Sonntag, 23. Mai 2010

EINUNDDREISSIG TAGE --- EINUNDDREISSIG BUECHER : Tag 4

MEIN HASSBUCH

Es gibt viele Bücher, die ich nicht mag, weil sie mich gelangweilt haben oder meiner Ansicht nach schlecht geschrieben waren oder einfach dumm sind.
Aber es gibt nur ein Buch, das ich wirklich und von ganzem Herzen hasse. Es ist der berühmt-berüchtigte "Struwwelpeter" von Heinrich Hoffmann (1809 - 1894), und die anhaltende Beliebtheit dieses Machwerkes ist das deutlichste Zeichen der Kinderfeindlichkeit in diesem unseren Land.
Eltern, die ihr Kind mit dem Struwwelpeter konfrontieren, müssen ihre Kinder wirklich verabscheuen, ansonsten würden sie ihnen derartiges nicht antun. Vielleicht tun sie es aus Rache dafür, daß sie selbst diese Folter durchstehen mußten und denken sich: Warum sollten es ihre Kinder besser haben?

Wer wissen will, was Schwarze Pädagogik ist, der soll sich dieses Schandwerk anschauen.
Andere Sachen von diesem Kaliber werden heute als jugendgefährdend indiziert. Nicht aber dieses furchtbare Werk mit seinen mehr als häßlichen, häßlichen Zeichnungen und seinen Geschichten, die man nicht anders als abartig und pervers bezeichnen kann.

In jeder Geschichte geht es darum, daß ein Kind für ein Fehlverhalten mit dem Leben oder der köprerlichen Unversehrtheit bezahlen muß.
Was soll das?
Damit treibt man Kinder in die Depression und mitunter sogar in den Freitod.
Dieses Buch ist gefährlich.
Es hat mehr Kinderseelen auf dem Gewissen als alle Killerspiele dieser Welt zusammen.

Für mich als Kind war dieses Buch ein Trauma. Schlimmer war nur die Episode, in der mich als Dreijährige meine Mutter auf dem Dorffriedhof vergessen hatte.
Ich hatte danach furchtbare Alpträume.
In den meisten davon mußte ich bei lebendigem Leib verbrennen - wie die kleine Pauline aus der "Gar traurigen Geschichte mit den Zündhölzern". Und ich war ungefähr fünf, als ich die Geschichten zum ersten Mal ertragen mußte.
Bis dahin war ich ein fröhliches Kind gewesen. Danach war ich nie wieder die selbe.

Die Geschichte dieses Buches ist interessant. Der Verfasser Hoffmann hat dieses Buch FÜR SEINE KINDER gemacht. Als Geschenk zum Geburtstag oder zu Weihnachten.
Daran zeigen sich zwei Dinge:
(1) Dieser Mann war zu geizig, seinen Kindern ordentliche Geschenke zu kaufen.
(2) Dieser Mann hat nichts auf der Welt so sehr gehaßt wie seine Kinder.
Der Mann war Psychiater. Vielleicht erklärt das einiges. Aber es entschuldigt nichts.
Wie die Kinder darauf reagiert haben, darüber schweigt die Geschichte. Vermutlich waren sie "begeistert" (Achtung, Sarkasmus!).

Zwei Dinge wünsche ich mir.
Zum ersten würde ich gern einmal von ein paar anderen Kindern, und solchen, die es waren, wissen, welche schrecklichen Erfahrungen sie mit dem Struwwelpeter gemacht haben.
Zum zweiten würde ich gern von euch, liebe Eltern, wissen: Welcher Teufel reitet euch immer wieder, euren Kindern dieses furchtbare Buch in die Hände zu geben! Wißt ihr, was ihr ihnen damit antut? Man erzieht Kinder nicht, indem man ihnen die Todesfurcht einpflanzt und ihre Seelen foltert.

Ehrlich, ich bin ein erklärter Feind jeglicher Art von Zensur. Ich bin eine erklärte Feindin von jeder Art von Bücherverbrennung.
Aber wenn es ein Buch verdient hat, der Flammen und der Vergessenheit zu werden, dann ist es der "Struwwelpeter" von Heinrich Hoffmann. Es wäre besser für uns, unsere Kinder und unsere Zukunft.

