Dienstag, 27. Oktober 2009

GRAVENSTEINER


Der Apfelbaum, den meine Mutter pflanzte im Sommer, ehe sie ging, trägt in diesem Jahr zum ersten Mal Frucht. Rot leuchten die herabgefallenen Äpfel im Gras. Rot und grün prangen die anderen an den Zweigen.
Gravensteiner. Eine alte Sorte. Lieblich im Duft, süß und saftig im Geschmack. Schiller war es, der immer einige dieser Äpfel im Schubfach seines Schreibtisches dem Verfall überließ, weil der Geruch seine Sinne beflügelte.
Gravensteiner sind selten geworden. Beim Händler findet man sie nicht. Sie lassen sich nicht lagern und verderben schnell. Sie sind wie der Sommer: Sie haben ihre Zeit, dann verschwinden sie, und wir müssen warten, bis der Kreislauf des Jahres sie zu uns zurückbringt.
Ein Gravensteiner Apfel ist ein Augenblick der Hingabe; es ist der vergängliche, flüchtige Genuß der Zeit, der nur als verbleichende Erinnerung bei uns bleiben kann.
Ich einen der roten Äpfel, der im Grase liegt, auf. Ich rieche ihn. Dieser liebliche Duft, den er verströmt, für den jedes Wort zu klein ist. Dann beiße ich hinein.
Ich koste ihn – diesen Augenblick, diesen Apfel.


Kommentare:

  1. Bäume haben für den Menschen einen besonderen Wert. Vielleicht liegt es auch an der Lebensspanne, die so ein Baum hat. Bäume werden in der Regel älter als wir Menschen. Dann gibt es noch die besonderen Bäume, so einen hast Du uns beschrieben.

    tjm.

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  2. Liebe Ilka, in der Nähe von Radebeul, weiß jetzt nicht genau wie der Ort heißt, werden in einer Gärtnerei, auf riesigem Areal die urältesten Obstbäume gesammelt und wenn noch möglich, fortgepflanzt. Dort bekommt man auch Auskünfte von Sorten, die im Garten stehen, doch unbekannt sind. Meine Eltern haben dort auch schon gekauft.

    Ich finde so etwas richtig gut!

    Und, diese Sorten haben noch richtigen Geschmack!!!

    Ein gutes Wochenende dir,

    LG, Rachel

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