wein.
Die einen reifen heran mit der Zeit,
die anderen, bei schlechter Lagerung, werden sauer.

Samstag, 11. Juli 2009

ZUM ABSCHIED

(für .....)

Diese unfaßbaren Worte.
daß du nicht mehr bist,
daß deine Lieder
nun anderen Welten erklingen.

Draußen ist Nacht,
und still geworden
ist's in der Welt.

Ich gehe hinaus,
schreibe Gedichte
für furchtsame Sommervögel
und höre den Winden in den Erlen.

Soll das Leben
einfach so weiter gehn?

Müde warest du,
als wir einander
zum letzten Mal trafen.
Du fuhrst vorüber
und winktest mir zu.

So viele Tage,
da du nicht
in meinen Gedanken warst.

Der Tod
bringt dich
näher zu mir -
wie alle,
die ich liebe.

Wir sehn uns wieder,
mein Freund.
Wir sehn uns wieder,
wenn es dunkel wird.

Montag, 29. Juni 2009

AUS DER ENDLOS SCHAUKELNDEN WIEGE

(Übersetzung - frei nach Walt Whitman)

Aus der endlos schaukelnden Wiege,
aus der Kehle der Spottdrossel, dem singenden Weberschiff,
aus der Mitternacht des neunten Monats,
über den fruchtlosen Sand und den jenseitigen Felder, wo das Kind,
dem Bett entsprungen, einsam wanderte, barhäuptig, barfüßig,
hinab von dem glänzenden Heiligenschein,
hinauf zum mystischen Spiel der Schatten, die windend und drehend, als
wären sie am Leben,
aus den Büschen der Heckenrosen und Brombeeren,
aus der Erinnerung des Vogels, der mir sang,
aus deinen Erinnerungen, trauriger Bruder, aus dem unsteten Steigen und Fallen, das ich hörte,
hervor unter dem gelben Halbmond, der spät sich erhob und wie von Tränen verquollen,
aus den ersten Tönen von Sehnsucht und Liebe dort im Nebel,
aus den tausend Erwiderungen meines Herzens, die nie enden werden,
aus den Myriaden dort erhobener Worte,
aus dem Wort – stärker und süßer als alle anderen,
aus all dem, als würden sie den Ort aufs Neue besuchen,
diesseits geboten, ehe alles mir auswich und davon eilte,
ein Mann, der doch in seinen Tränen wieder der Junge ist –
werfe ich mich in den Sand und den Wellen entgegen,
ich, der Sänger von Schmerz und Lust, der das Jetzt und das Später verbindet,
der jeden Fingerzeig ergreift und verwendet, doch geschwind darüber hinweg geht
und eine Erinnerung singt.

Einst der Paumanok.
als der Fliederduft die Luft erfüllte und das Gras des fünften Monats sproß.
Über dem Meeresstrand in den Heckenrosen,
zwei gefiederte Gäste aus Alabama, zwei zusammen,
und ihr Nest, und vier Eier – hellgrün mit brauen Flecken,
und jeden Tag flog der Vogelmann hin und her,
und jeden Tag saß die Vogelfrau in ihrem Nest, still, mit leuchtenden Augen,
und jeden Tag ich, der neugierige Junge, nie zu nah, der sie nie störte
und vorsichtig zu ihnen lugte, der ihre Lieder trank und übersetzte.

Leuchte! Leuchte! Leuchte!
Ergieße auf uns dein Licht, Sonne,
dieweil wir uns darin wärmen, wir beiden zusammen.

Wir beide zusammen!
Winde wehen von Süden, Winde wehen von Norden,
Tag kommt weiß, Nacht kommt schwarz,
Heimat, die Flüsse und Berge der Heimat,
singend die ganze Zeit und die Zeit vergessend,
dieweil wir zusammen sind.

Doch dann unerwartet,
vielleicht getötet, unbekannt dem Gefährten,
saß eines Vormittags die Vogelfrau nicht mehr in ihrem Nest,
sie kam nicht zurück an diesem Nachmittag, auch nicht am nächsten,
und nie kehrte sie wieder.

Von da an, den Sommer hindurch im Rauschen des Meeres,
und des Nachts unter dem vollen Mond in ruhigerem Wetter,
über den heißeren Wogen des Meeres
oder flatternd tags von Heckenrose zu Heckenrose
sah ich, hörte ich den Zurückgebliebenen, den Vogelmann,
den einsamen Gast aus Alabama.

Weht! Weht! Weht!
Weht auf, Winde vom Meer, über das Ufer des Paumanok!
Ich warte und warte, bis ihr meine Gefährtin zur mir zurück blast.

Ja, als die Sterne funkelten,
saß die ganze Nacht hindurch auf den Spitzen der moosbewachsenen Pfähle,
beinahe inmitten der schlagenden Wellen,
der einsame, zu wundervollen Tränen rührende Sänger.

Er rief nach seiner Gefährtin,
er vergoß die Worte, die nur ich unter allen Menschen verstand.
Ja, mein Bruder, ich weiß es,
der Rest mag es nicht, aber ich bewahrte jeden Ton,
Denn mehr als einmal glitt ich hinunter zum Strand,
still, im Dunkel des Mondlichts, mich selbst blendend mit den Schatten,
nun erinnere ich mich der düsteren Formen, der Echos, der Geräusche, der Seufzer,
alle nach ihrer Nacht,
der weißen Arme der unermüdlichen Brandung,
als ich, mir bloßen Füßen, ein Kind, den Wind in meinem Haar,
lauschte lange und lange.

Ich lauschte, um zu bewahren, um zu singen, um die Töne zu übersetzen,
dir folgend, mein Bruder!

Sanft! Sanft! Sanft!
Die Welle besänftigt die Welle, die ihr folgt,
und diese umarmt die nächste,
aber meine Liebe besänftigt mich nicht, mich nicht!

Tief hängt der Mond, spät ist er aufgegangen.
Er zögert, oh, ich denke, das Herz ist ihm schwer vor Liebe, vor Liebe,
Oh irrsinnden legt sich die See über das Land
mit Liebe, mit Liebe.

Oh Nacht, ich sehe meine Liebe nicht mehr über der Brandung flattern.
Was ist das schwarze Ding, das ich sehe über dem Weiß?

Laut! Laut! Laut!
Laut rufe ich nach dir, meine Liebe!
Hoch und klar werfe ich meine Stimme über die Wellen,
du mußt doch sicher wissen, wer dich ruft, dich ruft!
Du mußt doch wissen, daß ich es bin, meine Liebe!

Tief hängender Mond!
Was für ein Schatten verdunkelt dein gelbbraunes Antlitz?
Oh, es ist der Schatten, der Schatten meiner Gefährtin!
Oh Mond, halt sie doch nicht länger fern von mir!

Land! Land! Land!
Wohin ich mich auch wende, o, ich denke, du kannst mir meine Gefährtin zurück geben,
wenn du es nur wolltest!
Denn beinahe bin ich mir sicher, daß ich sie erblicke, wohin auch immer ich schaue!

O ihr aufsteigenden Sterne!
Vielleicht wird die eine, die ich so begehre, sich mit euch erheben!

Oh Kehle! Oh zitternde Kehle!
Klarer mußt du durch die Atmosphäre tönen,
durchdinge den Wald, die Erde,
irgendwo lauscht die eine und kann dich vernehmen!

Singt doch die fröhlichen Lieder!
Hier Einsamkeit, die fröhlichen Lieder der Nacht!
Die fröhlichen Lieder der einsamen Liebe! Des Todes fröhliche Lieder!
Fröhliche Lieder unter dem zögernden, gelben, schwindenden Mond!
Oh, unter dem Mond versinkt sie beinah ins Meer!
Oh, ruhelose, fröhliche Lieder der Verzweiflung!