Kommentare:

  1. Wo du so recht hast. Auch wir wurden damit gefoltert... Nicht von meinen Eltern, sondern von meinen Großeltern ;)

    Keine Ahnung was die da geritten hat. Gut, ich war da nicht so "sensitiv" und habe Alpträume davon bekommen, dennoch wurde man immer wieder daran erinnert - damit ermahnt! - wenn irgendwas wieder nicht so war wie es hätte sein sollen.

    Der Daumenlutscher - bei jeder Gelegenheit die sich bot.
    Beim Essen, der Suppenkasper - ja, und das obwohl man gar keinen Hunger mehr hatte!
    und wenn man sich beim Spielen mal wieder - wie für Kinder üblich - auf die Nase gelegt hatte war man -ganz klar- der Hans Guck in die Luft...

    Du schreibst hier weiter, dass Killerspiele Kinderseelen auf dem Gewissen haben - Das möcht ich so jedoch nicht unterstreichen.

    Ich glaube nicht, dass Kinder in selbem "Qualalter" bereits besagte Spiele(-genres) spielen. Das kommt später - tolleriert von den Eltern, die gar nicht wissen (wollen) was ihre Kinder am PC machen (hauptsache sie sind still und nerven nicht rum). Wenns dann doch mal zu viel wird, schickt man sie mit dieser Schreckschraube von RTL in die Wüste.

    Ich war (oder bin?) auch ein "Killerspielekind" jedoch behaupte ich, dass meine Seele noch in Ordnung ist. Diese so oft zitierte "Verrohung durch Computerspiele" beobachte ich bei mir absolut nicht, eher im Gegenteil.

    Naja, aber hier gehts ja nicht um Computerspiele, anderes Thema...

    Ich für meinen Teil werde (sofern ich mal soweit bin) meine Kinder nicht mit solchen Geschichten plagen. Da gibts 'ne Menge schönerer Kinderbücher!

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  2. Spannend. Ich lese ja zur Zeit Naruto und rege mich total wegen der Botschaft auf. Anfangs mochte ich es sehr: Ein Junge, der (wie man heutzutage sagen würde) hyperaktiv ist und viel Unsinn macht und den niemand mag, findet endlich einen Lehrer, der sich um ihn kümmert, und Mitschüler, die ihn akzeptieren und sich sogar mit ihm anfreunden, obwohl er noch Schwierigkeiten hat, Freundschaft zu akzeptieren und andere Kinder eher als seine Rivalen ansieht, und findet dann seinen Weg mit Freunden. Jetzt aber hat es sich verändert, der Junge, der vorher der Rivale war, ist auf der Bösen Seite gelandet, und die Botschaft ist fast so primitiv wie die des Struwwelpeters: Wenn du nicht auf deine Lehrer hörst, und dein Heimatdorf verlässt, wird es böse mit dir enden.

    Ich hoffe immer noch, dass die Serie mit einer etwas differenzierteren Botschaft enden wird, aber im Moment bin ich pessimistisch. Vor allem aber bin ich erschüttert über die vielen zumeist jugendlichen Fans die die Botschaft akzeptierren: Hätte er auf seinen Lehrer gehört und wäre er zuhause geblieben... (genau wie Eltern und Lehrer oft reden.)

    Ich habe dann einmal den Struwwelpeter gegoogelt und fand heraus, dass ausgerechnet Katharina Rutschky (Grande Dame der Kritik an der Schwarzen Pädagogik) den Struwwelpeter durchaus mochte. Sie sagte, es sei ein Buch, das so abstrus sei, dass die Kinder es doch nicht ernst nehmen würden, sondern einfach fasziniert und erstaunt wären, und dass es auch ein Buch sei, dass Eltern und Kinder gemeinsam lesen, so dass dann klar ist, dass das alles nicht real ist, und dass es mit den eigenen Eltern anders zugeht.

    Anscheinend sind deine Erfahrungen als Kind anders gewesen.

