Samstag, 15. Mai 2010

Uwe Schultz "RICHELIEU - DER KARDINAL DES KÖNIGS"



"Er hat mir zu viel Gutes getan, um schlecht über ihn zu reden,
Er hat mir zuviel Schlechtes getan, um gut über ihn zu reden."
So äußerte sich der Dichter Corneille (1606 - 1685) zurückhaltend nach dem Tod von Kardinal Armand Jean du Plessis Herzog von Richelieu.
Uwe Schultz, der 1936 in Hamburg geborene Publizist, ließ es an Corneilles Zurückhaltung fehlen, als er sein Werk "Richelieu - Der Kardinal des Königs" verfaßte. Zwar gibt er zu, im Epilog des Buches, daß der Kardinal, der wie kein anderer im 17. Jahrhundert das Geschick von Frankreich und Europa zu lenken verstand, eine durchaus vielseitige Persönlichkeit war, deren Bewertung durch die Nachwelt "zwischen glühender Bewunderung und grenzenloser Ablehnung" schwankt, doch sein Urteil fällt harsch und einseitig aus, wenn er sich daran macht, Richelieu auf gut dreihundertundvierzig Seiten als skrupellosen Machtmenschen beschreibt, der über Leichen geht und für den keine Grenzen existieren.

Abgesehen davon nimmt sich das Buch im Allgemeinen recht schwachbrüstig aus. Wer C.J. Burckhadts große, dreibändige Richelieu-Biographie kennt, wird von Schultz' Versuch deshalb eher enttäuscht sein. Er legt den Schwerpunkt einddeutig auf die Belagerung von La Rochelle (1627/28) und hält danach den Aufstieg des Kardinals für abgeschlossen. Zu Richelieus europaweitem Wirken in den 1630er Jahren, vor allem von seinem Anteil am Verlauf des Dreißigjährigen Krieges, findet er nur einige marginale Worte. Somit bleibt dem, der keine Vorkenntnisse besitzt, die wirkliche Stellung RIchelieus in der französischen und europäischen Geschichte verborgen.
Recht interessant ist, was Schultz über Jugend und Familie des Kardinals zu sagen weiß, doch auch hier bleibt er nur an der Oberfläche.
In keiner Stelle des Buches tritt einem der Kardinal als Mensch entgegen. Der Verfasser scheint ebenso große Hemmungen zu haben. Fast verächtlich nennt er ihn "Kardinal-Minister" oder "Kardinal-Premierminister", und er läßt es nicht aus, jeglicher Handlung des Kardinals einen negativen Beigeschmack zu verleihen. So sieht er darin, daß Richelieu nach der gewonnenen Belagerung von La Rochelle kein Massaker unter den Hugenotten veranstalten und diese bis zum Tode verfolgen ließ, eine nur schwache Verwurzelung in seinem katholischen Glauben.
Darüber hinaus schmälert er den geschichtswissenschaftlichen Wert seines Buches, indem er Gerüchte als Tatsachen verkauft.
Auch bringt er viele der Persönlichkeiten aus dem Umfeld des Kardinals durcheinander und ignoriert beispielsweise die Tatsache, daß Marschall Schomberg schon ltz 1632 verstarb, indem er diesem eine Rolle bei der Cinq-Mars-Affäire (1635 -1641) zuschrieb.
SChultz' Buch wird der Figur des Armand Jean du Plessis, Kardinal de Richelieu nicht gerecht. Der Autor ist geradezu versessen darauf, den Kardinal als zerfressen von Gier und Machthunger und als einsamen Menschen, der außer Pater Jospeh keine engen Freunde hatte, zu sehen, daß er große Teile von dessen Persönlichkeit übersieht oder einfach leugnet.
Schultz leugnet den großen Staatsmann, den geschickten Diplomaten, den klugen Realpolitiker, den Priester, den Katholiken, den Familienmenschen, den Menschen und den Mann Richelieu. Er verschweigt, daß Richelieu sehr viele Freunde hatte, die ihm treu ergeben waren und denen er seinerseits die Treue hielt. Er verschweigt, daß Richelieu nie aufgehört hat, Priester zu sein, daß er täglich der Messe beiwohnte, wöchentlich beichtete und sich zweimal im Jahr in ein Kloster zu geistigen Exerzizien zurückzog. Er verschweigt, daß der Kardinal ein großer Tierfreund war, dem man viel Geschick im Umgang mit Pferden nachsagte, und der zum Zeitpunkt seines Todes fünfzehn Katzen. Und er verschweigt, daß Richelieu aufrichtig sein ganzes Streben - auf Kosten der eigenen Gesundheit - der Errichtung des Absolutismus in Frankreich widmete.
Mag sein, daß auch viele Schattenseiten den Charakter des Kardinals verdunkeln, aber wer die Macht ergreift und sie nicht nur um ihrer selbst willen, wie es unter heutogen Politkern so Mode geworden ist, innehaben will, sondern wer die Macht will, um damit die Welt zu verändern, der lädt eine große Verantwortung auf sich und kann dann einfach nicht nur Gutes tun, sondern muß tun, was getan werden muß. So hielt es Richelieu.
Fazit: Schultz' Buch ist durchaus lesenswert,allerdings sollte diese Lektüre unbedingt durch die dreibändige Biographie von C.J. Burckhardt ergänzt werden, denn diese Bücher besitzen den Tiefgang, die Ibjektivität und die Hindergründigkeit, die in SChultz' Werk so sehr fehlen.
Nach Richelieus Tod soll Papst Urban VIII (1586 - 1644) gesagt haben: "Wenn es einen Gott gibt, so wird er's vergelten. Wenn nicht, dann war dies in der Tat ein tüchtiger Mann."
Wollen wir es dabei belassen.



Uwe Schultz (2009) "Richelieu - Der Kardinal des Königs. Eine Biographie"
Verlag C.H. Beck oHG, München
ISBN 978-3-406-58358-2

Kommentare:

  1. ...das macht sehr neugierig auf diese schillernde figur.

    ich danke dir sehr, für diese kritik. eines ist sicher, ich wollte, nach diesem niederschmetternden Urteil über Schultz' Buch dieses auf keinen Fall lesen. Wenn doch Burgkhardts Buch alles sagt und gesagt hat, was es zu R. zu sagen gibt, warum mag Schultz dann sein Buch geschrieben haben? Was trieb ihn, in welchen Punkten wollte er NEUES vorlegen, und wenn, in welchen Punkten konnte er damit überzeugen?
    jetzt bin ich voller Fragen. Werde wohl oder übel wieder etwas Historisches zu lesen beginnen...

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  2. Warum Schultz sein Buch geschrieben hat? Um Geld damit zu verdienen.
    Ich lese gerade die Richelieu-Biographie von Philippe Erlanger, einem Franzosen. Das ist quasi der Anti-Schultz. Er schreibt mit viel Tiefgang und großem Fachwissen. Allerdings: obwohl er die Ausgewogenheit wahrt, schreit er manchmal, als wäre er in den Kardinal verliebt.

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