Doch sanft! Sinke nieder!
Sanft! Laß mich nur murmeln!
Und willst du nicht inne halten, du heißer rauschende See,
denn ich glaube, ich höre die antwort meiner Gefährtin!
So leise, ich muß inne halten, inne halten,
doch nicht zu sehr, sonst kommt sie nicht
sogleich zu mir zurück.

Hierher, meine Liebe!
Hier bin ich! Hier!
Mit dieser gerade noch tönenden Note verkünde ich mich selbst für dich,
dieser sanfte Ruf gilt dir, meine Liebe, gilt dir!

Bleib doch nicht zurück!
Das Rauschen des Windes ist nicht meine Stimme,
Dort ist der Meerschaum, der mit seinen Flügeln schlägt,
Und das sind die Schatten der Blätter!

Oh Dunkelheit! Vergeblich!
Oh, ich bin krank und sorgenvoll.

Ein brauner Schimmer im Himmel, nahe dem Mond, sinkt über das Meer!
Oh sorgenschweres Spiegelbild des Meeres!
Oh Kehle, oh blutendes Herz!
Und ich singe vergeblich, vergeblich durch die Nacht.

Oh Vergangenheit! O glückliches Leben! Oh Lied der Freude!
In der Luft, in den Wäldern, über den Äckern!
Geliebt, geliebt, geliebt, geliebt, geliebt!
Doch meine Gefährtin ist nicht mehr, nicht mehr bei mir!
Wir zwei sind nicht mehr zusammen.

Der Gesang versinkt
doch alle bleibt, wie es ist, und die Sterne leuchten!
Die Winde wehen, die Töne des Vogels hallen unaufhörlich wider,
Die wütende, seufzende alte Mutter seufzt fort und fort.
und der graue Sand vom Ufer des Paumanok rauscht dahin,
der gelbe Halbmond wächst, sinkt nieder, fällt, berührt beinahe
das Antlitz des Meeres.
Der Junge, verzückt, seine nackten Füße umspült von den Wellen,
das Haar umspielt vom Wind,
die Liebe im Herzen, die lang verborgene, die sich nun im Sturm los macht und befreit,
der Sinn des Gesangs, die Ohren, die Seele rasch abgelegt,
die fremden Tränen, die über die Wangen rinnen.
Dort das Gespräch, selbdritt, jeder spricht
nur mit gedämpfter Stimme, die wilde alte Mutter schreit fort und fort,
Und der Seele des Jungen nahen sich mürrisch die Fragen, versunken und zischend,
zu dem aufbrechenden Barden.

Dämon und Vogel (so sprach des Knaben Seele,)
singt du nach deiner Gefährtin, oder singt du nach mir?
Denn ich ein Kind war, und meine Zunge lang noch im Schlaf, doch nun, da ich dich hörte,
weiß ich, wer ich bin und bin erwacht.
Und klingen in mir tausend Sänger und tausend Lieder, klarer, lauter
und sorgenvoller als deine!
Und tausend klingende Schatten haben in mir zu leben begonnen, nie wieder zu sterben.

O, du einsamer Sänger, der du für dich singst und mich entwirfst,
O einsames Ich, nie wieder werde ich aufhören, dir zu folgen.
Nie wieder werde ich fliehen, nie wieder sei der Widerhall,
nie wieder seien die Schreie verlorener Liebe fern von mir,
nie wieder werde ich das friedliche Kind sein, das ich war
vor dieser Nacht.
Durch das Meer unter dem gelben, zagenden Mond
erhoben sich der Bote, das Feuer, die süße Hölle des Inneren,
das unbekannte Verlangen, mein Schicksal.

Oh, weise mir den Weg! (Er verbirgt sich irgendwo in dieser Nacht!
Oh, wenn ich schon so viel haben soll, gib mir noch mehr!

Ein Wort also (denn ich werde es besiegen),
das Letzte Wort, das über allen steht,
zaghaft, das weiter klingt. Wie lautet es? Ich lausche;
Ihr flüstert es, so wie ihr es immer getan habt, Wellen der See?
Stamme es von euren Wassern und dem feuchten Sand?

Wozu antwortend, die See,
nicht zögernd, nicht eilend,
zu mir flüsterte durch die Nacht und die Dämmerung,
zu mir lispelte das tiefe, süße Wort Tod,
und wieder Tod, Tod, Tod, Tod.
singendes Zischen, kein Vogel, kein bebendes Kinderherz,
doch näher sinkend, rauschend zu meinen Füßen,
meine Ohren durchdringend, und reinigend mich sanft umhüllend,
Tod, Tod, Tod, Tod, Tod.

Nie werde ich vergessen.
Ich verschmelze das Lied meines düsteren Dämons und Bruders,
das er im Mondlicht sang über dem grauen Strand des Paumanok,
mit den tausend Liedern der Antwort,
denn in dieser Stunde erwachten meine eigenen Lieder,
und mit ihnen der Schlüssel, das Wort der Wellen,
das Wort des süßesten Liedes und aller Lieder,
das starke, liebliche Wort, das, zu meinen Füßen
(oder gleich dem alten Weib, das an der Wiege, gehüllt in feine Kleider, sich zur Seite neigt)
die See zu mir flüsterte.


Anmerkung:
Für die Original-Version dieses Gedichts empfehle ich das Whitman Archive und folgenden Link:

http://whitmanarchive.org/published/LG/1891/poems/107

Samstag, 27. Juni 2009

GOTT AM WEGE

Wer Gott am Wege trifft,
muß ihn
erschlagen.

Der Rest
ist Schweigen
übers Grenzenlose
der Welt.

Donnerstag, 25. Juni 2009

MITTSOMMER

Hoch steigt die Sonne,
und die Dunkelheit
kehrt zurück
in unsere Fluren.

Kurz und flüchtig -
die Stunden des Lichts.

Ich ahne doch:
wir können es
wie die Schwalben tun.
Immerfort der Sonne folgen
und singe,
als wüßten wir nichts
von Schmerzen.

Aber mein Herz
ist nicht mehr rein,
und lange schon hat
meine Seele
die Unschuld verloren.

Nun liegt über mir
ein Schleier,
ein nachtender Schatten.

Zöge ich auch winters
in die Länder
jenseits des Äquators,
trüge ich dennoch immer
in mir den Frost.

Es gibt
die eine Wahrheit nur,
daß die Welt
nichts anderes ist
als das Abbild
unserer Sünden.

Damit
überlebe ich die Tage.

Und nächtens ahne ich:
Ja, nichts ist von Dauer.
Nicht die Wolke am Firmament,
nicht der mächtige Tschomolungma
und nicht das klagen Seufzen,
daß sich leis meiner Kehle entringt.

So lerne ich,
daß kein Augenblick
dem anderen gleicht,
daß die Sterne über uns
vielleicht schon erloschen sind,
und da0 die Schwalben,
wie seit ewigen Zeiten,
immer wieder
zu uns zurückkehren.

Mittwoch, 24. Juni 2009

WIE MAN BESTEHT

Im Ungewitter
bricht
der Eichenbaum;

das Gras auf den Wiesen
neigt sich
bis zur Erde,
und ist der Sturm vorüber,
steht es unbeschadet
und aufrecht.

Doch blüht
die Eiche
viele hundert Jahre;

und das Gras
welkt dahin,
wenn es Winter wird.

