Montag, 15. Februar 2010

Dresden und seine Nazis

Für dieses Jahr ist der Spuk erst einmal vorbei. In Dresden wurde des Bombemangriffs durch die Alliierten im Zweiten Weltkrieg und der Opfer, die dieser forderte, gedacht, und einer Menschenkette von zehntausend "aufrechten Demokraten" gelang es, einen "Aufmarsch" der Neo-Nazis zu verhindern.

So weit. So gut.

Oder etwa doch nicht?

Ich persönlich sehe das leider nicht so unproblematisch und bin vielmehr der Ansicht, daß wir alle - als Menschen und als Gesellschaft - umdenken sollten in der Art und Weise, wie wir mit dem "Phänomen" Neo-Nazismus umgehen.

Beginnen wir bei den Anfängen? Woher kommt der Neo-Nazismus?
Die Anfänge dieser Strömung reichen sicherlich bis in das Jahr 1945 zurück. Die NPD wurde im Jahre 1964 gegründet. Die DVU existiert seit dem Jahr 1971.
Aber als Phänomen der Jugendkultur ist der Neo-Nazismus erst seit Anfang der 1990er Jahre in Erscheinung getreten.
Das war die Wende-Zeit.
Zeiten politischer Umbrüche führen immer wieder dazu, daß sich die Kontinentalplatten einer Gesellschaft verschieben und die Abgründe derselben zum Vorschein kommen. Das ist der eine Faktor.
Der zweite Faktor war die Presse. In den Nachwendewirren begannen viele Jugendliche Ostdeutschlands zu randalieren, um ihre Wut, Enttäuschung und Trauer auszudrücken. Sie hatten immerhin eine Welt - ihre Welt - zerfallen sehen, und viele standen nun vor dem Nichts der Ungewissheit.
Einige sogenannte investigative Journalisten, auf der Suche nach der Story, traten nun an diese Jugendlichen mit der Frage heran: "Seid Ihr Neo-Nazis?" Sie konnten nicht ahnen, was sie damit bei diesen Jugendlichen auslösten. Denn diese hatten nun etwas, was ihnen fehlte - einen Sinn für ihre Zerstörungen. Als nächstes brannten die Ausländerwohnheime und der Neo-Nazismus in den "Neuen Bundesländern" trat seinen Siegeszug an.

Seitdem versucht unsere Gesellschaft nun vergeblich, dieser Ströumg Herr zu werden. Es gab einige nur als halb.....ig zu bezeichnende Versuche des BNDs, die NPD zu verbieten. Es wurden Aussteigerprogramme geschaltet. Überall begannen die "Demokraten" zusammenzurotten. Zum rechten Extremismus gesellte sich der linke Extremismus in Gestalt der Antifa.
Das Ende vom Lied ist nur eine weitere Eskalation der Gewalt. Und Gewalt ist hier passiv und aktiv zu verstehen.
Nicht nur der übt Gewalt aus, der aktiv gegen einen anderen vorgeht und ihn beispielsweise verletzt. Auch der übt Gewalt aus, der passiv gegen einen anderen wirkt.

Wo ist nun das Problem?
Das Problem sind wir. Wie immer.
Ja.
Der Neo-Nazismus ist nur ein Symptom unseres Problems.

Werfen wir einen Blick auf die "aufrechten Demokraten", die sich immer dann zusammenrotten, wenn irgendwo eine Nazi-Demonstration angekündigt ist.
Wofür sie einstehen, wissen sie selbst nicht. Sie wissen nur eines: Sie sind gegen die Nazis. Und damit meinen sie, auf der richtigen Seite zu stehen. Das ist gut fürs Ego und fürs Selbstbild. Aber der gesellschaftliche Nutzen ist doch eher gering zu bewerten.
Und was ist mit den Damen und Herren der Antifa? Die haben letztlich auch keine anderen Ambitionen aus die Demokraten. Aber gerade sie sollten sich mitunter ernsthafte Gedanken machen. Schon rein auf sprachlicher Ebene. In dem Wort "Antifaschismus" steckt auch der Faschismus, was man den Methoden der Antifa auch deutlich anmerkt.