    Ich habe keine echte Beziehung zum Struwwelpeter, ehrlich gesagt. Ich habe ihn gelesen, aber ich glaube, meine Reaktion war eher, wie Katharina Rutschky sie beschreibt: Sowohl die Untaten der Kinder als auch die Strafen waren derart weit weg von meiner Realität, dass sie mich nicht sehr berührten. Mit einer Ausnahme vielleicht: die Kinder, die den "Mohren" verspotten.

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  3. ...uuups, doch ein buch, das du hasst.
    mich hat der struwwelpeter in ebendergleichen art begleitet wie dich, durch mutter, großmutter und eigene lektüre - noch bevor ich lesen konnte waren mir die texte sehr vertraut durch das vorlesen, seit frühstem alter.
    ich für meinen teil mochte einige geschichten nicht sehr leiden, da ich, selbst hyperaktiv, beim schaukeln mit dem stuhl, beim indieluftgucken, mich selbst schon ein wenig wiedererkannte und verzweifelt nach unterschieden im erscheinungsbild suchte. mann, war diese mutter hässlich, huch, hatte der hans aber ein dämliches gesicht, so sah ich doch nicht aus... so doch nicht!!!


    bei "minz und maunz" wurde mir immer angst und bang, und wenn ich selber lust auf das spiel mit dem feuer hatte, dann war diese geschichte in meinem hinterkopf und hielt mich ab weiter zu machen.

    der schneider mit der schere, mag schon sein, dass der mich auch ein wenig verfolgt hat, und der suppenkaspar, der gar nicht essen wollte war mir auch ein wenig unheimlich, weil der arme dann ins grab hinein musste. ich hatte durch mein unterernährung als kind das glück auf erhohlung geschickt zu werden, was mir die weite welt schon als kind buchstäblich vor die füße legte und ich sehr bald lernte, dass nicht alles bei jedem als katastrophe enden muss.

    die hasengeschichte fand ich blöd.

    den jungen mit den langen nägeln und den schmutzigen haaren hatte ich sehr bedauert, weil er schon stinken musste, vielleicht schon läuse hatte und mit so langen fingernägeln weder malen noch flöten noch richtig spielen konnte... und ich fand ihn abstoßend und mehr als dämlich.

    ...und dass der nikolaus die kinder wegen ihres spotts in das tintenfass steckte, das finde ich auch heute noch einfach großartig. unsere welt ist voll von heimtückischen, widerlichen mobbing- und anderen übergriffen, von gehässigem sticheln über fremdenfeindlichkeit in massiver form. käme da mal ein nikolaus, nähme die alle beim schopf und tunkte sie mal kurz in ein fass, dass sie mal am eigenen leib ein wenig von dem spüren, was sie anderen antun, dann wäre bisweilen schon ein wenig geholfen.

    nun, ich finde schon, dass es ein grausliches buch ist, aber grauslich sind auch die meisten märchen... viele märchen sind grausam, ihre moral jedoch ist tief verborgen und wenn man niemanden hat, der einem ihr geheimnis verrät,dann bleibt man angstvoll erstarrt und zittert und bebt bei ihrem erleben.

    der struwwelpeter liefert die moral, die bittere konsequenz gleich mit... und bis auf den suppenkaspar und das zündelnde mädchen kam keiner zu tode, wenn ich mich richtig erinnere. anders bei den märchen: bei rotkäppchen gleich zwei leichen, bei den geislein gleich sechs, und so weiter...

    so ein wenig realitätsbezug in der erziehung ist m.m. also gar nicht schlecht.

    ...nur durch die schlimmste warnung und tiefes vertrauen in ein gutes gegenseitiges verhältnis wird es gelingen ein kind durch die unbilden des lebens zu führen, tagein und tagaus... wäre das standard, dann hätten die vielen missbrauchsopfer hilfe bei ihren eltern gefunden, ja, wären gar nicht missbraucht worden, weil sie stark und gestützt worden wären.

    so, damit bin ich beim punkt: die gefahren der welt beim namen nennen, altersgemäß und voller vertrauen, aber doch knallhart - das schützt! ... und das hat der liebe herr hoffmann mit seinem struwwelpeter bezwecken wollen und schließlich auch erreicht...

    liebste grüße und danke für die anregung in diese richtung zu denken...

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