Sonntag, 21. Juni 2009

DIE FISCHE

- Für Alphonse -

Wir waren in den Wald gegangen, nur der Kardinal und ich. Es war ein herrlicher Morgen. Wie die Finger Gottes fiel das Licht der frischen Sonne durch das Geäst der Bäume. Die Luft war erfüllt von den Stimmen der Vögel, vom Duft des Jasmin. Die raschen Hammerschläge eines Spechtes echoten durch den Tann.
An einem Bach machten wir halt.
Der Kardinal spähte hinein in die Wellen und rief: „Glücklich sind diese Fische.“
Wie er darauf käme, fragte ich ihn.
Doch er beachtete meine Frage nicht, lächelte mich an und sagte: „Mir träumte in der Nacht, ich sei Gott. Nun weiß ich nicht mehr: Bin ich ein Kardinal, dem träumte, er sei Gott; oder bin ich Gott, dem träumte, er sei ein Kardinal?“
Dann lief er davon, und seine Gestalt verlor sich zwischen den Bäumen.
Ich setzte mich auf einem Stein am Bachesrand und blickte in die Wellen, und ich erkannte, der Kardinal hatte Recht: Die Fische waren glücklich.

Freitag, 19. Juni 2009

APHORISMUS II

Manchmal genügt es, die Leute zu betrachten, die einem widersprechen,
um zu wissen, daß man recht hat.

Montag, 15. Juni 2009

MEINE SCHULD

Das Schweigen
ist meine Schuld.

Von den Vorübergehenden
wende ich
meinen Blick;
und schwer
sind die Nebel des Sommers.

Es sollte leichter sein,
Atem zu schöpfen -
des Nachts,
wenn die Wasser
still sind
wie fallendes Laub.

Das Schweigen
ist meine Schuld.
Ich sage dir nicht
Lebewohl.

Freitag, 12. Juni 2009

APHORISMUS I



Die Anschauung der Natur
ist der Anfang
aller Erkenntnis.

Dienstag, 9. Juni 2009

WIE DER TAG

Auch du trägst Lieder -
leise wie Veilchenchöre.

Ich lausche
und warte
auf den verlorenen Sommer.

Laß uns sein
wie der Tag

und vorübergehen.


Montag, 8. Juni 2009

DER SCHRECKEN, DIE NACHT UND DER TOD

Es waren einmal der Schrecken, die Nacht und der Tod, die zogen aus, um das Fürchten zu lehren.
Lange wanderten sie durch leblose Gegenden, bis sie zu einem Dorf kamen, das friedlich auf einer Hügelkuppe lag. Dort waren Menschen auf einem großen Platz unter einer Linde zusammen gekommen und feierten ein großes Fest.

„Mein sollen sie sein!“, rief der Schrecken und fuhr den Menschen in die Glieder. Sofort hielten die Tänzer inne, und die Musik verstummte. Voller Angst sahen die Menschen einander an.
Da sprang ein Knabe auf und rief: „Was ist euch, Freunde? Wovor schreckt ihr zurück? Heute ist doch ein Festtag. Er wäre verloren, würden wir uns fürchten!“
Da begannen die Musikanten von Neuen, zum Tanz aufzuspielen, und auch die Tänzer drehten sich wieder im Reigen.
Der Schrecken saß ihnen noch immer in den Gliedern, doch sie tanzten dennoch weiter. Sie tanzten über ihre Furcht hinweg.
So mußte der Schrecken entfliehen.

Da rief die Nacht: „Mein sollen sie sein!“ Sie warf ihre Schatten aus und deckte das Dorf damit zu.
Zuerst schrieen die Menschen voller Entsetzen auf, doch dann erhob sich eine Frau in ihrer Mitte, die ein kleines Kind auf den Armen trug. Sie rief: „Wenn es finster wird, müssen wir uns ein Feuer entzünden, das die Schatten vertreibt!“
So taten es die Menschen. Sie trugen Holz zusammen und setzten es in Brand. Es wurde wieder licht. Die Menschen tanzten um das Feuer herum, und die Nacht mute fliehen.

Da rief der Tod: „Schrecken und Nacht, ihr seid Vorübergehende. Leicht seid ihr zu überwinden. Wollen wir nun sehen, wie die Menschen mit Endgültigkeit umgehen! Mein werden sie sein!“ Und er warf sich selbst über das Dorf und raffte ein Dutzend Menschen dahin. Männer, Frauen, Kinder und Greise – der Tod fragte nicht, wes Alters und Standes sie waren.
Da hob ein großes Wegklagen an unter den Lebenden. Die Toten waren ihre Eltern, Kinder, Geschwister, Freunde und Geliebte, und sie beweinten sie bitterlich. Unstillbar waren ihre Schmerzen.
Da erhob sich unter ihnen ein Greis, alt und gebrechlich, mit schlohweißem Haar und zitternden Händen. Er rief: „Es ist recht, die Toten zu beweinen! Doch begrabt sie, damit sie Ruhe finden! Und vergesst nicht: Sie werden weiter leben in eurer Erinnerung und in der Liebe, die ihr für sie empfindet!“
Da waren die Menschen getröstet. Sie gruben Gräber für die Toten, legten sie darein und stellten Steine darüber, die ihre Namen trugen.
Dann setzen sie sich zusammen und erzählten Geschichten von denen, die nicht mehr waren. Sie weinten um sie, doch sie lachten aus und feierten das Leben.

Da kamen der Schrecken, die Nacht und der Tod wieder zusammen.
„Hier gibt es nichts für uns“, sagten der Schrecken und die Nacht. „Wir werden weiter ziehen.“ Und sie gingen davon.
Der Tod aber sprach: „Ich werden bei ihnen bleiben. Sie haben uns alle bezwungen. Vielleicht kann ich von ihnen lernen.“

Freitag, 10. April 2009

SO LEISE - DAS LICHT




So leise schreitet das Licht
durch unsere
endlichen Tage.






.

Montag, 6. April 2009

SPRACHLOS

DU
ich
DU MUSST
ich sehe
DU MUSST SCHWEIGEN
ich sehe das Licht.

DU
ich
DU MUSST
ich kenne
DU MUSST SCHWEIGEN
ich kenne die Wahrheit

DU
ich
DU MUSST
ich stehe
DU MUSST SCHWEIGEN
ich stehe aufrecht

WEIL WIR DICH ERSCHLAGEN

Ich
stehe
aufrecht

Sonntag, 5. April 2009

DER KLEINE SPATZ

Es lebte einmal ein kleiner Spatz. Der war ein munterer, heiterer Geselle. Den ganzen Tag lang flog er auf und nieder, flatterte über Felder und Wiesen und Wälder und genoß seine Tage. Dabei zwitscherte er, daß es nur so eine Freude war. Und wenn er am Boden nach Körnern pickte, hüpfte er auf seinen Beinchen über die Erde.
Eines Tages aber, da saß er still auf einem Baum und beobachtete einen Schwarm Raben, die über ein Feld glitten – ihre langen Flügel weit ausgebreitet. Der kleine Spatz sah ihnen eine Weile zu, dann schüttelte er den Kopf. Das ging doch nicht an, wie diese Raben flogen! So breitete man doch nicht seine Flügel aus. Er hatte das noch nie getan. Nun, seine Flügelchen waren so klein, daß er nicht weit gekommen wäre, wenn er sie ausgebreitet hätte, doch daran dachte er nicht, weil es ihn zu allem Überfluss gar sehr verärgert, wie die Raben mit langen Beinen über den Acker stolzierten.
„Die meinen wohl, die seien was Besseres als ich“, knurrte der Spatz finster und beschloß, etwas dagegen zu unternehmen.
Er flatterte auf. Die Raben hatten seine Neugier geweckt, und wie er so über das Feld flog, fiel ihm auf, daß da noch andere Vögel waren – Meisen, Amseln, Tauben, Eichelhäher und Spechte. Und jeder dieser Vögel hatte seine eigene Art zu fliegen.
Der Spatz war empört. Wie konnten sie es wagen? Sie machten das doch alle völlig falsch!
Er war ein Meister des Fliegens. Er hatte dieses Handwerk von der Pieke auf gelernt – von jenem Tag an, da ihn seine Mutter aus versehen aus dem Nest gestoßen und seine Geschwister herzlich darüber gelacht hatten. Er aber wußte es besser als sie alle. Er wußte, wie man fliegt. Er durfte es nicht dulden, daß die anderen es falsch machten. Aus seiner großen, unfassbaren Güte heraus faßte er sich ein Herz und einen Plan. Er wollte den Vögeln beibringen, wie man richtig fliegt.