(Anmerkung: Ich habe miterlebt, wie die antifaschistische Hochschulgruppe meiner alten Universität einen altgedienten Professor, der von seinen Studenten und Kollegen respektiert und geliebt wurde und der zu DDR-Zeiten ein aktiver Bürgerrechtler war, im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Hörsaal "gemobbt" hatte, nur weil eines seiner Essays in einer Zeitschrift erschienen war, die zuvor den Artikel eines Holocaust-Leugners abgedruckt hatte. Das Essay des Professors, der Philosophie lehrte, hatte damit nicht das Geringste zu tun. Aber darum ging es den Anti-Faschisten nicht. Sie wollten ihn weg haben und scheuten da vor keinen Mitteln zurück. Sie verteilten diffamierende Flugschriften, spühten Sprüche gegen den Professor an das Philosophische Institut und wollten sogar die Studenden - ich selbst habe das erdulden müssen - mit allen Mitteln daran hindern, ihre Lehrveranstaltungen zu besuchen. Der Erfolg war, daß der alte Mann sehr krank wurde und seinen Dienst quittieren mußte. Das Philosophische Institut hatte einen wertvollen Honorar-Professor verloren.)

Da nämlich verbirgt sich auch des Pudels Kern.
Was ist das Wesen des Neo-Nazismus? Ressentiments gegen das Fremde.
Nun, wir alle haben Ressentiments gegen das Fremde, Andersartige. Selbst den "aufrechten Demokraten" geht es so. Und sei es, daß sie Ressentiments gegen Neo-Nazis haben.
Es fängt im Kleinen an. Der Atheist hat Ressentiments gegen den Gläubigen. Der Sektenbeauftragte hat Ressentiments gegen den Scientologen. Reiche haben Ressentiments gegen Arme. Arme haben Ressentiments gegen die, die noch ärmer sind. Wir alle haben Ressentiments gegen Menschen, die anders denken, anders handeln und anders aussehen als wir. Da verbirgt sich ein kleiner Neo-Nazi in uns allen.
Das ist erst einmal kein Drama, solange wir, was das betrifft, ehrlich zu uns selbst sind. Wenn wir uns unsere Vorurteile und Ressentiments eingestehen, können wir lernen, damit umzugehen und sie langfristig zu überwinden. Nur so können wir offen und voller Akzeptanz mit anderen Menschen umgehen und ihnen entgegentreten. Nur so können wir beginnen, die anderen anzunehmen, wie sie sind, ohne sie zu bewerten bzw. abzuwerten. (Es ist eine Neigung des Menschen, das, was anders ist, erst einmal anzuwerten.)

Aber ich befürchte, davon sind wir noch weit, weit entfernt.

Wenn wir den Neo-Nazi in uns selbst verleugnen, dann passiert genau das, was heute geschieht. Dann rotten wir uns zusammen, nennen uns "Demokraten" und Anti-Faschisten und sind einfach mal - in Ermangelung anderer Ideen - gegen Nazis.
Gleichzeitig, und das ist wohl wenigen bewußt, verstoßen so die "Demokraten" gegen die Prinzipien der Demokratie, zu denen Meinungsfreiheit, Freiheit der Rede und Glaubens- und Gewissensfreiheit zählen. Aber offenbar ist unsere Gesellschaft heute bereit, diese Freiheiten nur den Einstellungen zu geben, die sie für gut und richtig hält.
Meiner Ansicht nach aber zeigt sich die Stärke einer Demokratie gerade in der Art und Weise, wie es ihr gelingt, souverän - also ohne Ressentiments - mit anderen Einstellungen umzugehen.

