Samstag, 7. Juli 2012

ÜBER DIE VERGEBUNG ALS CHRISTLICHE TUGEND

Gestern abend habe ich jemanden sagen hören, daß Vergebung zwar eine christliche Tugend sei, daß sie aber nur dann möglich wäre, wenn der andere seine Schuld auch eingestehen würde.
Nun frage ich mich: Ist das wirklich christlich?
Erstens, habe ich das Recht, über die Schuld eines anderen zu urteilen? Was sagt Jesus dazu? "Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet. Denn mit dem Maß, mit dem ihr meßt, sollt ihr gemessen werden."
Zweitens: Kann es verboten sein, zu verzeihen? Darf sich sich die Vergebung eines Menschen, mithin eines Sünders (denn wir alle versündigen uns immer wieder), an kleinliche Bedingungen knüpfen? Was sagte Jesus, als man ihn fragte, wie oft man seinem Bruder vergeben sollte? "Da fragte Petrus: 'Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er mir Unrecht tut? Ist siebenmal denn nicht genug?' - 'Nein', antwortete Jesus. 'Nicht nur sieben mal. Sondern bis siebzig mal sieben mal.'"
Also ist diese Art der Vergebung, die den anderen zum Schuldeingeständnis zwingen und somit auch erniedrigen will, keine christliche Vergebung. Das ist nicht das Wort Jesu.
Hat Jesus von Maria Magdalena gefordert, daß sie ihm bekannte, eine Ehebrecherin zu sein? Es war ihm egal. Er hat zu den Leuten gesagt: "Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein."
Also: Vergebt einander, wie Christus euch vergeben hat. Nur der, der ohne Sünde ist, hat ein Recht auf unsere Bekenntnis. Das ist also Christus, das ist Gott. Selbst in der Beichte ist es ja nicht der Priester, vor dem ich meine Missetaten offenbare, es ist Gott, zu dem ich spreche, und der Priester ist "nur" sein menschlicher Mittler. 
Und noch ein dritter Grund: Wenn ich jemandem vergebe, befreie ich letztlich mich selbst. Ich kann dann aufhören, dem anderen zu grollen und wieder ein wenig befreiter atmen. Es geht letztlich auch darum, sich selbst einen Gefallen zu tun. Wer allen Menschen gram ist, weil sie anderer Meinung sind oder in seinen Augen einen Fehler gemacht haben oder warum auch immer, der kann nicht glücklich leben, der muß verbittern. Und das ist doch nicht erstrebenswert. Das kann keiner wollen.
Wie bedeutsam das Thema Vergebung für einen Christen sein sollte, lehrt Christus sehr eindringlich durch seine Worte am Kreuz. "Vater, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!" Der Sterbende, der als Schuldloser die Sünden aller Menschen auf sich nimmt, spricht hier das große Wort des Verzeihens aus, an der Schwelle zum Tod, mitten im tiefsten Leiden. Kein Gedanke daran, erst die Schuldbekenntnis der anderen hören zu wollen. Sondern Vergebung für alle, heraus aus der Quelle einer unendlichen, endlosen, allumfassenden Liebe. Die Liebe Gottes verzeiht uns all unsere Sünden, davon bin ich fest überzeugt, denn das Maß Gottes ist ein anderes als unser menschliches Maß.
 So lehrt es uns auch das Gebet, das alle Christen vereint. Das Vaterunser. "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern." Also, Gott vergibt uns in dem Maße, in dem wir bereit sind, anderen zu vergeben. Und er richtet uns so, wie wir über andere richten.
Wenn wir anderen und uns selbst vergeben, sind wir selbst Gott ganz nahe. Wenn wir unsere Herzen eng und blind machen und von den anderen ein Bekenntnis seiner Schuld und seiner Reue verlangen, dann entfernen wir uns von der Liebe, und somit von Gott.
Es ist ja auch so: Wir kennen die Herzen anderen nicht, aber Gott wohl. Mancher von uns kennt noch nicht einmal sein eigenes Herz. Aber Gott kennt es dennoch. Und wir sind alle so. Wir alle hegen einen Groll in uns. Viele von uns haben eine tiefe Wunde in ihren Herzen, und dann wünschen wir uns schon, daß der, der sie geschlagen hat, vor uns tritt und zugibt: "Ja, ich habe unrecht an dir getan." Doch das passiert so gut wie nie. Aber gerade dann müssen wir vergeben, um uns zu befreien. Solange wir das nicht tun, hat der, der sich an uns vergangen hat, Macht über uns, über unsere Seele. Und wir vergeuden uns an den Schmerz. Dann müssen wir zu uns sagen: "Er oder sie hat unrecht an uns getan, und das ist auch nicht meine Schuld." Und wir müssen uns selbst verzeihen, um uns frei zu machen.
Also vergebt einander, wie Christus es getan hat. Und schafft Frieden auf diesem, auf Christi Weg.
 

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