Der kleine Spatz verlor keine Zeit. Noch am gleichen Tag ließ er verbreiten, er habe allen Vögeln etwas sehr wichtiges mitzuteilen, und sie sollten doch alle bei Sonnenaufgang zusammenkommen an der großen Linde in der Mitte des Waldes.

Am nächsten Morgen war es dann soweit. Die Vögel – große und kleine – hatten sich bei der alten Linde versammelt. Es fehlten zwar noch einige, doch da der Spatz kaum etwas von den anderen Vögeln wußte, fiel ihm das nicht auf. Doch um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß man hier ergänzen: Mit Spatzen allerdings kannte er sich sehr gut aus.
Die versammelten Vögel nun zwitscherten und trällerten durcheinander. Viele trafen alte Bekannte wieder, und es gab viel zu reden.
Der kleine Spatz, der keine Freunde hatte, setzte sich auf den höchsten Ast und schrie lauthals um Ruhe.
Doch weil er ein gar zu kleiner Spatz war, und sein Stimmchen allzu leise klang, dauerte es eine ganze Weile, bis er sich die nötige Aufmerksamkeit verschafft hatte. Endlich waren alle Vögel still geworden. Sie hatten sich auf den Zweigen der Linde niedergelassen und blickten den kleinen Spatzen erwartungsvoll an. Nur der Kolibri flatterte noch immer fröhlich hin und her.
Der kleine Spatz blähte gewichtig seine Brust und blickte umher. Er genoß es, daß alle ihn ansahen.
„Nun mach schon, Junge“, rief ein ungeduldiger Zeisig. „Zieh hier keine Show ab, sondern sag uns, warum du uns zusammengerufen hast.“
Der kleine Spatz war ein wenig beleidigt von den unverschämten Worten des Zeisigs. Doch er räusperte sich und begann: „Nun, liebe Freunde, ich habe euch zusammengerufen, um euch zu helfen. Mir ist aufgefallen, daß ihr alle ein sehr schwerwiegendes Problem habt, und ich möchte euch nun beistehen, um es zu lösen.“
„Und was für ein Problem soll das denn sein?“, fragte der Zeisig aufmüpfig. Er war ein gestandener Vogel, der sich nur ungern von einem Spatzen etwas sagen ließ.
„Ihr könnt alle nicht fliegen“, sagte der Spatz und bekräftigte seine Aussage mit einem ernsten Kopfnicken.
Nun lachten die Vögel alle laut auf. Sie konnten vor Lachen gar nicht mehr aufhören, und eine vorwitzige Drossel rief: „Junge, du redest einen Stuß, wie es die Welt noch nicht gehört hat.“
Der kleine Spatz verschränkte mürrisch die Flügel vor der Brust. Zornig schwieg er, bis das Lachen verstummt war. Da war es zwar schon gegen Mittag, aber er ließ sich trotzdem nicht von seiner Mission abbringen.
Trotzig sagte er: „Nun, ihr meint vielleicht, daß ihr fliegen könnt, weil es euch gelingt, vom Boden abzuheben. Aber Fliegen kann man euer lächerliches Geflatter nicht nennen.“
„Und du willst uns also zeigen, wie man es richtig macht?“, rief ein alter Rabe.
„Ja, das will ich!“, rief der Spatz entschlossen.
„Na dann“, meinte der Rabe, „dann laß mal sehen, was du so zu bieten hast.“
Das ließ der kleine Spatz sich nicht zweimal sagen. Er flatterte von seinem Zweig auf und flog auf und nieder. „Schaut her!“, rief er dabei. „So macht man das. Genau so! Schaut her, wie ich fliege!“
Da lachten die anderen Vögel abermals, und der alte Rabe rief: „Das nennst du fliegen? Du gaukelst herum wie Spatz.“
Der kleine Spatz machte ein betrübtes Gesicht. Er war zu tiefst getroffen. „Aber ich bin ein Spatz“, klagte er.
Und die Vögel lachten laut.
Da nahm der kleine Spatz all seine Wut zusammen und rief: „Ihr... Ihr wißt doch gar nichts vom Fliegen! Das Handwerk des Fliegens ist euch fremd. Fliegen muß man lernen, und dann muß man üben. Und man muß klein anfangen!“
„Klein anfangen ist gut“, lachte der freche Zeisig. „Klein bist du schon mal. Und was kommt danach?“
Wieder lachten die Vögel.
Doch der kleine Spatz zwang sich, hart zu bleiben. „Ihr macht euch wohl über mich lustig?“
Die Vögel lachten nur.
„Das ist eine Unverschämtheit“, zeterte der Spatz. „Schaut euch doch mal! Der da zum Beispiel!“ Er zeigte mit seinem Schnabel auf den Kolibri. „Der schwirrt da nur so rum. Vor und zurück. Vor und zurück. Ohne Unterlaß. Nennt ihr das vielleicht Fliegen! Hey, du Winzling! Hör endlich auf, hier so herumzuflattern und setzt dich hin!“
Der Kolibri schwirrte hoch auf. „Aber kann nicht aufhören zu flattern!“, rief er erstaunt. „Und ich kann mich auch nicht hinsetzen. Meine Füße sind zu klein. Ich kann die dicken Äste der Linde nicht umfassen. Wenn ich aufhöre zu flattern, fall ich auf den Boden, und dann fressen mich die wilden Tiere!“
„Papperlapapp“, rief der Spatz. „Was ist denn das für ein Unsinn. Sieh, ich kann auch auf den Ästen sitzen, und meine Füße sind fast so klein wie deine.“
„Deine Füße sind ganz anders als die meinen“, erwiderte der Kolibri. „Und das gilt auch für meine Flügel.“
Der Spatz starrte den Kolibri verdutzt an. Er wußte nicht, was er darauf sagen sollte. Schließlich hatte er die Lösung. Stolz platzte es aus ihm heraus: „Dann stimmt eben etwas mit deinen Füßen nicht. Und deine Flügel sind auch nicht in Ordnung. Wenn du richtige Flügel hättest, so wie ich, hättest du auch keine Probleme. Und überhaupt... Schau dir mal dein Gefieder an! Wie kann man nur so herum laufen!“
„Mit meinen Federn und Flügen und Füßen ist alles in Ordnung“, widersprach der Kolibri.
„Ja, red dir das nur ein, du Farbenklecks, du! Du Schwirrflatterer! Du kleinfüßiger Piepmatz!“
„Jetzt reicht es aber!“, fuhr der alte Rabe, der allmählich die Geduld verlor, den kleinen Spatzen an.
„Was denn?“ Der Spatz reckte selbstgefällig sein Köpfchen. „Ich sage doch nur die Wahrheit. Und du, alter Rabenzausel, willst die bloß nicht hören. Du widersprichst mir doch nur, weil du nicht ertragen kannst, daß ich im Recht bin und du im Unrecht bist!“
„Also, das ist ja wohl die Höhe!“, kreischte der Rabe.
Aber der Spatz lachte nur boshaft.
Da ging ein Zittern durch die Luft, wie es nur von dem Schlag gewaltiger Schwingen hervorgebracht wurde. Der Adler war angekommen. Er hatte den ganzen Tag damit verbracht, über den Bergen zu kreisen, wo die Luft so klar und still war, und nun, da langsam der Abend über den Wald fiel, war er hinab zu den anderen Vögeln geglitten. Er setzte sich auf einen starken Zweig in der Krone der Linde und sah sich erstaunt um. „Zu mir drang das Gerücht“, sagte er mit tiefer Stimme, „daß ein Spatz eine Vogelversammlung einberufen habe.“
„So ist es! So ist es!“, zeterte der Spatz. „Und du kommst viel zu spät! Du solltest dich schämen!“
Der Adler sah sich um. Er entdeckte den Spatz erst, als er ihn beinahe mit seinem Schweif vom Baum gestoßen hätte. „Ach, da bist du“, rief er belustigt und mit gespieltem Erstaunen. „Mir war so, als hätte ich eine Stimme gehört.“
Wieder lachten die Vögel.
Der Adler aber blieb ernst. „Kann mir denn einer mal sagen, was hier los ist?“
Der Spatz wollte anfangen zu reden, doch der Eichelhäher fiel ihm ins Wort und begann: „Nun, der Spatz hat uns zusammengerufen. Er meint, wir könnten alle nicht richtig fliegen, und er wollte es uns beibringen.“
„Ist das so?“ Ernst blickte der Adler den Spatzen an.
Der Adler jagte dem kleinen Spatzen eine gehörige Angst ein, und er mußte all seinen Mut zusammennehmen, um ihm zu erwidern: „Ja, so ist es.“
„Dann“, fragte der Adler weiter, „bist du wohl ein Meister im Fliegen?“
„Ja, das bin ich.“ Der kleine Spatz gewann nun Selbstvertrauen.
„Dann laß mal sehen, was du so drauf hast“, sagte der Adler und lehnte sich neugierig zurück.
Die anderen Vögel versuchten mühsam, ihr Lachen zu unterdrücken.
Wie er es schon einmal getan hatte, sprang der Spatz auf und flatterte ein wenig umher.
Der Adler lachte laut auf. „Das nennst du Fliegen?“, rief er. „Du willst ein Meister sein? Schau her!“ Und der Adler breitete seine Schwingen aus. „Ich zeige dir, wie man fliegt.“ Und er erhob sich von seinem Ast und glitt elegant im Kreise über den anderen Vögeln. Reglos flog er dahin. Die Schatten, die seine Schwingen auf das Dach des Waldes warfen, glitten dunkel über das Laubwerk. Dann ließ er sich majestätisch auf der Linde nieder. „So fliegt man“, sagte er. „Wenn du ein Meister bist, Herr Spatz, dann mach es nach.“
Der Spatz schaute sich ratlos um. Mit seinen Flügelchen konnte er doch nicht so wie ein Adler durch die Lüfte gleiten.
„Nun, wir warten“, sagte der Adler.
Der Spatz seufzte. Er hatte keine andere Wahl. Er streckte seine Flügel so weit aus, wie er es vermochte, und dann sprang er von seinem Zweig auf – und fiel wie ein Stein zu Boden.
Die anderen Vögel lachten laut auf.
Der alte Rabe und der Eichelhäher flogen hinab zu dem Spatzen und halfen ihm, sich aus einer Dornenhecke, in die er gefallen war, zu befreien. Er hatte ein paar Kratzer davon getragen und ein paar Federn gelassen, war sonst aber unversehrt.
Sie halfen dem Spatz dabei, wieder seinen Platz in der Linde einzunehmen, und sie mußten ihn stützen, denn der arme kleine Spatz hatte sein Selbstvertrauen verloren. Er blickte betrübt zu Boden und wünschte, sich einfach nur in Luft aufzulösen.
Der Adler indes sah sich um und sagte: „Laßt euch das eine Lehre sein. Ein Spatz kann nicht fliegen wie ein Adler. Ein Rabe singt nicht wie eine Nachtigall. Und ein Falke schwirrt nicht wie ein Kolibri umher. Jeder von uns fliegt auf seine eigene Weise. So war es immer, und so soll es bleiben! Wir alle sind Meister. Und wenn wieder mal ein Spatz kommt, und hier das Kommando an sich reißen will, dann lacht nur über ihn und fliegt davon. Mehr hat er nicht verdient. Ich hoffe allerdings“, und wieder sah er den kleinen Spatzen ernst an, „daß jeder von uns etwas dabei gelernt hat.“
„Ja“, sagte der kleine Spatz kleinlaut und flog davon und kümmerte sich fortan nur noch um seine eigenen Angelegenheiten.