Es bringt also nichts, weiter "gegen Nazis" zu sein. Was man bekämpft, macht man stark.
Gerade diese Ausgrenzung, die der Neo-Nazismus immer wieder erfährt, trägt dazu bei, seine Attraktivität gerade bei Jugendlichen, die sich in dieser Gesellschaft nicht zu Hause fühlen können oder wollen, zu erhöhen.

Offenheit sollte also der Weg sein - zuerst sich selbst, und dann den anderen gegenüber. Indem wir lernen, zu unseren eigenen Schattenseiten als Menschen zu stehen, wird es uns auch gelingen, die Schattenseiten unserer Gesellschaft zu akzeptieren und diese - als Gewinn für alle - kreativ zu integrieren.

Allerdings wird dies in absehbarer Zeit nicht geschehen, weil Zeitgeist und Weltbild unserer Gesellschaft zu stark von den Demokraten und Antifaschisten geprägt und bestimmt werden, also von jenen, die Toleranz und Akzeptanz nur Meinungen und Einstellungen gegenüber gelten lassen, die ihren gleichen, und die auf diese Weise die Grundwerte der demokratischen Gesellschaft mißachten.
Und was Dresden betrifft, so wird dort im Jahr 2011 das Spiel von vorn beginnen.
Aufgeschoben ist eben nicht aufgehoben.

Kommentare:

  1. Auch wenn ich dir in grossen Teilen zustimme, möchte ich denoch klarstellen, dass das Phänomen "Neonazis" bei weitem nicht erst seit den 90ern existiert. Es rückte da lediglich erstmal in's Licht der Öffentlichkeit, da Staatsfeind Nr.1 (Kapitalismus und Sozialismus, je nachdem auf welcher Seite man stand) plötzlich nicht mehr existierten. Neonazis gibt es aber schon seit Ende des Krieges und vor allem in den 80ern machten sie durch Bands wie "Böhse Onkelz" und Überfälle auf Punk-Konzerte sowohl im Osten als auch im Westen auf sich aufmerksam. Ja, auch in der DDR gab es Neonazis, auch wenn diese dort in der Presse todgeschwiegen wurden um das sozialistische Image nicht zu gefährden. In den 80ern erschienen zu diesem Thema auch erstmals Bücher wie z.B. "Jugendliche Rechtsextremisten. Zwischen Hakenkreuz und Odalsrune. 1945 bis heute" von Peter Dudek. Kurzum: Neonazis gibt es seit Ende des WWII. Wie die Gesellschaft derzeit mit ihnen umgeht, halte ich für grundlegend verkehrt. Allerdings halte ich das Hochhalten des Linksextremismus genauso für dumm. Wo sind Linke denn besser, wenn sie die Menschenrechte mit Füssen treten und in Kneipen eindringen, in denen sich Rechtsextreme treffen, und diese zusammenschlagen? (Nicht dass du das behauptet hättest, es ist eher eine Frage, die man sich bei der Betrachtung von Neonazis auch mal stellen sollte. :) ).
    Extremismus schadet einer Gesellschaft immer, egal ob dieser nun politisch oder religiös orientiert ist. Solange dies nicht begriffen wird, werden sich religiös und politisch extremistische Gruppierungen immer bekämpfen und damit Gewalt in unsere Gesellschaft tragen.

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  2. Lieber Arguz!
    Ich danke dir für den Kommentar und die Ergänzungen. Du hast recht. Und vielleicht sollte man noch erwähnen, daß narzistisch-faschistische Einstellungen auch schon vor dem Dritten Reich in Deutschland - und nicht nur da - virulent waren. Hitler und Consorten kamen ja nicht aus dem Nichts. Sie kamen aus der Mitte der Gesellschaft.
    Und du hast auch recht, wenn du sagst, daß Extremismus immer zum Schaden führt. Deshalb sollten Vernunft und Akzeptanz und die anderen Werte der europäischen Aufklärung lieber unsere Leitbilder sein.
    Viele Grüße,
    Ilka

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