Die Steinkreuze von Lehnstedt


Lehnstedt ist ein kleines, abgelegenes Dorf in der Umgebung von Weimar. Den Weg dorthin findet man nur, wenn man die Hauptstraße verläßt. Biegt man, aus Umpferstedt kommend, in Mellingen links ab, so fährt man über eine schmale Straße durch eine reizvolle Landschaft voller Hügel und Seen, und dann erreicht man Lehnstedt.
Es ist ein kleiner Flecken auf der Landkarte. Die Straßen haben alle den Namen Dorfstraße, und die wenigen Häuser wurden einfach durchnummeriert.
Doch fährt man wieder aus dem Dorf hinaus, kommt man an einer kleinen Besonderheit vorbei - den drei Streinkreuzen von Lehnstedt.

Keiner weiß mehr genau, wann und durch wen sie aufgestellt worden, doch weil steinkreuze wie diese immer einen Ort markieren, an dem einen Menschenleben ein gewaltsames Ende gefunden hat, ist die These, es handle sich um eine Raststätte von Pilgern, eher abzulehnen.

Andere berichten, daß unter diesen Steinen Soldaten liegen, die im Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648)zu Tode kamen. Das Schwert,das auf einem der Steine noch zu sehen isr, spricht für diese Geschichte.
Auch nicht von der Hand zu weisen, ist die Geschichte, diese Kreuze markierten den Pestfriedhof aus der Zeit, als der Schwarze Tod in Lehnstedt wütete.

Welche Geschichte sich auch immer hinter diesen Kreuzen verbirgt: Der Ort, an dem sie stehen, strahlt Frieden aus. Die Tode sind gesühnt.

Gleich hinter den Kreuzen befindet sich eine Gedenkstätte, die an sechzehn unbekannte Häftlingen aus dem KZ Buchenwald erinnert, die auf dem Todesmarsch 1944/45 umkamen.

Erinnerung ist die Ehre, die wir Nachgeborenen den Toten entgegenbringen.

(Quelle: www.suehnekreuz.de)

Dienstag, 24. März 2009

SIE SPRACHEN AUF IHREN BAHREN

Sie sprachen auf ihren Bahren:
"Du machst deinen Weg."

Doch sie sagten mir nicht,
wohin und wohin
und wohin
ich gehen soll.

Sie sagten:
"Du machst
deinen Weg."

Und ich sah:
Da ist kein Weg,
wenn ich
ihn nicht mache,
ihn nicht bahne,
ihn vorwärts treibe
wohin
auch immer.

Wälder
muß ich niederreißen,
Tunnel
in Berge graben,
Brücken
spannen
über die Meere.

Mit den Fischen
im Wasser,
mit den Vögeln
in der Luft,
mit
den Engerlingen
unter der Erde -
da ist kein Weg,
wenn ich ihn nicht mache,
nicht bahne,
nicht
in die Felsen schlage.
Wohin
auch immer.

Sonntag, 22. März 2009

Leipziger Buchmesse II: IN DER HÖRBUCH-HÖLLE

Als die Römer die Schreibkultur zu den Kelten und Germanen brachten, klagten die Druiden. Sie beschworen den Niedergang der Kultur und des Wissens. Etwas aufzuschreiben, war in ihren Augen ein Sakrileg. Geschriebenes sei tot, sagten sie, und nur lebendiges Wissen wäre das, woraus es ankäme.
Die Druiden selbst schrieben kein Wort auf. Deshalb wissen wir auch kaum mehr von ihnen.
Doch ihre Worte machen nachdenklich. Denn vielleicht hatten sie recht.

Durch das geschriebene Wort wurde aus lebendiger Weisheit Bücherwissen. Aus Bücherwissen wurde Information. Man kann Geschriebenes eben "getrost nach Hause tragen", und man kann sich darauf verlassen, daß einem das Wissen zur Verfügung steht. Wissen, wo es geschrieben steht, statt einfach nur zu wissen.

Aber wer weiß. Einzig unwandelbar ist, wie schon der Buddha lehrte, nur der ewige Wandel. Vielleicht befinden wir uns auf einem Weg, der heraus führt der Schreibkultur unserer Tage.
Ein Indiz für diese Veränderung ist die zunehmende Beliebtheit, die von den Menschen, vor allem von den sogenannten bildungsbürgerlichen Schichten dem Hörbuch entgegengebracht wird.
Ein Hörbuch ist, wie der Name schon sagt, ein Buch zum Hören. Auf mehreren leicht handhabbaren CDs oder Kassetten befindet sich, meist von hochkarätigen Rezitatorenn eingelesen, ein Roman in ganzer Länge, den man nach eigenem Gutdünken hörend rezipieren kann. Man wirft einfach die CD in die Stereoanlage oder das Autoradio, und schon befindet man sich mitten drin in der Welt der klassischen oder modernen Literatur.
Hörbücher sind zur Normalität geworden. In Buchhandlungen nehmen sie schon fast soviel Raum ein wie die althergebrachten papiernen Bücher. Jeder Verlag, der etwas auf sich hält, bringt einen Roman gleichzeitig als Buch und als Hörbuch heraus. Daß Hörbücher dabei um einiges teurer sind, scheint kaum einen dabei zu stören. Immerhin richten sich die meisten dieser Lesungen an ein Publikum, das ohnehin kaum von wirtschaftlichen Engpässen betroffen ist.

Das Hörbuch wird als Erfolgsmodell verkauft, weil es angeblich auch die so sehr umworbenen "jungen Konsumenten" an Literatur heranführt.
Es nimmt also nicht Wunder, daß auch die Leipziger Buchmesse dem Hörbuch einen großen Raum eingerichtet hat.
Ja, die Hörbuchhölle befand sich in Halle 3. Gleich um die Ecke konnte man sich das E-Book vorführen lassen, und ironischerweise war in selbem Saal auch die Leipziger Antiquariatsmesse - ein fester Bestandteil der Buchmesse - untergebracht. So waren literarische Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft harmonisch unter einem Dach vereint.
Die Hörbucher ber herrschten unbeschränkt in der ganzen Mitte der Halle. Es gab keinen Weg daran vorbei. Ich versuchte lange und vergeblich, den Stand des Campus-Verlages zu finden, doch unter den Hörbüchern verlor ich meine Orientierung.
Es gibt mit Sicherheit kein Buch mehr, daß es nicht als Hörbuch gibt. Und für die, denen das auch noch zu anstrengend ist, ist vieles bereits als Hörspielversion zusammengefaßt.

Was für Zeiten sind das doch, in denen wir leben! Man muß nicht einmal mehr lesen können, um sich mit der Literatur der Welt vertraut zu machen.
Viele könnten es auch nur lesend gar nicht mehr.
Der Bundesverband fpr Alphabetisierung und Grundbildung e.V. spricht von 4 Millionen Analphabeten in Deutschland. Man kann aber davon ausgehen, daß die Dunkelziffer weit höher ist. Es genügt nicht, nur lesen und schreiben zu können. Mancher kann zwar schreiben, ist aber trotzdem nicht in der Lage, klare und grammatikalisch korrekte Säzte zu formulieren. Andere können lesen, verstehen da Gelesene aber nicht.

Das scheint keinen zu interessieren. Medienwirksam beklagen zwar immer wieder ein paar Politiker die Bildungsmisere in Deutschland, doch das, was jene unter Bildung verstehen, ist nichts weiter als die "Ausbildung" eines getreuen Konsumenten, Staatsbürgers und Arbeitnehmers. Um wahre Bildung, "Menschenbildung" nannte es Schiller, geht es doch schon lange nicht mehr.
Die großen Ideale der Aufklärung sind dahin. Keiner ruft mehr den Menschen, wie einst Immanuel Kant, ein "Wage es, zu denken!" zu oder fordert den "Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unnmündigkeit". Nein. Heute ist diese Unmündigkeit überaus erwünscht.

Und die Hörbücher, bei allem Nutzen, den sie bringen mögen, sind auf lange Frist nur ein weiterer Schritt in diese Richtung. Fatalerweise sind einige dieser Hörbücher sehr schön gemacht. Ich erinnere an die Harry-Potter-Aufnahmen von Stephen Fry oder an die Lesung "The Return of the Native" (Roman von Thomas Hardy) von Alan Rickman.
Hörbucher sind, um nicht allzu sehr in eine Richtung auszuschlagen, eine wertvolle Ergänzung, nur sollte man sich hüten, sie überzubewerten und sie zu mehr zu machen, als sie sind.
Man braucht auch für "die Jugend" keine Hörbücher, um sie an Literatur heranzuführen. Dafür braucht man einfach nur gute und spannende Bücher. JKR hat es gezeigt. Was wir brauchen, sind leidenschaftliche Autoren und Verleger. Dann werden wir auch leidenschaftlich lesen können.

Ich selbst - man ahnt es bereits - bin keine große Freundin von Hörbüchern. Ich brauche ein Buch, um es zu lesen. Ich will in meiner eigenen Geschwindigkeit lesen, und ich will das in den Text hineinlesen können, was ich darin sehe, denn ein vorgelesener Text hat zwei Väter und Mütter - die Autoren und die Rezitatoren. Das muß man wissen.
Selbst zu lesen, ist auch ein Stück Freiheit der Phantasie. Wenn ich ein Buch lese, trete ich in eine Welt ein, die voller Geräusche und Gerüche und sichtbarer Dinge ist. Alle Sinne spricht das Lesen an. Ich höre die Figuren geradezu reden.
Das geschieht nicht, wenn ich nur Zuhörerin bin.

In unseren Breiten gibt es keine Druiden mehr. Wohlaber in Wales. Diese Druiden aber sind weder Seher noch Schamanen. Sie sind Dichter. Sie schreiben Bücher und lehnen das tote Geschriebene nicht mehr ab.
Das Buch als Hüter und Träger des Wissens wird nicht verloren gehen. Meiner Generation jedenfalls nicht.
Für die, die nach uns kommen, kann ich nur hoffen.

Freitag, 20. März 2009

Leipziger Buchmesse: Nachlese - Die Erste

Vom 12. bis zum 15. März 2009 traf sich wieder alles, was Rang und Namen im deutschen Literaturbetrieb hat und anstrebt, auf dem Messegelände zu Leipzig. Wie in all den Jahren zuvor waren viel Hallen angefüllt mit Ständen und Präsentationen vieler Verlage, Händler und Agenturen.
Es gab viel zu sehen, viel zu erleben, viel zu lernen - und vor allem: viele Bücher!


Ich hatte das Glück, am Freitag, auch wenn es der Dreizehnte war, auf der Messe zu weilen und nicht an einem der Tage des Wochenendes, an denen die Messe von Besuchern aller Art nahezu überschwemmt wurde.
(Der neue Besucherrekord am Ende der Messe ließ da auch nicht auf sich warten.)
Der Tag begann für mich allerdings mit einer Lehre: Folg nicht der Masse, ohne dich umzuschauen.
Auf dem Weg über den Parkplatz hin zum Eingang geriet ich in eine Gruppe von Schülern, die mit zwei Lehrern oder Erziehern einem Bus entstiegen waren. Sie gingen über den Parkplatz, und kurz vor dem Eingang bogen ab und stiegen eine Treppe hinab. Ich wollte ihnen folgen, doch ich zögerte. Zu meiner Rechten stand ein großes Schild mit der Aufschrift "EINGANG". Daneben war ein Gitter, und bei dem Gitter stand ein Wachmann. Ich entschloß mich, ihn anzusprechen.
"Entschuldigen Sie, ist hier der Eingang zur Messe?"
Der Wachmann bestätigte das. Ja, ich könne hier eintreten. Kein Problem. Der ganz normale Nebeneingang.
Verwundert fragte ich: "Warum sind diese da", damit meinte ich die Schülergruppe, "dann dort hinab gegangen."
Der Wachmann zuckte mit den Achseln und meinte: "Das weiß ich auch nicht."
Nun, ich ging also hinein, fand sofort einen freien Schalter, an dem ich mir meine Eintrittskarte und einen Ausstellerkatalog besorgte, ich ging durch die Schranke und war drin.

Auf dem Weg zur Halle 4 - durch einen der erhabenen Durchgänge, die überirdisch die beiden Flügel der Messe mit einander verbinden - fiel mein Blick zu den Kasseschaltern am Haupteingang. Dort standen die Menschen dicht gedrängt bei einander. Ja, das war mir erspart geblieben. Ebenso war es eine glückliche Fügung, daß sich die Schülergruppe einen anderen Eingang gesucht hatte, hätte ich ja sonst hinter ihnen oder in deren Mitte mich um die Schalter am Nebeneingang drängen müssen.

Halle 4. Halle 4 war mein Messe-Höhepunkt.
Dort waren vor allem Klein- und Nischenverlage versammelt, und es gab viel Raum für interessante Entdeckungen.

Dabei freute mich eines besonders: Das "POESIEALBUM" ist wieder da. Und zwar schon seit 2008. Aus DDR-Zeiten kennt man vielleicht noch diese interessante Zeitschrift, die in kurzer Form zeitgenössischer und klassischer Lyrik eine Plattform bot. Als Nachgeborene kenne ich diese Heftchen leider nur aus dem Antiquariat.
Aber nun gibt es sie wieder. Der nächste Band ist Seamus Heany gewidmet. Ich nahm mir am Stand des Märkischen Verlages ein wenig Werbematerial mit und das Heftchen mit Ezra-Pound-Gedichten.
Und ich freue mich auf weitere Hefte.
Am Stand des Jenaer Quartus-Verlages erstand ich einen Band mit Thüringer Minneliedern.
Und mir fiel eine Anthologie mit Texten isländischer Autoren in die Hände, die von der Edition DIE HOREN herausgegeben wurde.
Es war wieder einmal eine Entdeckungsreise.

Die Vielfalt ist das Besondere dieser Verlage, die zu Unrecht klein genannt werden, denn sie besetzen Nischen, die von den großen Publikumsverlagen schon seit langer Zeit entweder übersehen oder einfach bewußt nicht mehr bedient werden. Hier findet man noch immer die besonderen Bücher und Ausgaben, die sich von der großen Masse der in Deutschland publizierten Literatur abhebt.

Nicht ohne Wehmut verließ ich die Halle 4.
In Halle 3 erwartete mich die Hörbuch-Hölle. Doch darüber mehr zu einem späteren Zeitpunkt.

Sonntag, 15. März 2009

JEDER SCHMIEDET SEIN GLÜCK

Jeder schmiedet sein Glück
nach eigenem Willen:
aus Silber,
Eisen
und Gold,
mit leichtem und schwerem Hammer,
im roten Feuer,
in blauen Flammen,
zu Schwert
und Geschmeide
und Schild.

Jeder schmiedet sein Glück
aus trüben und frohen Gedanken,
mit stumpfen und wachem Sinn,
bei Tage, zur Nacht
und im Zwielicht.

Jeder schmiedet sein Glück
zur Suche,
zur Stille,
zum Frieden,
zur Wanderschaft,
zum Kampf,
zum Leben,
zur Liebe
und zum Tod.

Jeder schmiedet sein Glück,
um es in Händen zu halten,
wenn die Stürme
über uns kommen.

Samstag, 14. März 2009

IMPRESSIONEN: Thüringer Dorf im Vorfrühling





Familienfest

In der Literatur sind Familienfeste oft der Hintergrund für die großen Dramen. Unglück deutet sich an, Streit bricht aus, Menschen entzweien sich oder finden zu einander. Frieden und Krieg, Haß und Liebe.

Doch die Wirklichkeit ist manchmal sehr viel trister.
Da geschieht auf den Familienfesten - gar nichts. Und vielleicht ist das am besten so.

Mancher kennt das vielleicht. Man sitzt dabei und gehört doch nicht dazu. Man ist kein Teil der Gemeinschaft. Nur der Höflichkeit halber eingeladen. Man wird geduldet, und verläßt man den Raum, dann stecken die anderen die Köpfe zusammen.

Das aber ist kein Drama. Es ist auch kein Unglück.
Es ist eben manchmal einfach so.

Es ist auf der anderen Seite auch ein Stück Freiheit, das sich zu bewahren und zu schätzen lohnt.
Schließlich bringt es uns in der Regel auch nicht weiter, wenn wir unser Leben nach den Vorstellungen der anderen führen.

So lernt man doch auf den Familienfeiern: Man erfährt, wem man vertrauen kann und wem nicht.
Und das Wissen kann uns stark machen, selbst wenn wir erkennen, daß wir am Ende nur uns selbst vertrauen können.

Montag, 9. März 2009

Eine Warnung

Ich möchte an dieser Stelle eine Warnung aussprechen.
Keine Angst, es geht nicht um die Wirtschaft, das Klima oder den Weltuntergang. Es geht um unsere Mitmenschen.

Im Leben widerfährt es uns immer wieder, daß wir verraten und verlassen werden. Versprechen werden gebrochen, in der Not läßt man uns im Stich. Menschen verschwinden klammheimlich ohne ein Wort der Entschuldigung. Sie lassen uns in offene Messer rennen und verletzen uns - manchmal aus Versehen, manchmal mit kalter Berechnung - immer wieder das Herz aus dem Leib.
Ja, das wirft uns zu Boden. Das treibt uns in die Verzweiflung.
Doch davon dürfen wir uns nicht verwirren lassen.

Es wußte doch schon Hölderlin: "WO ABER GEFAHR IST, WÄCHST DAS RETTENDE AUCH."

Es sind nicht alle Menschen so. Immer wieder treffen wir auf Menschen, die uns helfen, die für uns da sind, die uns unter die Arme greifen und uns beistehen. Sie hören uns zu und sind einfach da, wenn wir sie brauchen.
Auf sie können wir uns verlassen.

Wenn wir uns das Herz verhärten lassen, weil wir nur an die Menschen denken, die uns Schmerz und Unrecht zugefügt haben, gehen wir vielleicht an den guten, freundlichen Menschen vorüber und scheren sie mit den anderen über einen Kamm.
Das wird uns auf Dauer einsam werden lassen.

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser.

Dazu kommt noch etwas: Wie wichtig ist das, was uns andere Menschen antun? Und wie wichtig das, was wir anderen Menschen an Schmerz und Glück zufügen?

So, ein paar Gedanken.
Und laßt euch nicht die Herzen verhärten. Das ist es nicht wert.

Montag, 2. März 2009

FRÜHLINGSGRUSS



Dieses Mal ohne Worte.
Ein Frühlingsgruß von den Winterlingen aus unserem Garten.

Sonntag, 1. März 2009

APOLDA -Der Blick nach Oben


Die Großstadt ist ein Traum, wenn man in Apolda lebt. Ich schreibe das ohne jegliches Urteil. Sie ist keine strahlende Erscheinung und auch kein Alpdruck. Sie ist ein Fernes, ein Unvorstellbares.
Apolda ist eine Stadt, die sich schon am Nachmittag zur Ruhe legt. Am Sonnabend ist sie schon vor dem Mittagsläuten eingeschlafen. Sie träumt nicht mehr. Ihr Schlummer ist ohne Erscheinung. Ein tiefes, schweres Ruhen, ein leeres Rauschen, und man kann sie verhalten atmen hören, wenn man durch die Gassen geht. Dann spürt man, wie ruhelos sie ist, trotz alledem.
Die Straßen sind eng, haben keinen Horizont, und sie sind voller Schatten. Wenn es regnet, steigt kalter, metallener Dunst auf, der sich als bitterer Geschmack auf Zunge und Gaumen legt. Man muß sehr weit nach oben steigen, um Licht zu erblicken, um über die Stadt hinaus zu sehen. Dort gibt es Felder, ausgedehnte Wiesen, Waldstücke, anmutige Berge. Im Inneren vergißt man das schnell.
Vieles vergißt man in Apolda. Zwischen bewohnten Häusern stehen leere Fabrikhallen. Überreste einer vergangenen Zeit und einer vergangenen Größe. In der Tat war Apolda einstmals eine wohlhabende Stadt. Das Strickerhandwerk hatte sie reich gemacht, und von weither kamen die Menschen, um hier zu leben und zu arbeiten. Und sie fand Erwähnung in den Werken Goethes und Thomas Manns. Auch heute kommen die Menschen noch. Doch sie bleiben stets nur auf Durchreise.
Neben dem Busbahnhof befindet sich das Altersheim. Beide sind Orte, an denen man darauf wartet, nach Hause zu fahren. Überhaupt ist Apolda eine Stadt, die man verläßt. Niemand bleibt hier, dem andere Wege offen stehen. Andere Orte rufen nach denen, die gehen, Orte, die vielleicht nicht schöner oder lebendiger sind, aber größer, lauter und weniger verfallen.
Alles strebt zum Licht, aber hier will die Sonne nicht scheinen. Selbst die Sommer sind nur schwül und heiß. Dann fällt das Atmen schwer zwischen den Häusern. Zu viel Stein hemmt das frische Leben.
Ich weiß nicht, ob Apolda ein guter Ort zum Leben ist, aber zum Sterben ist er so gut, wie jeder andere auch; und die Zeit des Todes kann hier auf angenehmste Weise verbracht werden. Einer der schönsten Orte der Stadt, neben dem Alten Schloß und dem Parkdeckdach des Supermarktes, ist der Friedhof. Er ist schattig und kühl. Hier ragen die Bäume hoch auf in den Himmel, und alles ist von einem dichten Gebüsch umgeben und durchdrungen. Ein verwunschener Garten, wie ihn Kinder sich erträumen, die noch an Märchen glauben. Man schleicht an alten Grabmälern vorbei, die prunkvollen Mausoleen gleichen und vergißt gleichsam, daß draußen die graue Stadt noch immer nicht verschwunden ist. Auf dem Friedhof ist es anders. Die Zeit schweigt, aber die Vögel singen. Eichhörnchen tummeln sich in den Wipfeln der Blutbuchen. Schmetterlinge umwirbeln die Efeuranken. Auf einigen Gräbern brennen Kerzen. Lichter der anderen Welt, der man hier näher zu kommen meint. Ein Schritt weiter, und man ist hinüber gegangen.
Mein Lieblingsort in Apolda aber ist das Oberste Parkdeck eines großen Supermarktes. Dieser befindet sich mitten in der Stadt, am tiefsten Punkt des Tales, über das die Stadt ausgebreitet liegt gleich dem Unterholz eines Gebirgswaldes. (Menschen wie Bäume. Sie scheinen einander zu fliehen, und doch sind sie verbunden, gleichsam gegen ihren Willen. Vielleicht, weil beide – die Bäume und die Menschen – beseelten sind, und ihre Seelen, auch wenn ihre Leiber nach außen streben, zieht es immer wieder zusammen, weil EINE Seele alles Leben umfaßt.) Das Parkdeckdach des Supermarktes ist ein besonderer Ort, beinahe magisch. Man ist erhoben, ja erhaben. Aber man überragt die Stadt nicht. Man schwebt auf einer Höhe mit den Kirchtürmen und den Hügeln, die Apolda umschließen. Man enthebt sich dennoch der chthonischen Kleinstadt, man entflieht in ein Anderes, eine Wolkenstadt. Die Ahnung eines neuen, eines Himmlischen Apolda, das am Jüngsten Tag wie ein Traum über uns kommen mag, erfüllt den, der den Blick vergeblich in die Ferne richtet. Nur der Himmel öffnet sich dem Schauenden. Entrückung, die ein Nebel ist. Man ist nicht fremd. Man fühlt sich als Teil – der Wolken, der Hügel, des Himmels. Man wird selbst ein Nebel und meint, vom nächsten Wind davongetragen zu werden. Und während man in stummer Betrachtung des Augenblicks verweilt, fließt der nicht versiegende Strom derer, die im Supermarkt nur nach Waren suchen und anderes vergessen haben. In Augenblicken wie diesen fühlt man sich beinahe zu Hause, dann ist Heimat mehr als ein Wort, doch alles zerfällt zu Tau auf dem grauen Asphalt der Straßen.
So endet der Tag; und mit flammendem Abendrot wirft sich die Dämmerung über die Stadt. Noch ehe die Sonne untergegangen ist, fallen die Schatten über die Gassen, und hinter den Fenstern entzünden sich Lichter. Aber der Vollmond leuchtet hell. Silberne Strahlen stürzen auf uns nieder, die Sterne leuchten auf, und die Nacht ist wie Seide, ein Hochamt der Stille, ein Gebet um Frieden und Schönheit, und ein Schrei, der grell hinaus fällt vom Grau in das Nicht-Sein der Unendlichkeit.
Vielleicht ist Heimat eine Entscheidung, die jeder für sich allein fällen muß. Und dann muß man bestimmen, ob Heimat ein Ort ist, den man verläßt, an dem man bleibt, oder zu dem man eines Tages zurück kehren will.
Wer in Apolda bleibt, hat nicht immer diese Entscheidung getroffen. Viele bleiben, weil hier der einzige Ort ist, an dem sie sein können. Doch das gilt auch für viele von denen, die gehen.
Mag sein, daß man in den Großstädten der Welt freier atmen kann, doch Einsamkeit ist sich immer gleich, an allen Orten der Welt, ebenso Liebe, Freundschaft und Glück. Es ist nicht wichtig, wo man gerade ist. Gottes Wind weht überall, und auch über Apolda geht er hinweg, Tag für Tag. Gott hat uns nicht verlassen in Apolda, auch die Hoffnung ist uns geblieben, und das ist hier ein großes Wort.